Trauer nach Verlust des Kindes in den ersten Schwangerschaftswochen
Sternenkinder nicht vergessen

Ein Ort des Trostes: In dem Grab am Waldfriedhof werden Frühgeburten unter 500 Gramm beerdigt. Dreimal im Jahr organisieren die Klinikseelsorger hier Trauerfeiern für betroffene Eltern. Bild: Schönberger
 
"Bei einer neuen Schwangerschaft kommt alles wieder hoch. Es ist schwer auszuhalten, dass man es nicht in der Hand hat." Zitat: Elisabeth Schieder, Donum Vitae

"Wenn die Schmerzen schlimmer werden, sollten Sie ins Klinikum gehen." Der Rat ihres Frauenarztes nagt an Alexandra (Name geändert). Auch wenn jetzt viele Jahre vergangen sind, erinnert sie sich noch gut an die bangen Tage kurz vor Weihnachten 2008, als ihre Schwangerschaft ein jähes Ende nimmt.

Die 32-Jährige ist seit 10 Wochen schwanger und freut sich darauf, Mama zu werden. Doch ein Ziehen im Unterleib dämpft jegliche Glücksgefühle. An die Nacht will Alexandra gar nicht denken. Stundenlange Krämpfe im Minutentakt hielten sie wach: "Ich habe mich auf der Couch zusammengekrümmt", erinnert sie sich. Der Frauenarzt, den sie am Vormittag besucht, macht ihr kaum Hoffnungen. Wenn die Blutungen nicht nachlassen, müsse sie zur Ausschabung ins Krankenhaus. Am Nachmittag entschließt sich Alexandra, ins Klinikum zu fahren. "Es hatte keinen Sinn mehr", blickt sie auf diesen 23. Dezember zurück.

Tränen kullern

Auf dem Weg in den OP kullern die Tränen. "Eine Schwester hat mich damals getröstet. Sie hat gesagt, sie habe das auch schon mitgemacht." Nach ein paar Stunden darf Alexandra wieder nach Hause. "Noch lange danach habe ich mich gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe." Irgendwann schwinden die Schuldgefühle, doch den errechneten Geburtstermin des Babys, das keine Chance auf Leben hatte, wird sie nie vergessen.

Das Schicksal von Alexandra teilen viele, doch kaum jemand spricht darüber. Elisabeth Schieder von Donum Vitae kann sich gut in die Gefühle der Betroffenen hineinversetzen. Die staatlich anerkannte Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen betreut auch Frauen mit Fehl- oder Totgeburten. Während die Trauer von Eltern, die in fortgeschrittenen Schwangerschaftswochen ein Kind verlieren, nicht hinterfragt wird, mangelt es im Frühstadium häufig an Akzeptanz. "Für die Umwelt war das Thema noch nicht real, für die Mütter schon", weiß die Leiterin von Donum Vitae. "Viele machen sich schon ein Bild vom Kind und haben Wünsche, Hoffnungen und Träume."

Doch nur selten sucht jemand ganz gezielt nach einem frühen Verlust Rat. "Meist kommen diese Probleme ans Licht, wenn die Frau wieder schwanger ist", weiß Schieder. Der Punkt, an dem die akuten Ängste nach einem Verlust schwinden, sei nach ein paar Wochen überwunden. "Doch bei einer neuen Schwangerschaft kommt alles wieder hoch. Es ist schwer auszuhalten, dass man es nicht in der Hand hat." Viele würden sich Vorwürfe machen. Habe ich mich falsch ernährt? Habe ich zu schwer gehoben?

"50 Prozent aller Schwangerschaften gehen in den ersten Wochen verloren", sagt Dr. Karlheinz Mark von der Klinik für Frauenheilkunde und Gynäkologie. Ausschabungen gehören im Klinikalltag zum "traurigen Tagesgeschäft". Da die Statistik diese Zahlen nicht extra ausweist, kann Mark nur schätzen. "200 Fälle im Jahr", vermutet der Oberarzt. "Einige Frauen werden von ihrem Arzt zu uns geschickt, andere kommen von selber, weil sie Schmerzen und Blutungen haben, meist nachts oder am Wochenende." Mark kann nachvollziehen, dass diese Situation belastend ist. "Vor allem, wenn dies immer wieder passiert." Nach dem ersten Mal könne man Frauen noch Mut zusprechen, doch nach der dritten Fehlgeburt sei das viel schlimmer.

Gespräch mit Seelsorger

"Auf Wunsch sind wir da", bietet Klinikseelsorger Pfarrer Hans-Gerd Geiger den Eltern an. "Entweder um zu reden oder auch nur miteinander zu schweigen." Je älter die totgeborenen Babys sind, desto größer sei der Gesprächsbedarf. Dreimal im Jahr halten er und seine evangelische Kollegin Sabine Dachauer am Waldfriedhof eine ökumenische Trauerfeier ab. Das Klinikum hat mittlerweile für Fehlgeburten unter 500 Gramm eine eigene Grabstätte. Früher landeteten solche Kinder im Krankenhausmüll. Das Angebot wird angenommen. "10 bis 20 Betroffene nehmen an den Feiern teil", schätzt Geiger. Termine sind im März, Juli und Oktober.

Viele trauernde Eltern sind froh, nicht alleine gelassen zu werden. Rund um den Grabstein, den der Bildhauer Günter Mauermann gestaltet hat, sitzen Engelsfiguren. Ein Windrad dreht sich. Zwischen Bodendeckern und Erika liegt ein Spielzeugauto. "Ich habe schon Frauen zu dieser Trauerfeier am Waldfriedhof begleitet", erzählt Elisabeth Schieder. Für sie ist wichtig, dass Betroffenen ihre Ängste aussprechen dürfen. "Man sollte nichts beschwichtigen, sondern schauen, wie man damit umgehen kann." Ein Abschied sei der erster Schritt, die Situation zu verarbeiten. Manche würden den Mutterpass, das erste Ultraschallbild oder einen Strampler aufbewahren.

Die Leiterin von Donum Vitae empfiehlt die Bücher von Heike Wolter oder ein Erinnerungsalbum "Mein Sternenkind". Das Begleitbuch "Meine Folgeschwangerschaft" erleichtert Schwangeren, beim zweiten Anlauf nicht zu verzweifeln.

Bei einer neuen Schwangerschaft kommt alles wieder hoch. Es ist schwer auszuhalten, dass man es nicht in der Hand hat.Elisabeth Schieder, Donum Vitae
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