Tschechen ermitteln fünf Tatverdächtige - und lassen zwei zu früh laufen
Prager Fahnder jagen Rio-Räuber

Mehrere Polizeibeamte sind während der ganzen Verhandlung im Gerichtssaal. Nachdem es zuletzt zu einer Drohgebärde des Hauptangeklagten gegenüber einem Zeugen gekommen war, beobachtet von einem USK-Beamten, sind die Sicherheitsvorkehrungen noch verstärkt worden. Bild: ca

Ohne die Unterstützung der Prager Polizei hätte der Raubüberfall in Grafenwöhr nicht geklärt werden können. Die Tschechen nahmen vier Tatverdächtige fest - auch wenn sie zwei davon zu früh laufen ließen. Am Mittwoch sagen beteiligte Beamte in Weiden aus. Ein Angehöriger einer Spezialeinheit darf dabei sein Gesicht verbergen: Er trägt eine Sturmhaube.

Weiden/Grafenwöhr. Nur die Augen sind zu sehen. Dazu trägt der 1,90-Meter-Mann ein fliederfarbenes Hemd und Jeans. Die Tarnung ruft bei den Verteidigern einige Empörung hervor. Anwalt Professor Dr. Jan Bockemühl spricht von "Mummenschanz": "Hier gelten die deutschen Spielregeln. Entweder er sagt aus oder nicht." Am Ende gilt: Viel Lärm um wenig. Der Angehörige eines Sondereinsatzkommandos kann sich sowieso kaum an die Beschuldigten erinnern: "Meine Aufgabe ist es nur, die Leute festzunehmen. Fünf Minuten später wartet auf mich schon der nächste Einsatz."

Die Erinnerungen der Prager Kriminalbeamten sind da schon ausführlicher. Als das deutsche Ersuchen einging, gründeten die Tschechen eine Arbeitsgruppe "Rio", an der über 200 Personen beteiligt waren. Die Tschechen kamen über das Tatfahrzeug - einen Renault Megane - auf die Tatverdächtigen. Ein Kriminalpolizist klickte sich durch die Aufnahmen einer Prager Tunnelkamera und stieß auf ein brauchbares Infrarot-Foto, aufgenommen wenige Stunden vor der Tat. Am Steuer des Renault sitzt der Hauptangeklagte in Weiden, Viktor C. Es folgten Überwachungsmaßnahmen.

Die Recherchen mündeten im Oktober 2016 in drei Festnahmeaktionen im Minutentakt. Die Spezialeinheit nahm sieben Personen in einer Pension sowie in einer Wohnung in Prag fest. In einem Zimmer wurde eine geladene Pistole sichergestellt. In U-Haft kam am Ende der von Bocke-mühl vertretene 24-jährige Ukrainer, der das Tatfahrzeug gemietet hatte. Er stand im Verdacht, im September 2016 auch in einen nächtlichen Überfall auf ein Haus der vietnamesische Community in Oleska verwickelt gewesen zu sein. In Haft blieb auch Viktor C., der Mann vom Foto der Prager Tunnelkamera. Er hat zwei Alias-Identitäten.

Frei ließen die Tschechen allerdings - bedauerlicherweise - die festgenommenen Zimmerkumpels Oleg B. und Vadim C., die unverdächtig im Fall "Rio" galten. Man nahm zumindest routinemäßig Speichelabstriche - die später zu einer Übereinstimmung mit Grafenwöhrer Tatortspuren führten. Die Spurensicherung hatte ihre DNA an den Strickwesten der Opfer, des damals 89-Jährigen und seiner 80-jährigen Frau, sichergestellt. Nur waren zum Zeitpunkt der Treffer beim Landeskriminalamt die beiden Moldawier schon auf freiem Fuß. Sie sind bis heute flüchtig.

Anwalt Jörg Sodan beantragte am Mittwoch die sofortige Freilassung seines Mandanten Viktor C. Aus seiner Sicht stützt die bisherige Beweisaufnahme die Anklage nicht. Zwar fand sich am Tatort ein Gartenhandschuh mit der DNA des Hauptangeklagten. Aber den hätte laut Sodan genauso gut einer seiner Bekannten mitgebracht haben können.

Auch das Verkehrsüberwachungsfoto genügt Sodan nicht, obwohl sich Viktor C. auf diesem Foto bei der tschechischen Polizei selbst erkannt hatte. Zum einen hält Sodan diese Aussage für verfälscht wiedergegeben. Und selbst wenn Viktor C. das Auto in Prag gefahren habe, könne er auf dem Weg in die Oberpfalz ausgestiegen sein. Über den Antrag entscheidet die Strafkammer unter Vorsitz von Markus Fillinger am Donnerstag, 12. April. Die bisherige Stellungnahme von Staatsanwalt Peter Frischholz: "Wir sind mitten in der Beweisaufnahme. Ich sehe mitnichten irgendein entlastendes Moment."

Schlaganfall durch Überfall?War der Überfall auf den damals 89-jährigen Grafenwöhrer der Auslöser für einen Schlaganfall? Der Weidener Neurologe Dr. Michael Angerer und Rechtsmediziner Professor Dr. Peter Betz aus Erlangen beschäftigten sich vor Gericht mit dieser Frage. Schon der Notarzt hatte bei dem Senior Sensibilitätsstörungen in Armen und Beinen festgestellt. Am Morgen des Tattags, 11. April 2016, hatte der rüstige Herr noch eingekauft und war Auto gefahren. Eine Kernspintomographie bestätigte schließlich einen "frischen" Schlaganfall.

Eine plausible Möglichkeit ist nach Ansicht des Rechtsmediziners Betz, dass sich durch Schläge auf den Kopf Plaquepartikel in der Halsschlagader des Seniors lösten, was zum Schlaganfall führte. Seine Halsschlagader war in der Vergangenheit nach einer Verengung schon einmal operiert worden.

Der 91-Jährige ist von den Tätern geschlagen worden, so Betz. Anders seien das "Brillenhämatom" um die Augen und weitere blaue Flecke im Gesicht nicht erklärbar. Auf Verteidigernachfrage schloss der Mediziner einen Sturz als Ursache für diese Verletzungen aus. Vielmehr habe der alte Mann Schläge ins Gesicht bekommen, wie er das auch der Polizei berichtet hatte. (ca)

Highheel-Helfer

Alles für die deutsch-tschechische Zusammenarbeit. Als der attraktiven Übersetzerin des Gemeinsamen Zentrums Petrovice-Schwandorf ein Stöckel ihres "Highheels" abbrach, chauffierte eine Streife der Polizeiinspektion Weiden die Dolmetscherin mittags in ein Schuhgeschäft. Bei der Gelegenheit wurden gleich noch die Prager Kriminalbeamten in die Weidener Gastronomie eingewiesen, da sich ihre Vernehmung von Vormittag auf Nachmittag verschob. Am Ende dauerte die Befragung bis in den Abend.
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