Unter der Haube: Automobiler Alltag mit einem fast 30 Jahre alten Volvo 240
Eine neue Liebe

Ein Auto mit Ecken und Kanten. Und noch mehr Ecken und Kanten.
 
Der Volvo ist so wenig ein "Lifestyle-Kombi", wie es nur möglich ist. "Ladevolumen statt Aerodynamik" lautet das Motto.

Die Stoßstange ist schief. Teile der Heckklappe bestehen aus Rost und Spachtelmasse. Schwarze Gummiteile sind großzügig mit roter Politur besudelt. Die linke hintere Tür hat zwei verschiedene Farben. Die Bremsen haben es hinter sich und innen müffelt es. In anderen Worten: Ich bin in diesen Volvo 240 verliebt. Und Schuld daran ist mein Großonkel.

Der war in den 1960er Jahren nach Stockholm ausgewandert, in die Hauptstadt des Landes von Ronja Räubertochter, Köttbullar und Autos mit Ecken und Kanten. So eines fuhr mein schwedischer Verwandter mit Migrationshintergrund in den 1980er Jahren. Ich fuhr bei unseren Besuchen als kleiner Bub auf der Rückbank mit. Wie breit und bequem die war! Und diese Karosserieform! Als hätten die Designer bei Volvo die Aufgabe gehabt: „Zeichnet ein Auto nur mit dem Lineal.“ Als wäre das Prinzip der Aerodynamik zu dieser Zeit noch völlig unbekannt gewesen.

Mich hat diese Form schon als kleiner Bub begeistert. Vielleicht, weil die kantigen Autos aus dem Norden so anders waren, als die meisten Autos, die ich aus dem westdeutschen Straßenverkehr kannte. Das waren die ersten Japan-Importe, VW Golfs und Opel Kadetts, spießige Mercedes- und prollige BMW-Limousinen. Selbst der Audi 100 C3, aus heutiger Sicht ein Wagen wie ein Keil, war ein Wunderwerk an organischen Formen im Vergleich zum 240er Volvo, der kaum verändert seit 1974 gebaut wurde.

35 Jahre später stehe ich nun im Hinterhof eines Anwesens nicht weit von Regensburg. In der Scheune parken chromblitzende Mercedes-Limousinen aus mehreren Jahrzehnten. Edles Altmetall mit Stern. Diese Wagen sind die Leidenschaft des Hausherren und seines Sohns. Irgendwann war den beiden dann der Volvo 240 Kombi zugelaufen. Nun muss er weg.

Der Sohn dreht den Zündschlüssel. 2,3 Liter Hubraum werden komprimiert und wieder entleert. Dazu ein Sound, als würde man eine Turbine starten. Dezibel statt Pferdestärken. Ich muss den Wagen haben. Denkbar schlechte Voraussetzungen für die Preis-Verhandlungen. Also: Pokerface aufsetzen, mit den Fingern über jede Delle streichen, immer mal wieder ein skeptisches „Naja…“ in den Raum stellen.

Als der Verkäufer mein Angebot – knapp über dem Preis eines Satzes Winterräder für mein reguläres Auto – akzeptiert: Nicken, ruhig bleiben, reinsetzen, vom Hof rollen, 100 Meter fahren, Freudenschrei. Ich habe ein Auto, wie das von meinem Großonkel, einen Alltagsklassiker, eine Design-Ikone. Fünf Meter Schwedenstahl aus einer Zeit, als Sicherheit noch in Zentimeter Knautschzone (vom Armaturenbrett bis zum Horizont) statt Anzahl an Airbags (null) gemessen wurde.

Ich fahre auf der B22 in Richtung Weiden. In der ersten Kurve bewirkt der Tritt aufs Bremspedal keine merkliche Reduktion der Geschwindigkeit. Das Lenkrad flattert, der Tacho geht ohnehin nicht. Und der erste Gang muss jedes Mal mit sanfter Gewalt überzeugt werden, seinen Dienst aufzunehmen. Diese Liebe wird noch viel Blut, Schweiß und Tränen kosten. Aber ich bin ja ein talentierter Schrauber. Denke ich zumindest zu diesem Zeitpunkt noch...





An dieser Stelle berichtet Autor Thomas Webel in unregelmäßigen Abständen von seinen Erfahrungen mit einem fast 30 Jahre alten Auto. Er fährt es im Alltag, testet seine Schrauber-Fähigkeiten und schildert die Reaktionen seiner Mitmenschen.
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