28.03.2018 - 17:16 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Verzweifelter Kampf: Familie Khankishiyev droht nach fünf Jahren Abschiebung "Es ist eine Schande"

Ilkin Khankishiyev sitzt mit seinen drei Söhnen im Wohnzimmer - dem Raum, in dem vergangene Woche "das Leben der Familie zusammenbrach". Nervös zerknüllt er ein Taschentuch, blickt immer wieder zur Wohnungstür - aus Angst, es könnte klingeln und die endgültige Abschiebung stünde vor der Tür.

Ilkin Khankishiyev (Zweiter von rechts) und seine Kinder Ibrahim (von links), Ravan und Mustajab leben in ständiger Angst vor der Abschiebung. Imke Saße (links) und Abdullah Ugur wollen "alles versuchen", damit die Familie aus Aserbaidschan in ihrer neuen Heimat Weiden bleiben kann. Bild: Meister
von Julia Hammer Kontakt Profil

An den Wänden hängen Bilder, die eine glückliche Familie zeigen - gemeinsame Ausflüge in die Natur, eine strahlende Mutter, die Grimassen mit ihren lachenden Kindern zieht. Geblieben ist davon nichts. Familie Khankishiyev ist verzweifelt. Vergangenen Dienstag ändert sich das Leben der Aserbaidschaner von einem Moment auf den anderen. Es ist sechs Uhr morgens. Der Vater macht sich für die Arbeit in einer Betonbaufirma fertig, als es läutet. Als der 41-Jährige öffnet, bricht für ihn "eine Welt zusammen".

Vier Polizisten zeigen ihm den Abschiebebescheid, wollen die Familie sofort mitnehmen. "Ich habe sie angefleht, nur mich mitzunehmen. Meine Kinder sollten hier bleiben, sie gehen doch zur Schule, meine Frau ist krank", erzählt der Vater. "Sie sagten, wir haben eine halbe Stunde Zeit, um zu packen", erinnern sich die Söhne Ravan und Mustajab. Um 13 Uhr sollte das Flugzeug von Frankfurt starten - mit der Familie an Bord. Die 34-jährige Mutter Shafaq bricht zusammen. Zu hoch ist der Druck, zu groß der Schock. "Wir dachten, sie stirbt", erinnert sich der 13-jährige Mustajab. Immer wieder ertastet er ihren Puls, bis der Krankenwagen eintrifft. "Ich wollte sicher sein, dass sie noch lebt." Der Notarzt bringt sie ins Bezirksklinikum Wöllershof. Die Beamten gehen, der Vater bleibt mit den Söhnen in der Wohnung zurück. "Es ist eine Schande, wie mit diesen Menschen umgegangen wird", kritisiert Abdullah Ugur, gesetzlicher Betreuer der Familie.

Kinder dürfen Mutter nicht sehen

"Bis zu diesem Moment waren wir glücklich. Jetzt kann ich an nichts anderes denken, habe Angst, dass die Polizei wieder kommt", erzählt Mustajab mit gesenktem Kopf. Sein Vater legt einen Arm um ihn. Die Mutter haben sie an diesem Tag das letzte Mal gesehen. Besuchen dürfen sie die 34-Jährige nicht. "Sie ist in der geschlossenen Abteilung. Nur Angehörige ersten Grades ab 18 Jahren dürfen da rein", erzählt Imke Saße. Seit Jahren unterstützt die Nachbarin die Familie, die ihr "so ans Herz gewachsen ist".

Im November 2012 reisen die Khankishiyevs nach Deutschland ein, stellen Antrag auf Asyl. In Aserbaidschan wurden sie "von Privatpersonen" bedroht, zwei Brüder von Ilkin schwer verletzt. Um seine Kinder und seine Frau zu schützen, entscheidet der Vater, das Land zu verlassen. Nur zwei Wochen nach ihrer Ankunft kommt es zu einem tragischen Unfall. Der damals 7-jährige Mustajab stürzt über ein Treppengeländer und fällt zwei Stockwerke tief. Er verletzt sich schwer, muss operiert werden. Zu dieser Zeit spricht niemand Deutsch, die Mutter versteht nicht, was die Ärzte mit ihrem Sohn machen, "denkt, er stirbt ihr unter den Händen weg", erzählt Ugur. Sie ist mit ihrem dritten Kind Ibrahim schwanger. Die Belastung ist zu hoch, die Depressionen beginnen. "Seitdem ist Shafaq in psychologischer Behandlung. "Sie hat große Fortschritte gemacht." Bis vergangenen Dienstag. "Jetzt ist es wieder so wie vor fünf Jahren. Wir fangen wieder bei Null an. Es ist so traurig", bedauert Ugur.

"Sie hängen in der Luft"

"Trotz der schwierigen Umstände - dem Unfall und der Depressionen - war das Anpassen nicht schwer", erzählt der Vater. Die beiden ältesten Söhne finden Freunde, schaffen den Übertritt auf das Kepler-Gymnasium, engagieren sich in Sportvereinen. Die Mutter belegt einen Deutschkurs, freundet sich mit anderen Eltern und Nachbarn an. Und auch dem Vater gelingt es, eine Arbeit zu finden. Firuz Puran, Inhaber der Firma "Personalleasing", erinnert sich noch gut an seine erste Begegnung mit Khankishiyer. "Er ist mit Imke Saße zu mir gekommen, wollte arbeiten. Alle zwei Tage hat er sich bei mir erkundigt, ob ich schon etwas gefunden habe. Das ist nicht selbstverständlich." Puran vermittelt den 41-Jährigen, der in seiner Heimat als Brennschneider gearbeitet hat. "Er hat sich ausgezeichnet mit den Kollegen verstanden, die Chefs waren begeistert." Der Firmeninhaber ist entsetzt, was die Familie nun durchmachen muss. "Sie hängen in der Luft. Der Vater darf nicht mehr arbeiten. Es ist einfach unfair."

Doch was erwartet die Familie, wenn sie zurück nach Aserbaidschan muss? "Wir haben dort keine Freunde, sprechen die Sprache kaum", erzählen die Kinder. Eine ungewisse Zukunft - ohne Haus, Arbeit, soziale Kontakte. Auch die Männer, von denen die Familie bedroht wurde, seien noch immer auf freiem Fuß. Um das zu verhindern, will Armin Demuth, Anwalt der Familie, einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht einreichen. Doch wichtige Dokumente fehlen - ärztliche Unterlagen, die den schlechten Zustand der Mutter bescheinigen. "Es läuft ein Asylfolgeantrag, auf den wir bis heute keine Antwort bekommen haben", erzählt Ugur. "Es ist alles offen. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Deshalb brauchen wir die Unterstützung der Bürger und der Sozialverbände."

Unterstützung erhält die Familie auch von Sigrid Bloch, Leiterin des Kepler-Gymnasiums. Sie wendet sich mit einem Brief an die Behörden - unterschrieben von 50 Lehrern. „Beide Schüler haben sich hervorragend in die Schule integriert (...). Ein Herausreißen aus dieser gewachsenen Klassen- und Schulgemeinschaft, in der sich Ravan und Mustajab sehr wohl und aufgehoben fühlen, würde nach Ansicht der Lehrkräfte zu einer extremen psychischen und emotionalen Belastung der Kinder führen“, heißt es darin. Auch die Klassenkameraden werden aktiv. Sie sammeln 326 Unterschriften von Mitschülern. Die Familie ist beliebt, von Nachbarn und Freunden geschätzt. "Das hilft uns in dieser schweren Zeit", betont der Vater. "Viele setzen sich für sie ein. Doch ob das alles etwas bringt, wissen wir nicht", sagt Saße. Tränen laufen über ihre Wangen. "Am schlimmsten ist die Ungewissheit. Für uns alle. Aber wir werden alles tun, damit unsere Freunde bei uns bleiben können."

Alle über einen Kamm

  Angemerkt von Michaela Lowak

Viele können über das Asylrecht nur den Kopf schütteln. Nur das Herkunftsland zählt, alles andere scheint egal. Ob sich jemand letztendlich integriert oder nicht, hat keine Auswirkungen auf das Bleiberecht.

Albert Füracker, inzwischen Minister, verteidigte vor einiger Zeit bei einer CSU-Ehrung im Landkreis die "schwarze" Asylpolitik. "Wir haben gültige Gesetze und es ist nicht unchristlich, wenn diese vollzogen werden und jemand in sein Heimatland zurückgeschickt wird." Das mag auf dem Papier so stimmen, doch die Praxis sieht anders aus. Denn die Entscheidung, ob ein Asylantrag genehmigt wird oder nicht, fällt ja nicht nach wenigen Wochen. Es dauert Jahre, bis der Antrag bearbeitet wird und dann vergehen noch einmal Monate, bis klar ist, ob jemand bleiben darf oder nicht.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Familie vier bis fünf Jahre in Deutschland lebt, ohne, dass etwas passiert. Ein Zeitraum, in dem es viele schaffen, Deutsch zu lernen, sich Arbeit zu suchen und sich Vereinen anschließen. Kinder finden Freunde und etliche besuchen trotz anfänglicher Sprachbarrieren das Gymnasium. Vielleicht kann sich ein Politiker nicht vorstellen, dass dies möglich ist, aber solche Leute gibt es. Besonders bitter ist, dass redliche, ehrliche Menschen mit all jenen über einen Kamm geschoren werden, denen Integration egal ist, die nichts arbeiten, sich nicht anpassen, unter sich bleiben und mit der deutschen Nachbarschaft nichts am Hut haben wollen.

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Kommentare

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E. K.

Und noch diesen Artikel möchte ich kommentieren, weil er auch einen Eindruck erwecken soll, dass eine Familie zu unrecht behandelt wird.
Ich weiss, dass der Familienvater einen Deutschkurs besuchen sollte, das hat er gemacht, aber er war nicht immer anwesend. Sprich, aus 10 Unterrichten besuchte er gerade noch die Hälfte. Und er hatte kein Buch, machte nie Hausaufgabe. Der Wunsch eine Sprache zu lernen, um sich zu integrieren, sieht für mich anders aus.
Ich habe vor meinen Augen auch andere Beispiele, die tatsächlich etwas machen, aber über die schreibt man hier leider nicht.

08.06.2018