Vieles im Argen
Hebammen schlagen Alarm

Hausbesuch beim kleinen Anton und seiner Mama Cornelia Dirnberger (links) in Weiden: Hebamme Maja Thesing schaut regelmäßig vorbei und gibt wertvolle Tipps. Bild: Weiß
   
Astrid Giesen. Bild: hfz
 

Die allererste Hand, die ein Neugeborenes hält, gehört meist einer Hebamme. Frauen bei der Entbindung zu unterstützen, ist eine traditionsreiche und vor allem verantwortungsvolle Aufgabe - doch die professionellen Geburtshelferinnen schlagen Alarm: Vieles liegt derzeit im Argen.

Weiden/Regensburg. Satt und zufrieden schlummert der kleine Anton in Mamas Arm. Kein Wunder - gerade eben ist er ausgiebig gestillt worden. Cornelia Dirnberger aus Weiden freut sich, dass ihr erstes Kind sich so gut entwickelt und glaubt, dass dafür auch der enge Kontakt zu Hebamme Maja Thesing entscheidend ist: "Für mich ist das wichtig. Ich finde es toll, eine feste Ansprechpartnerin zu haben. Diese Rückversicherung habe ich einfach gebraucht."

Denn wie die meisten Frauen hat Dirnberger schon drei Tage nach der Entbindung zusammen mit dem Baby die Klinik verlassen - und war dann ganz auf sich allein gestellt. Die eigene Verwandtschaft lebt in München und die Schwiegermutter in Schönsee. Das Angebot ihrer Hebamme, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, nahm die junge Mutter deshalb gerne an.

Mehr als nur ein Standbein

"Dafür zahlt die Kasse", betont Thesing, "aber viele Mütter wissen gar nicht, worauf sie alles Anspruch haben." Die gebürtige Niedersächsin arbeitet seit 1992 in ihrem Traumberuf. Als Geburtshelferin ist sie jedoch nicht mehr tätig - stattdessen hat sich Thesing nach einem ergänzenden Psychologiestudium zunehmend in Richtung "Familienhebamme" orientiert, ist ausgebildete Yoga-Lehrerin und Homöopathin. Diese zusätzlichen "Standbeine" brauche sie, denn "die ursprüngliche Hebammenarbeit reicht einfach nicht mehr."

Obwohl Thesing ihren "Traumberuf" liebt, könne sie aufgrund der vielfältigen Schwierigkeiten heutzutage kaum jemandem mit gutem Gewissen raten, eine Hebammenausbildung zu beginnen. Der Grund für ihren Pessimismus: "Man muss mit sehr viel Idealismus herangehen und man muss mit seinem Einkommen notfalls auch allein eine Familie ernähren können." Bei "umgerechnet 8,50 Euro Stundenlohn", wie er sich in manchen Arbeitsbereichen der Hebammen errechne, sei das jedoch kaum möglich, findet sie.

Astrid Giesen aus Regensburg, die Landesvorsitzende der Bayerischen Hebammen, sieht das nicht ganz so dramatisch. Eine freiberufliche Hebamme müsse sich eben als selbstständige Unternehmerin begreifen und entsprechend kalkulieren. "Auch Hebammen müssen lernen, wirtschaftlich zu arbeiten", sagt Giesen. Sie räumt aber ein: Wenn es für eine Geburt eine pauschale Zahlung von 280 Euro gebe, die Entbindung jedoch zehn Stunden dauere, habe die Hebamme am Ende natürlich für einen Stundenlohn von gerade einmal 28 Euro gearbeitet - nicht gerade üppig für eine Selbständige, die schließlich keine Sozialleistungen von Arbeitgeberseite beziehe.

Anders sehe es bei Hausbesuchen aus, für die Hebammen pauschal rund 32 Euro abrechnen können. "Das ist zwar nicht viel, aber man muss den Besuch dann halt zeitlich auf 30 bis 40 Minuten beschränken und notfalls öfter kommen," sagt Giesen. Für Maja Thesing wäre das jedoch keine Lösung: "Aus meiner Erfahrung sind nicht wenige Hausbesuche so zeitintensiv, dass für sie der übliche Zeitansatz von 30 bis 40 Minuten nicht ausreicht, um in der Situation qualifiziert Hilfe zu leisten." Beim kleinen Anton etwa war sie dabei, als Mama ihn zum ersten Mal gebadet hat. "Das wollte ich auch wirklich nur mit der Maja machen," betont Cornelia Dirnberger.

In Bayern, sagt Astrid Giesen, "arbeiten traditionell die meisten Hebammen freiberuflich." Wegen eines schlechten Personalschlüssels in den Krankenhäusern werde das wohl auch so bleiben: "Viele Kliniken finden einfach keine Hebammen mehr zur Festanstellung." Ein allgemeiner Systemwechsel auf Beleghebammen helfe allerdings auch nicht weiter, glaubt Giesen. "Das hat zwar beispielsweise in München die Probleme kurzfristig gelöst. Langfristig müssen wir aber unbedingt die Rahmenbedingungen für Hebammen verbessern. Es muss genug Personal an den Kliniken da sein und eine gute Geburtshilfe sichergestellt sein."

Die bayerische Landeshauptstadt München, so Giesen, leide schon "seit über zehn Jahren an einem extremen Mangel an Hebammen." In Nürnberg sei das anders, und auch in Regensburg könne es nur zu Stoßzeiten Probleme geben, eine Hebamme für die Wochenbettbetreuung zu finden. Allgemein sei die Situation in der Oberpfalz eher entspannt - mit Ausnahme des Landkreises Cham. "Dort gibt es momentan tatsächlich keine einzige Hebamme, die neben der Geburtshilfe noch Wochenbettbetreuung macht," sagt Giesen. "Wenn die Hebammen das täten, müsste im schlimmsten Fall die Entbindungsstation in Cham schließen und die Frauen hätten noch längere Anfahrtswege als jetzt schon."

Sowohl absolut als auch relativ (Hebammen auf je 100 000 Frauen im gebärfähigen Alter) hat sich die Zahl der Geburtshelferinnen in Bayern im Zeitraum von 2003 bis 2014 dabei keineswegs verringert, sondern sogar stetig erhöht. "Es sind auf jeden Fall mehr geworden", bestätigt Giesen. Dass es trotzdem zu Engpässen in Geburtshilfe und Wochenbettbetreuung kommt, habe andere Gründe: "Viele Hebammen arbeiten inzwischen nur noch Teilzeit oder sogar in geringfügiger Beschäftigung."

Auf geringfügiger Basis

Zum einen wollten auch Hebammen nicht mehr auf eine eigene Familie verzichten, weil sie rund um die Uhr für ihre Patientinnen da sein müssen. Zum anderen liege es aber auch an der Verdienstsituation, dass viele verheiratete Geburtshelferinnen den 450-Euro-Job vorzögen: "Die Hebammen sagen sich dann: Um netto dasselbe herauszubekommen, muss ich ansonsten das Dreifache arbeiten. Und um mehr zu verdienen, sogar das Vierfache. Das lohnt sich nicht."

Cornelia Dirnberger ist froh, Thesing an ihrer Seite zu haben. Weil sie aus München stammt und erlebt hat, wie verzweifelt ihre Schwägerin und ihre Freundin dort eine Hebamme suchten, hat sie sich frühzeitig umgehört. Durch Mundpropaganda fand sie Maja Thesing - und ist vollauf zufrieden. Auch die Hebamme freut sich - "von den Familien erfahren wir nämlich ganz große Wertschätzung."

Ich finde es toll, eine feste Ansprechpartnerin zu haben. Diese Rückversicherung habe ich einfach gebraucht.Cornelia Dirnberger, Mutter des kleinen Anton, aus Weiden

Haftpflichtprämie ein Dauerthema

Ein besonders heikles Thema ist die Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen. Die Prämien sind in den vergangenen Jahren geradezu explodiert - von 357,90 DM im Jahr 1999 bis auf aktuell 6843 Euro, Tendenz weiter steigend. Die Geburtshelferinnen müssen den Jahresbeitrag im Voraus leisten. Erst sechs Monate später können Hebammen, die pro Quartal mindestens eine Geburt bei einer gesetzlichen versicherten Frau betreut haben, einen sogenannten Sicherstellungszuschlag bei den Kassen beantragen. Dieser ermöglicht eine Teilerstattung der Haftpflichtprämie. Wir sprachen darüber mit Astrid Giesen, der Vorsitzenden des Bayerischen Hebammen-Landesverbandes.

Hat die Steigerung der Beitragszahlungen Auswirkungen auf die Berufsausübung der Hebammen?

Giesen: Ich denke schon, dass viele Hebammen wegen der hohen Beträge mit der Geburtbetreuung aufhören. Bei den Ärzten ist die Problematik allerdings ähnlich. Die Entwicklung ist trotz einiger Verbesserungen auch sicher noch nicht gestoppt.

Die Versicherer begründen die stark erhöhten Beiträge mit dem drastischen Anstieg der Kosten für schwere Geburtsschäden. Es könne auch zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommen, wie viel Schuld die Hebamme an einem Geburtsschaden trägt.

Giesen: In der Geburtshilfe ist es grundsätzlich nicht einfach, einen "Schuldigen" zu finden. Jeder Beteiligte versucht, die Verantwortung für einen Geburtsschaden weiterzuschieben. Auch die Versicherungen versuchen natürlich, nicht zahlen zu müssen. Oft geht ein regelrechter Kampf los, der keinem der Beteiligten gut tut. Außerdem verhindern wir so die Entwicklung einer sinnvollen Fehlerkultur. Und ich persönlich kenne keine Hebamme, die nach einem solchen Schadenersatzprozess noch in der Geburtshilfe arbeitet.

Zahlen und DatenIm Jahr 2014 gab es bayernweit 116 Kliniken mit einer geburtshilflichen Abteilung. Davon arbeiteten 81 mit Beleghebammen, die 57 321 Geburten betreuten. 33 Entbindungsstationen hatten fest angestellte Hebammen (45 044 Geburten), in Ingolstadt bestand zudem eine geburtshilfliche Abteilung mit einem Mischsystem (2127 Geburten).

Außerklinisch kam es im ganzen Freistaat im Jahr 2014 nur zu 2200 Entbindungen. Der Anteil an allen Geburten liegt damit bei lediglich 2,2 Prozent. Manche Kinder kommen zu Hause auf die Welt, andere in von Hebammen geleiteten Einrichtungen, sogenannten "Geburtshäusern".

In den vergangenen zehn Jahren haben in ganz Bayern 40 geburtshilfliche Einrichtungen geschlossen - teils aus wirtschaftlichen Gründen, teils aber auch, weil sie keine Hebammen finden konnten. Die Staatsregierung hat sich zum Ziel gesetzt, dass keine Schwangere weiter als 50 Kilometer bis zur nächsten Entbindungsstation hat - doch in Gegenden wie dem Bayerischen Wald kann das bereits zu sehr langen Anfahrtszeiten führen. (m)

Quelle: Bayerischer Hebammen Landesverband e.V., www.bhlv.de
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