20.02.2018 - 20:00 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Vortrag beim Freundeskreis der Akademie Tutzing Moderne Medizin: Ethik oder Geschäft?

Die Diskussion ist mindestens so interessant wie der Vortrag. Dabei geht es jeweils um ethische Fragen in der Medizin. Vieles, was die Gäste zu hören bekommen, gibt Anlass zum Grübeln.

Selbst Ärzte kennen oft nicht die genauen Zusammenhänge zwischen dem Eid des Hippokrates und ihrer ärztlichen Praxis, sagt Professor Dr. Franz Staudt bei seinem Vortrag beim Freundeskreis der Akademie Tutzing. Bild: Bühner
von Siegfried BühnerProfil

"Werden Ärzte aus ökonomischen Gründen zu nicht-ethischem Verhalten angehalten?" lautete eine der zentralen Fragen über die beim Vortragsabend "Der Eid des Hippokrates und seine Bedeutung für die moderne Medizin" diskutiert wurde. Referent des Abends war Professor Franz Staudt, ehemaliger Ärztlicher Direktor der Kinderklinik Dritter Orden in Passau. Eingeladen hatte der Freundeskreis Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing.

Selten hat ein Berufsstand eine derart ausgeprägte ethisch-moralisches Handlungsgrundlage wie die Ärzte. Sie basiert auf dem historischen Eid des Hippokrates und wurde im sogenannten Genfer Gelöbnis im Jahre 1948 weiterentwickelt. Im vergangenen Jahr hat dann der Weltärztebund die Ethik-Grundsätze durch eine "Revision des ärztlichen Gelöbnisses" überarbeitet.

Professor Staudt erläuterte die historische und die modernen Fassungen. In allen Fällen geht es um die Grundausrichtung des ärztlichen Handelns. Es sind Sätze formuliert, die unter anderem den Vorrang des Patientenwohls, das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, die ärztliche Schweigepflicht sowie ein Diskriminierungsverbot bestimmter Personen beinhalten. Während zum Beispiel früher ein absolutes Tötungs- und Abtreibungsverbot für Ärzte bestand, wird in den neuesten Formulierungen nur noch vom "höchstmöglichen Respekt vor dem menschlichen Leben" gesprochen.

Der Referent bedauerte diese "tiefgreifende Änderung". Er wies auch darauf hin, dass "Kinder und das Kindeswohl im Ethik-Konzept nicht vorkommen". Ausschlaggebend sollte nicht nur die Situation der Mutter sein. Es gebe immer weniger Kinder mit der Trisomie 21 (Down-Syndrom), stellte der Referent fest. Er kritisierte den Fall, bei dem die Kinderärztin nach der Geburt fragte: "Warum haben Sie das Kind nicht abtreiben lassen?"

Neu aufgenommen in das Ethik-Konzept wurden die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht des Patienten. An erster Stelle steht in der Revisionsfassung von 2017, dass Gesundheit und Wohlbefinden des Patienten ausschlaggebend sein müssen für das ärztliche Handeln. Staudt sieht in diesem Zusammenhang eine Gefahr, "dass Ärzte aus ökonomischen Gründen zu nicht-ethischem Verhalten angehalten werden". Therapien sollten nicht fortgesetzt werden dürfen, wenn keine Wirkung mehr erzielt werden könne.

Palliativ-Medizin als "Änderung des Behandlungsziels" sei deshalb besonders wichtig. Sie sei "eventuell die menschlichste Medizin, die derzeit geboten wird". Den Patienten empfahl der Referent dringend, frühzeitig eine Patientenverfügung zu formulieren. Berücksichtigt werden müsse auch der Wille des Patienten zum Thema Sterben. In den Antworten auf Diskussionsbeiträge forderte Staudt, dass "Medizinethik stärker bei den aktiven Ärzten verankert wird". Wirtschaftlichkeitsaspekte an Kliniken müssten im Zweifel gegenüber ethischen Gesichtspunkten zurücktreten.

Auch mit den Studenten solle mehr über den Eid des Hippokrates gesprochen werden. "Ich will die Ärzte nicht schlecht machen", sagte er. "Aber der normale Arzt ist auf die ethischen Regeln nicht ausreichend vorbereitet." Schließlich sei Medizinethik kein Prüfungsfach.

An der Diskussion beteiligte sich auch der Vorsitzende des Ethik-Komitees der Kliniken Nordoberpfalz, Dr. Manfred Hausel. "Ethik ist für den Patienten gut und kostet weniger Geld." Das Ethik-Komitee versuche "immer stärker in die Medizin hineinzugehen". Fünf Ärzte würden derzeit im Komitee mitarbeiten. Auch Dr. Uta Doenitz vom Veranstalter-Team meinte: "Wir Ärzte müssen stärker auftreten und einen Paradigmenwechsel herbeiführen".

Der Eid des Hippokrates

Der Arzt Hippokrates lebte von 460 bis 377 vor Christus auf der Insel Kos. Der historische Eid besteht aus neun Paragrafen, die alle miteinander in Verbindung stehen. Als zentraler Satz gilt Paragraf 5: "Redlich und rein werde ich mein Leben und meine (Heil-)Kunst bewahren." Formuliert wurde laut Professor Staudt eher die Rolle eines dominierenden und anordnenden Arztes. Krankenhäuser hat es damals nicht gegeben. Vermutet wird, dass die ethischen Grundsätze nicht von einer Person formuliert wurden, sondern als "Selbstverpflichtung der Ärzteschule von Kos" gelten. Heutzutage schwören die Ärzte keinen Eid mehr, sie sind über die Pflichtmitgliedschaft in der Ärztekammer an diese Medizinethik gebunden. (sbü)

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