07.02.2017 - 20:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Vortrag beleuchtet Eigenheiten von Menschen aus islamischen Ländern So ticken Flüchtlinge

Hierzulande ist vieles durch Zeitmanagement und Gesetze geregelt. Ganz anders sieht es in islamischen Ländern aus. Durch Flucht trifft nun beides aufeinander. Höchste Zeit, ein paar Fragen zu klären.

Erst kommt das Verständnis, dann die Integration: Getreu diesem Motto informierte Psychologin Dr. Sylvia Schroll-Machtl über kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Flüchtlingen aus islamischen Ländern. Bild: Dobmeier
von Autor rdoProfil

Integration kann gelingen. Aber nur mit gegenseitigem Verständnis und dem Wissen, wie der andere tickt. Davon sind Evangelische und Katholische Erwachsenenbildung sowie das Netzwerk Asyl überzeugt. Um das Verständnis zu fördern, hatten sie Dr. Sylvia Schroll-Machl als Referentin zu interkultureller Psychologie eingeladen. Eine Vielzahl an Zuhörern, die meisten von ihnen arbeiten bereits in der Flüchtlingshilfe, nutzte die Fortbildung, um Einblicke in die kulturellen Standards von Menschen aus dem islamischen Raum zu erhalten.

Wobei es "die Menschen" natürlich nicht gibt. Bei jedem spielen Persönlichkeit, Alter und Familienverhältnisse sowie die Erfahrung der oft traumatisierenden Flucht eine Rolle. Trotzdem gibt es ein paar allgemeinere Unterschiede. In Deutschland, erläuterte Schroll-Machl, herrsche der Individualismus mit Trennung von Beruf und Privatleben. Im Gegensatz dazu stehe der Kollektivismus in einigen Herkunftsländern der Flüchtlinge. Familie, Freunde und biografische Gruppen prägen das Leben. "Dieses Leben in Gruppen bricht in Deutschland zusammen", stellte die Referentin klar.

Hinzu komme, dass in Deutschland abstrakte Systeme mit Gesetzen gelten. Die Kommunikation erfolge direkt und explizit, Arbeitswelt und Alltag würden durch Zeitplanung bestimmt. In den Herkunftsländern von Asylsuchenden gelte dagegen zeitlich Flexibilität. Auch Gespräche verliefen eher umschreibend, es sei wichtig, zwischen den Zeilen zu lesen.

Enormer Druck

In islamischen Ländern sei der Mann Oberhaupt, Sprecher, Ernährer und Fürsorgegeber für die Familie. Damit stehe er unter enormem Druck, eine Arbeit zu finden. Die Frau lebe dagegen in einer "Binnenwelt". Häufig werde der Schlauste, beispielsweise einer Professorenfamilie, nach Deutschland geschickt. Ihm obliege die Bürde, Geld zu verdienen, das er dann in die Heimat schickt. Auch wenn es am Ende manchmal nur zu einem einfachen Job reiche, erläuterte Schroll-Machtl. Generell empfahl die Psychologin, die auch bei Polizei, Firmen und der Arbeitsagentur Integrationsschulungen hält, persönlichen Kontakt. Damit laufe vieles einfacher - und so öffneten sich die Herzen beider Seiten für eine gemeinsame Zukunft.

Daneben bat die Referentin ihre Zuhörer auch zu einem Brainstorming. Sie sollten Dinge notieren, die Flüchtlinge belasten und bei denen Flüchtlinge anders als die Deutschen ticken. Zu den Ergebnissen zählten: Unzufriedenheit mit und Ungewissheit über die eigene Lage, große Hilfsbereitschaft. Anderes Verständnis für Regeln. Kinder haben hohen Stellenwert. Großzügigere Erziehungsmethoden. Mehrere Personen werden zum gleichen Thema um Hilfe gebeten. Anspruchsdenken, aber auch Dankbarkeit. Anderes Kälteempfinden. Geringe Frustrationstoleranz. Frauen nehmen nicht am öffentlichen Leben Teil. Sehr schnell Bezeichnung von helfenden Deutschen als Bruder, Onkel etc. Kaum Besitzdenken. Großzügigkeit.

Referentin Schroll-Machl sprach von typischen Beobachtungen. Sie helfen aber, Anknüpfungspunkte bei der Integrationsarbeit zu finden.

Infos für Ehrenamtliche

Übrigens: Wer sich selbst in die Integrationsarbeit einbringen will oder einfach nur Informationen braucht, kann sich an Manfred Weiß wenden. Er arbeitet im Auftrag der Diakonie als Ehrenamtsbeauftragter fürs Netzwerk Asyl: 0159/02405421 oder asyl-ehrenamt[at]diakonie-weiden[dot]de.

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