Vortrag von Literaturwissenschaftlerin Ulrike Siebauer
Wald als "Heimat der Seele"

Über die besondere Beziehung der Deutschen zum Wald referiert die Literaturwissenschaftlerin Ulrike Siebauer aus Regensburg. Bild: sbü

Nirgendwo habe der Waldschadensbericht so viele Emotionen ausgelöst wie hier, das beteuert die Literaturwissenschaftlerin Ulrike Siebauer. Ihre Zuhörer im Martin-Schalling-Haus nimmt die Referentin mit auf einen kultur- und literaturgeschichtlichen Waldspaziergang.

"In Kanada könnte man stundenlang durch undurchdringliche Baumriesen-Wälder wandern, doch die Bevölkerung interessiert sich nicht dafür", berichtete die Regensburger Literaturwissenschaftlerin Ulrike Siebauer. In Deutschland sei das ganz anders - das erklärte sie in ihrem Vortrag beim Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing. Wieso der Wald hierzulande eine solch emotionale Bedeutung habe, sei unklar, berichtete sie. Vor allem dem "lichtdurchdrungenen Misch- oder Buchenwald" würde Bedeutung zugesprochen, das belegten Umfragen. "Leider spiegelt sich diese Liebe zum Wald bei vielen Menschen nicht in ihrem Verhalten wider."

Vor allem für Großstädter seien Wälder heutzutage oft unsichtbar und mit "Baum, Strauch und Blume" machten sie kaum reale Erfahrungen. Ausdrücklich hob Siebauer die pädagogische Bedeutung des Waldes hervor. Sie berichtete aus einer Montessori-Schule in Regensburg, die jeden Mittwoch einen "Waldtag" veranstalte. Kinder könnten den Wechsel der Jahreszeiten so als "ästhetische Erfahrung" erleben und spüren. Auch Waldkindergärten böten ähnliche Erlebnisse. Zur Zeit von Josef von Eichendorff habe die Bevölkerung den Wald noch mit Dämonen verbunden, berichtete Siebauer. Mystifiziert sei der Wald in früheren Jahrhunderten eher selten geworden. "Das Waldesrauschen der Romantiker stand im Gegensatz zur Sichtweise der Bevölkerung." Der Holzverbrauch sei damals sechsmal so hoch gewesen wie heute. In der frühen Industrialisierung zehrten die Hochöfen die Wälder aus.

"Dichter beschäftigen sich schon seit Jahrhunderten mit dem Wald, beispielsweise Adalbert Stifter." Für ihn standen Naturalismus, Pflanzenkunde und Baumarten im Vordergrund. Im Expressionismus sei der Wald aus dem Blick der Dichter geraten, in der NS-Zeit dagegen wurde der Wald als Bestandteil "deutscher Volkskultur" betrachtet.

In der Exilliteratur der Kriegs- und Nachkriegszeit symbolisierte der Wald häufig die verlorene Heimat. "Heutzutage ist der Wald in der Literatur oftmals nur noch Kulisse", stellte Siebauer fest.
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