01.10.2017 - 14:40 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Weidener Filmgespräche" über Behördenwillkür In Deutschland läuft das anders

Bei den "Filmgesprächen" ging es um die bürokratischen Klippen des Sozialstaats, die zwei Briten mit zwei Kindern zu umschiffen haben. "Ich, Daniel Blake" erzählt die Geschichte eines Durchschnittsbürgers, der aus gesundheitlichen Gründen Behördenwillkür ausgeliefert wird. Wäre das in Deutschland auch möglich?

Pfarrer Herbert Sörgel diskutiert mit dem ehemaligen Chef der Arbeitsagentur, Siegfried Bühner, und KAB-Sekretär Markus Nickl (v.l.). Bild: Kunz
von Autor UZProfil

"Wenn man damit nicht selber in Berührung kommt, kann man sich das gar nicht vorstellen", leitete der Flossenbürger Pfarrer Herbert Sörgel in die Diskussionsrunde im Foyer des Neue-Welt-Kinos über. Aufs Podium geladen hatte die Katholische Erwachsenenbildung den ehemaligen Chef der Agentur für Arbeit Weiden, Siegfried Bühner, und KAB-Diözesansekretär Markus Nickl. Bühner versicherte, dass sich die im Film dargestellten Hürden auf Deutschland nicht übertragen ließen. Er persönlich habe den kompletten Wandel zur Bundesagentur miterlebt. 1972 habe man von 500 000 Arbeitslosen gesprochen. "Das hat sich dann hochgeschaukelt."

In den 70ern sei Arbeitslosigkeit etwas Saisonales gewesen. Nur im Winter, sonst überhaupt kein Thema. "Eine systematische Arbeitslosigkeit oder dass jemand keine Arbeit hatte, das gab es nicht." Dies änderte sich schlagartig 1976/77. Noch vor 30 Jahren habe es die Arbeitslosenversicherung gegeben, die auch die Arbeitslosenhilfe beinhaltet habe. "Sozusagen als zweite Stufe." Und unter die Rubrik Sozialhilfe seien auch arbeitsfähige Menschen gefallen. Heute habe man ein ausgefeiltes System aus drei Säulen: Arbeitslosenversicherung, Hartz IV und Sozialhilfe, die nur Menschen betreffe, die nicht arbeitslos seien. Beide Systeme seien nicht mehr vergleichbar. "Und überhaupt nicht mehr vergleichbar ist die Größenordnung." Heute habe man zwei Millionen Arbeitslose und rede von Fast-Vollbeschäftigung. Aber, so Bühner: "Natürlich haben wir heute auch ein größeres Land."

Der Film spiele in England und lasse sich nicht hundertprozentig auf Deutschland übertragen. "Was Kommunikation und Umgang mit Menschen betrifft, dann werden Sie das, was Sie im Film gesehen haben, in Deutschland nicht erleben." Allein in der Weidener Vermittlung und im Job-Center arbeiteten über 150 Personen. "Möglich, dass da auch mal was passiert. Im Einzelfall nicht ausgeschlossen." Dies sei aber im gesetzlichen Leistungssystem nicht die Regel, wie die monatlichen Kundenbefragungen deutlich machten. Es gebe auch eine hohe Widerspruchsquote. Jeder, der sich falsch behandelt fühle, könne sich nach Recht und Gesetz wehren.

Es wurde der Vorwurf laut, die Mitarbeiter im Job-Center seien zu sehr an Vorschriften und Vorgaben der Computer gebunden. Es "menschele" zu wenig. Bühner dazu: "Ich möchte der deutschen Arbeitsverwaltung vorwerfen, dass noch zu wenig digitalisiert ist."

KAB-Diözesansekretär Markus Nickl hob Einzelschicksale aus seiner Arbeitspraxis heraus und unterstellte der Agentur schon so manch skurrilen Vorgang, den man pragmatischer hätte behandeln können. "Es wird verschachtelt und systematisiert und man lässt völlig außer acht, dass es eigentlich um Menschen geht." Und: "Wir müssen das Ganze dann heilen. Ich betone ausdrücklich: heilen." Dies liege an den Vorgaben. Nickl: "Ich möchte keinem Mitarbeiter unterstellen, dass er seinen Job nicht gut macht."

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