07.01.2018 - 14:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wenn die Rente nicht zum Leben reicht Arm, alt, arbeitend

Im Ruhestand können die Wenigsten große Sprünge machen. Doch die Lage der Rentner wird zunehmend prekär: Immer mehr Menschen jenseits der 65 haben einen Job, denn oft haben sie ihn bitter nötig.

Ein Rentner beginnt den Tag mit einem einfachen Frühstück. Um sich auch im Ruhestand mehr als das Existenzminimum leisten zu können, gehen immer mehr Senioren noch arbeiten. Bild: Victoria Bonn-Meuser/dpa
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Eine Anfang Dezember von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichte Studie zeigt: Bereits jetzt ist das deutsche Rentenniveau im internationalen Vergleich niedrig. Der Durchschnittsverdiener kann, unter der aktuellen Gesetzgebung und nach 45 Beitragsjahren, als Rentner nur mit 51 Prozent seines Nettoeinkommens rechnen - verglichen mit 63 Prozent im OECD-Durchschnitt (weitere Zahlen im Artikel unten).

"Erschreckend"

Der Weidener DGB-Sekretär Peter Hofmann engagiert sich seit einigen Jahren auch als Rentenberater. "Von zehn, die sich beraten lassen, ist vielleicht einer dabei, der nicht arbeitet." Besonders ehemalige Beschäftigte der Glas- oder Porzellanindustrie hätten mit niedrigen Altersbezügen zu kämpfen. "Aus München heißt es dann oft, 'das macht nichts, dafür sind bei euch in der Nordoberpfalz die Häuser spottbillig' - aber das ist doch Blödsinn." Manfred Haberzeth aus Windischeschenbach ist Sprecher der Verdi-Senioren im Bezirk. "Ich komme im Jahr mit mindestens 250 Menschen wegen der Rentenklärung zusammen", erzählt er. "Ich sehe dann die finanzielle Situation und wie die Leute dran sind, ist wirklich erschreckend."

Ein Unternehmer aus dem Landkreis Neustadt/WN beschäftigt mehrere Rentner, von denen er annimmt, dass sie auf die zusätzlichen 450 Euro pro Monat nicht verzichten können. "Zugeben tut das aber keiner. Ich glaube, das geht ein bisschen an die Ehre." Die Bewerber erzählten stattdessen, ihnen falle zu Hause die Decke auf den Kopf und sie wollten sich ein Taschengeld oder einen Zuschuss für die Urlaubskasse dazuverdienen. Gesundheitliche Probleme hätten seine älteren Mitarbeiter nicht, sagt der Chef. Alle seien äußerst flexibel: "Da kann man zu jeder Zeit anrufen, und sie stehen auf der Matte." Der Älteste im Team sei schon um die 70, "aber fit wie ein Turnschuh, der kann noch locker mit einem 60-Jährigen mithalten".

Das Problem zu niedriger Renten kritisiert auch Deutschlands größter Sozialverband VdK. "Wir haben die Schieflage schon seit Jahren erkannt", betont der Weidener VdK-Geschäftsführer Siegmund Bergmann. "Aufgrund der Rentenformel wird das Geld immer weniger, die gesetzliche Rente reicht einfach nicht mehr." Bergmann greift hinter sich und holt einen dicken Band hervor. "Das ist das für die Renten maßgebliche aktuelle Sozialgesetzbuch VI", erklärt er. "Als ich vor 35 Jahren beim VdK angefangen habe, war es vielleicht ein Viertel so dick." Die Gesetzgebung, sagt Bergmann, ähnle inzwischen "dem Niagarafall - quasi über Nacht kommen immer neue Regeln dazu". Es sei nichts mehr wie es war. "Und es gibt auch keinen Bestandsschutz. Die Sicherheit von früher ist einfach nicht länger gegeben. Die gesetzliche Rente reicht oft nicht mehr." Den gewohnten Lebensstandard zu halten, sei im Ruhestand so nicht möglich.

Zwar interessierten sich inzwischen auch jüngere Menschen für eine private Rentenvorsorge - die praktische Umsetzung gestalte sich jedoch schwierig, und das nicht nur für Geringverdiener, die gar keine größeren Beträge zurücklegen können. "Das klingt auf dem Papier alles recht gut, aber tatsächlich ist das System kaum noch zu durchschauen, und die Betriebsrenten sind oft auch einfach zu niedrig."

Nicht einmal jene, die eigentlich vorbildlich mit einer Direktversicherung vorgesorgt hätten, seien auf der sicheren Seite. "Das Problem ist: Der Gesetzgeber hat 2004 eine Kehrtwende gemacht und die Leute müssen jetzt für ihre Zusatzrente die vollen Krankenkassen- und Pflegeversicherungsbeiträge zahlen." Wer statt der monatlichen Auszahlung die Einmalzahlung wähle, verliere auf einen Schlag gut ein Fünftel des sicher geglaubten Guthabens. "Zu mir kommen einige Rentner, die deshalb ihr Darlehen für das als Alterssicherung gedachte Haus nicht bedienen können. Von der Bank bekommen sie aufgrund ihres Alters aber auch kein Geld mehr."

Laut VdK leben inzwischen rund 530 000 Senioren am Existenzminimum, haben also nicht genügend Mittel, um überleben zu können. Viele von ihnen müssten trotz Alter und Krankheit noch arbeiten. Vor allem Frauen treffe es hart, wenn sie ins Ruhestandsalter kommen, da sie oft nur in Teilzeit oder geringfügiger Beschäftigung gearbeitet hätten. Bergmann berichtet aber auch von ehemaligen Arbeiterinnen der Nordoberpfälzer Porzellan- und Textilindustrie: "Diese Frauen haben jahrzehntelang in Vollzeit gewerkelt und trotzdem bekommen sie als Rentnerinnen fast nichts."

Unfair behandelt

Außerdem würden Kranke und Behinderte besonders unfair behandelt. Wer deshalb vorzeitig in den Ruhestand gehe, müsse ebenso wie Erwerbsgeminderte 10,8 Prozent an Abschlägen hinnehmen. "Es ist einfach nicht zu verstehen, dass kranke Menschen auch noch bestraft werden," sagt Bergmann und betont: "Altersarmut beginnt oft mit einer Erkrankung." Und die könne jeden ganz plötzlich treffen. Der VdK, sagt Bergmann, fordere, dass das Rentenniveau bei 50 Prozent des Nettoeinkommens liegen müsse.

Erfahrungen

40 Jahre hat Hans-Jürgen Krause (65) aus Weiden in die Rentenversicherung eingezahlt. Mit 63 ging er dann in den Ruhestand - und fährt jetzt fast jeden Tag zwei bis drei Stunden Taxi, um seine Altersbezüge aufzubessern. "Ich bekomme knapp 700 Euro Rente im Monat und verdiene noch 450 Euro dazu", berichtet Krause. "Damit kommen wir zurecht und ich mache das auch gerne, die Arbeit gefällt mir." Hätte er bis 65 gearbeitet, würde er gut 60 Euro mehr Rente im Monat bekommen, berichtet der Weidener. Krankheits- und altersbedingt sei es jedoch schwierig gewesen, überhaupt noch eine Stelle zu finden.

Krause sieht durchaus bei sich selbst Versäumnisse, die zu seiner schwierigen Situation im Alter geführt haben. "Ich war zwischendurch mal selbstständig. In der Jugend habe ich auch Fehler gemacht und zeitweise nichts einbezahlt." Trotzdem: "Es kann einfach nicht sein, dass manche Rentner zur Tafel gehen müssen, nachdem sie ihr Leben lang gearbeitet haben."

Krause verdient lieber dazu, als sich vom Staat unterstützen zu lassen - auch, weil er auf dem Amt eher entmutigende Erfahrungen gemacht hat: "Dort hat man mir gleich gesagt, meine Wohnung ist zu groß und ich müsste erst mein Auto verkaufen, bevor ich eventuell einen Zuschuss bekommen könnte." Das habe er als diskriminierend empfunden: "Ich will doch keine Almosen."

"Mir stehen als alleinstehender Frau mal 600 Euro im Monat zu": Wenn die künftige Rentnerin (Name der Redaktion bekannt) aus Wernberg-Köblitz von ihrer Situation erzählt, kommen ihr zeitweise die Tränen. Im Moment ist die bald 63-Jährige krankgeschrieben, im August wird sie in den Ruhestand gehen. "Dann habe ich 49 Jahre gearbeitet. Früher stand ich am Fließband und habe Akkord gearbeitet, bis es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ging."

Zwar hatte die Frau, die ursprünglich aus den neuen Ländern stammt, zuletzt eine körperlich weniger fordernde Tätigkeit ausgeübt. Doch auch das ist ihr inzwischen nicht mehr möglich: "Ich muss dann doch betteln gehen beim Sozialamt", befürchtet sie. Seit 2005 lebte und arbeitete die angehende Rentnerin in Bayern, jetzt will sie "nach Hause zurück", wo ihre beiden Kinder leben. Unterstützen könnten diese sie jedoch nicht: "Die haben selber ihre Probleme und verdienen nicht viel."

Hier sieht die Wahl-Wernbergerin schon die nächsten Probleme auf die Gesellschaft zukommen: "Es gibt halt nun mal Berufe, in denen man nicht viel verdient. Das müssen die da oben in der Regierung doch mal merken, die müssen sich doch mal Gedanken machen!" Dass die Leute angesichts solcher Probleme radikale Parteien wählten, sei nicht verwunderlich: "Von so einer minimalen Rente kann doch keiner leben." Dabei gehe es nicht mal darum, "große Sprünge zu machen: Ich will doch nur meine Miete bezahlen und ein bisschen leben können". (m)

Bayern keine Insel der Seligen

"Arm im Alter: ganz normal?" fragte der Sozialverband VdK Bayern Mitte Dezember in seiner Jahrespressekonferenz. Auch der wirtschaftlich prosperierende Freistaat ist nach Meinung des VdK kein Land wohlhabender Rentner. So erreichten mehr als 80 Prozent der Frauenrenten nicht einmal die 1000-Euro-Grenze. Insbesondere im mittleren Bereich zwischen 1000 und 1500 Euro würden inzwischen aber auch die Männerrenten deutlich einbrechen. "Die Entwicklungen der letzten Jahre setzen sich fort. Die Zahlen zur Altersarmut stagnieren bestenfalls, eine Trendwende ist nicht in Sicht", sagt VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher. Auch die OECD kommt in ihrem Rentenvergleich 2017 zu dem Schluss, dass zukünftige deutsche Rentner mit relativ niedrigen Bezügen konfrontiert seien. Deutsche Frauen hätten sogar unter der größten Rentenlücke aller OECD-Staaten zu leiden: Ihre Altersbezüge erreichen nur 46 Prozent der Renten von Männern. Da Frauen in Deutschland häufig nur Teilzeit arbeiteten und es schon bei den Gehältern einen großen geschlechtsbedingten Unterschied gebe, werde sich daran auch in Zukunft wahrscheinlich wenig ändern.

Ein weiteres Problem stellen laut OECD die atypischen Beschäftigungsverhältnisse dar, die in den vergangenen Jahren stark zugenommen hätten und vom deutschen Rentensystem nicht abgedeckt würden. Dasselbe gelte für zahlreiche Selbständige. Geringverdiener stehen im internationalen Vergleich besonders schlecht da: Statt 73 Prozent wie im OECD-Durchschnitt erhalten sie nur 55 Prozent ihres Nettoverdienstes als Rente. Der VdK kritisiert, dass die Armutsgefährdung für Ältere mit 21,9 Prozent in Bayern äußerst hoch sei. Ebenso habe sich die Quote der Empfänger der aus Steuermitteln finanzierten Grundsicherung im Alter zwischen 2010 und 2015 von 2,1 auf 2,8 Prozent erhöht. Dabei gingen Armutsforscher davon aus, dass 60 Prozent der Anspruchsberechtigten gar keinen Antrag auf Grundsicherung stellen. Insgesamt müssten 1,73 Millionen der 2,67 Millionen Rentner in Bayern mit Altersbezügen zurechtkommen, die unter der bayerischen Armutsgrenze von 1039 Euro für einen Einpersonenhaushalt liegen.

Nach Erfahrungen des VdK Bayern beantragten viele Ältere aus Scham keine Grundsicherung. Stattdessen zögen sie sich zurück und sparten an Heizung, Strom, Lebensmitteln sowie Medikamenten. Andere besserten mit schlechten Minijobs die magere Rente auf, so lange das gesundheitlich möglich sei. Die Staatsregierung, kritisiert der VdK, ignoriere diese "versteckte Armut" völlig.

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