23.03.2018 - 13:00 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Wenn Kinder trauern, hilft die Trauergruppe des Malteser-Hilfsdienstes Ärger, Wut, Angst: Alles ist erlaubt

"Die Kinder dürfen alles und müssen gar nichts." Eine Grundregel der Trauergruppe des Malteser-Hilfsdienstes. Wer einen schweren Verlust erlitten hat, muss seine Gefühle rauslassen dürfen. Ärger, Wut, Angst - wie es gerade kommt.

Das gelbe Monster signalisiert eitel Sonnenschein: Wenn das Kind diese Seite wählt, ist alles bestens, weiß Kornelia Stengl. Wenn das Kind wütend ist, sieht die Sache anders aus. Dann kommt das rote Monster zum Vorschein. Bücher wie dieses helfen, die Gefühle zu sortieren. Bilder: Schönberger (2)
von Jutta Porsche Kontakt Profil

So wie bei dem kleinen Mann neulich. "Er kam rein, hat am Gefühlsstein die schwarze Seite nach oben gedreht und geseufzt: Heute ist ein schwarzer Tag." Kornelia Stengl erinnert sich gut. Gemeinsam mit Barbara Reichl leitet sie die Gruppe zur Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche beim Malteser-Hilfsdienst (MHD).

In der zweiten Gruppenstunde kam der Sechsjährige reinmarschiert. Er war unglücklich: Suchte im Bilderbuch die Seite mit dem roten, zornigen Monster raus. Schrie dem Affen, der alles wiederholt, was man sagt, seine Wut entgegen. Und erzählte Kornelia Stengl, was ihn so traurig und wütend macht. Danach ging es ihm besser. "Er drehte auf dem Gefühlsstein das Herz nach oben. Er ging dann mit roten Bäckchen. Er war das beste Beispiel für das Thema unserer Gruppenstunde", sinniert Stengl. Wie das Thema lautete? Es hieß Veränderung.

"Die Kinder und Jugendlichen sollen zeigen können, wie sie sich fühlen, wie sie drauf sind", sagt die 50-Jährige. "Je nachdem, arbeiten wir mit ihnen." Dabei halten Stengl und Reichl zahlreiche Hilfsmittel parat. Zum Beispiel Kinderbücher: "Das Farbenmonster" oder "Opa, welche Farbe hat der Tod?" sind Kinderbücher, die helfen, das Gefühlswirrwarr nach einem Trauerfall etwas zu ordnen und Fragen zum Thema Tod zu klären. "Kinder sind unkompliziert, offen und ehrlich. Eine klare, kurze und ehrliche Antwort genügt", sagt Kornelia Stengl.

"Wenn die Mama mit Krebs in der Klinik liegt, dann ist das so. Dann sollte man das nicht verheimlichen." Wenn Erwachsene miteinander tuscheln, ein Geheimnis daraus machen und die Kinder immer wieder einzelne Sätze aufschnappen, "dann entstehen Ängste, Lücken und schließlich Bilder im Kopf, mit denen Kinder diese Lücken füllen." Natürlich soll man ein Kind nicht dazu zwingen, ins Krankenhaus mitzugehen, wenn es nicht will. Aber wenn es mit will, gibt es eigentlich keinen Grund, es nicht mitzunehmen, meint Kornelia Stengl.

Gleiches gilt für die Beerdigung. "Wenn der Opa gestorben ist, das Kind nicht auf der Beerdigung war und man ihm Wochen später plötzlich erklärt, dass der Opa hier in diesem Grab liegt, kann es sein, dass es erschrickt, weil der geliebte Opa unter einer schweren Steinplatte liegt." Stengl rät deshalb dazu, mit der Wahrheit nicht hinter dem Berg zu halten. Die Erfahrung der dreifachen Mutter ist: "Kinder sind herrlich unkompliziert." Sie halten einiges aus.

Dabei trauert jeder Mensch anders. Der eine verkriecht sich ruhig in eine Ecke und weint. Der andere will sich auf der Tanzfläche austoben. "Ein Kind braucht den Alltag", weiß Kornelia Stengl. "Deshalb will der 16-Jährige in die Disco gehen, auch wenn alle sagen: Du spinnst, dein Papa ist gestorben." Vielleicht will der Jugendliche sich auch mit seinen Freunden ausquatschen oder einfach mal für kurze Zeit vergessen, abschalten. Wer einen Elternteil, einen Bruder oder eine Schwester verloren hat, muss verstehen können, was passiert ist. Das muss man dem Kind erklären. "Und es muss wissen, dass es trotzdem fröhlich sein darf. Die Gefühle wechseln." Es kann nicht immer weinen. Wer meint, er muss das Kind ständig zum Lachen bringen, liegt genauso falsch. Jeder trauert anders. "In unserer Gruppe gibt es keine Regeln. hier wird nichts wird bewertet. Alles darf sein."

Gruppentreffen

Seit Januar 2018 bietet der Malteser-Hilfsdienst Weiden-Neustadt Gruppentreffen zur Trauerbegleitung von Kindern und Jugendlichen an. Kornelia Stengl und Barbara Reichl, die beide bereits ehrenamtlich im Hospizdienst tätig waren, haben dafür eigens eine intensive Schulung zur Trauerbegleitung von Kindern und Jugendlichen absolviert. Kornelia Stengl, von Beruf Rechtsanwaltsfachangestellte und Mutter von drei mittlerweile erwachsenen Töchtern, wollte als Hospizbegleiterin schon immer gerne im Kinderbereich tätig sein. Barbara Reichl, hatte als Lehrerin für Sonderpädagogik, jahrzehntelang beruflich mit Kindern zu tun. Das nächste Gruppentreffen zur Trauerbegleitung findet am Dienstag, 27. März, von 16 bis 17.30 Uhr in den Räumen des Malteser-Hilfsdienstes, Zur Centralwerkstätte 11a, statt. Auskünfte erteilen Kornelia Stengl (Telefon 0151/54102066) und Barbara Reichl (Telefon 09602/7418). (ps)

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