13.12.2017 - 19:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wer fördert die Lesefähigkeit der Kinder? Lesen und lesen lassen

Fast jeder fünfte Viertklässler in Deutschland kann nicht richtig lesen. Die Bundesrepublik ist im Vergleich zu anderen Ländern deutlich zurückgefallen. Dabei ist Lesen eine Schlüsselkompetenz. Ohne es geht in der Schule fast nichts. Was passiert in der Region?

Eltern können die Lesefähigkeiten ihrer Kinder durch Vorlesen fördern. Hier lauschen Janne (4) und die drei Monate alte Fiona den Worten von Papa Andreas Lange. Bild: Patrick Pleul/dpa
von Dominik Konrad Kontakt Profil

Amberg/Weiden. Elisabeth Graßler ist Grundschulrektorin in Mantel. Für sie gibt es zwei Phasen beim Lesen lernen: Die Kinder müssten zunächst die Technik verstehen, die Buchstaben und Worte. "Da ist es wichtig, dass man sie begleitet und individuell fördert und bei Schwierigkeiten versucht, sie zu unterstützen." Dann komme die Lesemotivation. Die Kinder müssten Freude am Lesen haben. Dazu gehört in Mantel etwa die Marktbibliothek mit ihren etwa 6000 Kinder- und Jugendbüchern und regelmäßigen Autorenlesungen: "Unsere Grundschüler lernen im Laufe der Schuljahre vier verschiedene Kinderbuchautoren kennen." Dann gebe es noch den jährlichen Vorlesetag. "In jeder Klasse erscheint ein Vorleser", sagt Graßler. "Da beziehen wir auch die Vorschulkinder mit ein. Heuer ist Bürgermeister Stephan Oetzinger gekommen."

Abwärtsspirale

Doch manche Kinder haben trotz guter Förderung Schwierigkeiten. "Ein Kind, das nicht lesen kann, wird in der Schule negativ auffallen", sagt die Amberger Schulpsychologin Friederike Seitz. Es fühle sich blamiert, wenn es ins Stottern komme und andere Kinder lachten. "Die Kinder geraten in eine Abwärtsspirale und denken: 'Ich kann das nicht, ich bin sowieso dumm.' Das stimmt oft nicht, aber sie bekommen dieses Bild von sich. Dann wird Schule mit viel Unmut gesehen."

Dabei habe eine Leseschwäche wenig mit Intelligenz zu tun: "Die Schwäche tritt auch bei normaler oder hoher Begabung auf." Auch hätten Kinder, die häufig Buchstaben verwechselten, vielleicht eher ein Problem damit, Lage und Details der Buchstaben wahrzunehmen. "Man sollte mit Buchstaben spielen", meint Seitz. "Dass man sie anfassen kann, als Schaumstoff oder Knetmasse." Bei manchen Kindern dauere es zwar länger mit dem Lernen. "Man sollte aber bis zum Alter von 9 Jahren schon was tun, wenn man merkt, es gibt Probleme."

Fürs Leben gerüstet

Dabei können Lesepaten helfen. Eine davon ist Angelika Goltz. Seit 2012 arbeitet sie als Ehrenamtliche bei der städtischen Freiwilligenagentur Amberg. Die Lesepaten waren eines der ersten Projekte der Agentur und sind zum erfolgreichen Selbstläufer geworden. "Wir haben mit 12 Paten angefangen. Jetzt sind wir 33", sagt die 62-jährige gebürtige Chemnitzerin. Neun Amberger Schulen sind im Lese-Programm. Ein- oder zweimal die Woche üben die Paten an den Schulen pro Gruppe 15 Minuten. Nicht länger, "weil sonst verlieren die Kinder die Konzentration".

Die Projektleiterin bedauert es sehr, dass die Kinder in Deutschland laut Studie schlechter lesen können. "Wir sind alle keine Pädagogen und haben keine pädagogischen Fähigkeiten. Uns verbindet die Liebe zu den Kindern. Wir wollen dazu beitragen, dass sie dem Unterricht besser folgen können und fürs Leben besser gerüstet sind."

Es kommt auf die Eltern an

Doch Lesepaten alleine sind nicht genug. Schulpsychologin Seitz betont, das Verhalten der Eltern sei wichtig. "Sie können in Grund- und Mittelschule motivieren, indem sie selber lesen. Das können Zeitungen, Comics oder Bücher sein. Es sollte Teil der Freizeitgestaltung und in der Familie normal sein." Das Schicksal der leseschwachen Kinder hänge stark vom Engagement der Eltern ab.

"Ohne Mithilfe der Eltern wird's schwierig", sagt auch Grundschulleiterin Graßler. "Ich glaube, wenn Eltern überhaupt nicht mehr lesen, ist es auch schwierig, die Kinder heranzuführen. Wir versuchen, die Eltern anzuregen, den Kindern jetzt gerade vor Weihnachten ein Buch zu schenken. Ich finde, ein Buch unterm Christbaum gehört auch zu Weihnachten dazu. Ich glaube, das ist gar nicht mehr so üblich."

Welche Bücher sind angesagt?

"Bei den Erstlesern ist große Begeisterung. Da stellen wir nicht fest, dass sie schwer ans Buch ranzuführen sind", sagt Ruth Neumann, Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek der Regionalbibliothek Weiden. Beliebt bei den Kindern im Alter von acht bis zwölf seien Comicromane wie "Gregs Tagebuch". "Das sind Jugendbücher, die sehr viele witzige Zeichnungen enthalten. Sie haben auch normale Textseiten und eine sehr lockere Sprache. Das kommt bei Schülern gut an", sagt Neumann. Die Kinder interessiere auch die Connie-Reihe, die spielerisch Sachwissen vermittelt. "Fantastische Geschichten sind von kleinauf gefragt. Das fängt mit der kleinen Hexe und mit Räuber Hotzenplotz an." Später kämen Fantasy-Romane dazu. Eine bekannte neue Reihe sei "Die Schule der magischen Tiere" von Margit Auer. "Auch Mädchen mögen momentan Dinge, die mit zaubern zu tun haben, wie etwa den magischen Blumenladen." Kinderkrimis seien auch beliebt, etwa die "Drei Fragezeichen"-Kids-Reihe. (dko)

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