25.08.2017 - 12:20 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Werner Tretter radelt Tausende Kilometer in den Norden Mythos Nordkap lockt

6400 Kilometer allein durch häufig unbewohnte Landschaft. Das macht Werner Tretter nichts aus. "A bissl gruselig", findet es der 66-Jährige auf seiner Riesen-Radtour nur einmal: Kurz vor dem Ziel - im Nordkaptunnel.

4700 Kilometer ist Werner Tretter bis zum Nordkap gestrampelt und erfüllte sich damit einen Jugendtraum. Zurück ging es per Schiff bis Dänemark und ab dort die letzten 1700 Kilometer mit dem Rad bis nach Weiden. Bild: Schönberger
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Der hat 9 Prozent Gefälle. Das heißt, anfangs geht es steil runter und am Ende wieder steil rauf. Dazwischen verläuft die Strecke 212 Meter unter dem Meeresspiegel. "Das ist schon ein seltsames Gefühl, wenn man weiß, dass so viel Wasser über einem ist", gesteht Werner Tretter. Dazu kommen die Autos, die dicht an dem Radler vorbei düsen und riesige Ventilatoren, die für den Luftaustausch sorgen. "Die machen einen Höllenlärm", schildert Tretter. "Da denkt man, ein Lastwagen kommt auf einen zu und dann ist es ein Ventilator."

4700 Kilometer einfach

Zu diesem Zeitpunkt hat der Wahl-Weidener schon gute sechs Wochen im Sattel verbracht und fast 4700 Kilometer in den Wad'ln. Radfahren war für den gebürtigen Weiherhammerer schon in jungen Jahren selbstverständlich. Seit seinem dritten Lebensjahr lebte er mit seinen Eltern in Weiden. Als Jugendlicher radelte er täglich ins Kepler-Gymnasium. Als Medizinstudent - erst in Regensburg, später in München - saß er ebenfalls regelmäßig im Sattel.

"Schon in den 80er Jahren gab es einige junge Wilde, die mit dem Rad zum Nordkap fuhren", erinnert er sich. Er selbst legt - unter anderem als Radtourenführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) - zwar jährlich mindestens 5000 Kilometer zurück. "Aber welcher normale Mensch hat schon so viel Zeit, dass er zwei Monate lang auf Tour gehen kann." Der Oberpfälzer jedenfalls nicht. Er bleibt als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität München und baut dort 25 Jahre lang das Tumor-Register mit auf. Die Tour zum Nordkap bleibt für ihn ein Mythos, der ihn nicht loslässt. Bis zur Rente. Dann hält es den 66-Jährigen, der seit 17 Jahren wieder in der Oberpfalz lebt, seit 7 Jahren in Weiden, nicht länger. Am 16. Mai geht er in Ruhestand. Am 17. Mai startet er mit seinem Trekkingrad - bepackt mit 27 Kilo Gepäck - nach Skandinavien. "Ich wollte das möglichst bald machen. Man weiß nie, wie lange es einem noch gut geht."

Start am Rehbühl

Von seiner Haustür am Rehbühl geht's über Fichtelnaab- und Saale-Radweg Richtung Hof. Da sind schon einige Höhenmeter zu bewältigen. Dagegen ist der Elbe-Radweg bis Hamburg recht kommod. Die Route in Dänemark ist fordernder. "Da geht es ziemlich ruppig auf und ab, und es gibt Stellen mit losen Sand, in denen man leicht steckenbleibt."

Mit der Fähre setzt Werner Tretter nach Göteborg über. Die Seenlandschaften mit den bunten Bilderbuchhäusern im Süden begeistern ihn. Doch von der Ostseeküste, die er dann entlang radelt, ist er enttäuscht. "Ich dachte, ich sehe Meer bis zum Horizont. Aber das war in Schweden nie der Fall. Die Küste ist sehr zerklüftet, und die Strecke führt immer einige Kilometer durchs Hinterland." Ins Schwärmen gerät Werner Tretter angesichts der großen Weiten und der Einsamkeit in Lappland. Und: "Die Kombination aus Bergen, Eis und Meer in Norwegen ist schon sehr eindrucksvoll." Bären haben übrigens nie seinen Weg gekreuzt. Dafür hin und wieder Rentiere, vor allem in Norwegen.

Natürlich gibt es auch Regentage. Die wartet er entweder in einem Quartier ab oder strampelt - gut ausgerüstet - durch. "Allein im Zelt oder Hotel zu sitzen ist nicht schön, und Radfahren macht ja Spaß." Einige wenige Gleichgesinnte trifft er auf der Tour: Ein Schweizer Ehepaar, das ab Hamburg gestartet ist und einen Tag nach ihm am Nordkap eintrifft. Und welche Überraschung: Einen Regensburger, der einen Blog über seine Radtour unterhält.

Getümmel herrscht erst wieder auf der Nordkapinsel. "Dort landen Kreuzfahrtschiffe an. Da wimmelt's von Menschen aus aller Welt." Werner Tretter macht sich hier von seinem Quartier in Honningsvag per Rad und, auf der letzten, unwegsamen Strecke, noch vier Stunden zu Fuß auf zum wirklich nördlichsten Punkt der norwegischen Insel Mageroy. Dort trifft er gerade mal zehn Leute an.

Von Pannen bleibt der fitte 66er übrigens verschont. "Ich muss mein Radl loben. Ich hatte keinen einzigen Platten." Auch Muskelkater oder Wadenkrämpfe bleiben aus. Sein Tipp: "Ich habe viel Milch getrunken. Die enthält sämtliche Mineralstoffe und essenzielle Aminosäuren."

Zurück per Boot und Pedale

Sechseinhalb Wochen sind vergangen, als Werner Tretter am 1. Juli am Nordkap eintrifft. "Zurück habe ich mir den Luxus gegönnt und bin mit den Hurtigruten bis nach Bergen gefahren. Von dort aus mit dem Schiff bis Hirtshals in Dänemark." Die letzten 1700 Kilometer bis nach Weiden tritt er wieder in die Pedale. Ehrensache für einen passionierten Radler.

Was ihn als nächstes reizt? Denkbar ist vieles: "Eine Tour entlang der dänischen Nordseeküste oder die norwegische Küste entlang." Es könnte aber auch das Baltikum sein oder die Wild Atlantic Coast in Irland. "Wenn es nicht zu lang und zu schwierig ist, fährt meine Frau vielleicht mit." Denn Sheila O'Connell ist im Gegensatz zu ihrem Mann noch berufstätig. "Sie stammt aus England mit irischem Background." Bei einer Tour auf der grünen Insel wäre die Familie zumindest kurzzeitig wieder vereint: Tochter Lucy (22) studiert dort Volkswirtschaft.

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