12.03.2018 - 18:02 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Wirt (91) und seine Frau (81) schildern den Überfall in ihrem Wohnzimmer Todesängste in der Nacht

Der fast 92-Jährige sitzt im Rollstuhl, eine rote Wolldecke über den Beinen. Das schlohweiße Haar ist im Nacken gebunden. Wenn der kleine Mann mit zittriger Stimme vom "Iberfall" spricht, hört man den Schlesier durch. Er ist Jahrgang 1926. "Ich sehe laufend diese Verbrecher, die sehe ich immer wieder vor mir." Tränen laufen ihm über die faltigen Wangen.

Die 1. große Strafkammer des Weidener Landgerichts unter Vorsitz von Markus Fillinger verhandelte am Montag in Amberg - von 10 bis fast 20 Uhr abends.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

 Die Aussage bleibt dem ehemaligen Wirt des „Paulaner“ (auch „Rio“ genannt) nicht erspart. Zumindest muss er den Angeklagten nicht ins Gesicht sehen. Die Weidener Strafkammer verhandelt am Montag in Amberg: Dort gibt es eine Videovernehmungsanlage. Der Geschädigte sitzt in einem Nebenzimmer, neben sich Notärztin Dr. Gudrun Graf. Er sieht die Richter nur auf einem Bildschirm.

Der Raubüberfall geschah am 11. April 2016, gegen 23 Uhr. Im Fernsehen läuft der „Bulle von Tölz“, als plötzlich zwei, drei Maskierte im Türrahmen stehen. „Die waren maskiert. Ich konnte keinen der Verbrecher erkennen.“ Der 91-Jährige beschreibt vage die Statur: „Ein Langer. Die anderen kleiner und dicker.“ Die Männer stürmen herein, werfen den Wirt und seine Frau (81) aus den Sesseln. Sie werden mit Handschellen und Kabeln gefesselt, über den Kopf werden ihnen Decken gestülpt. „Ich war so gut wie tot“, sagt der 91-Jährige. Die Täter sprechen kein Wort. Sie reißen Schübe und Schränke auf. Der Spuk dauert eine Stunde. Dann wird es still. Die Seniorin spürt ihren kleinen Hund bei sich, der sich wieder hervor traut.

Schlaflose Nächte

Der 91-Jährige und seine Frau haben heute noch Angst. „Wir trauen uns nicht mehr ins Bett“, sagt die 81-Jährige. Ihre beiden Töchter bestätigen im Zeugenstand die neuen Schlafgewohnheiten: „In der Früh, wenn es hell wird, gehen sie ins Bett. Nachts bleiben sie auf“, berichtete die jüngere Tochter (59). Ihre Mutter halte dabei das Telefon in der Hand, ihr Vater den Hausnotruf. Dabei laufe pausenlos der Fernseher. Das Haus sei erleuchtet „wie ein Landeplatz für Flugzeuge“, sagt ihre Schwester (60).
Nichts ist mehr, wie es vorher war. Am Abend der Tat fuhr der Senior noch selbst zu „Lidl“. „Jetzt kann er kaum noch gehen“, sagt die Tochter. Er hat einen Rollator, einen Rollstuhl, einen Stock. Beim Überfall erlitt er einen Schlaganfall. Seine Frau muss ihm das Essen schneiden. So gut das geht. Ihr wurde die Schulter nach unten ausgebrochen und mit Knochen wieder repariert.

Über 50 Jahre war der 92-Jährige der „Wirt vom Paulaner“. Das Paar betrieb die Gaststätte gemeinsam. „Im Sommer 2015 haben sie überlegt, dass sie endlich aufhören möchten“, berichtet die Tochter vor Gericht. In früheren Jahren war das Lokal gut gelaufen. Zuletzt traf sich dort nur noch eine eingeschworene Gemeinschaft älterer Herrschaften, die Karten spielte. Für den Kauf gab es einige Interessenten. Man einigte sich schließlich mit einem Asiaten auf 250 000 Euro. Für Ende April war der Notartermin angesetzt. Der Überfall kam dazwischen. Das Lokal ist bis heute nicht verkauft.  Die Verkaufspläne des Wirtes waren in Grafenwöhr kein Geheimnis. Über den Preis kursierten die tollsten Gerüchte – bis zu einer Million. Mögliches Bindeglied zu den Angeklagten ist ein Stammgast, der sich mehrfach erkundigt hatte. Dieser Mann kann nicht mehr befragt werden: Er hat sich im Laufe der Ermittlungen das Leben genommen.

Stammgast soll Verbindung zu den Räubern sein

Das Paar hatte viel Bargeld im Haus. Der Senior war ein Wirt vom alten Schlag: „Er hat nie auf Rechnung gekauft“, beschreibt die 59-Jährige den Lebensgefährten ihrer Mutter, der inzwischen ihr Stiefvater ist. Das Paar hat nach der Tat geheiratet. „Wenn er eine Musikbox gekauft hat, ist er mit Bargeld nach Nürnberg gefahren. Das war so in ihm drin.“  In einer Lebkuchendose verwahrte das Paar etwa 70 000 Euro. 20 000 Euro gehörten der 82-Jährigen, die eine Küche kaufen wollte. Sie hatte dazu ein Depot bei ihrer Bank aufgelöst. Eine Woche vor dem Überfall sah sie sich mit der Tochter in einem Einrichtungshaus noch Küchen an. Weitere Beute sollen Wechselgeldbörsen und Geldröhren aus Spielautomaten gewesen sein.

Auf die Höhe der Beute zielen etliche Fragen der Anwälte, die von der Seniorin gekontert werden: „Das müssen doch die Räuber wissen. Das sollen die mal sagen oder sind’s zu feige dazu?“ Ihr Mann sagt, die Summe belaufe sich „hundertprozentig auf 70 000 Euro und dann noch etliche Dollar“. Genauer könne er die Höhe nicht beziffern: „Wenn ich gewusst hätte, dass eines Tages Verbrecher kommen und mich überfallen wollen, hätte ich das Zeug gezählt.“

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