Zweiter Protesstag zur Axt-Attacke
Beil-Opfer treffen auf den Täter

Der Angeklagte (Mitte), der Dolmetscher (rechts) und Pflichtverteidiger Rouven Colbatz (links). Bild: Schönberger
Weiden in der Oberpfalz: Landgericht |

Der Tag der großen Emotionen: Täter und Opfer der Beil-Attacke treffen aufeinander - wie reagiert der Mann, der vor Eifersucht raste? Wie verkraftet die Frau, im achten Monat schwanger, die Begegnung?

Weiden/Pressath. Eine Begegnung der unerwünschten Art im Landgericht Weiden. Die 32-Jährige trifft auf ihren Ex-Mann, der sie und ihren Freund am Ostermontag mit Handbeil traktierte. Die hochschwangere Frau ist einem Zusammenbruch nah. Landgerichtspräsident Walter Leupold muss die Befragung unterbrechen, weil ihr immer wieder die Stimme versagt. Es dauert, bis sie das traumatische Ereignis vom 28. März aus ihrer Sicht erzählen kann.

Dass der wütende Ex dem Paar, das an jenem späten Nachmittag mit dem BMW der Geschädigten von einem Ausflug zurückkommt, mit seinem Golf den Weg abschneidet, die Scheiben des Fahrzeugs, in dem die beiden sich verbarrikadieren, zertrümmert und auf den Freund aus Garmisch einschlägt, ist unstrittig. Auch die Flucht, das Straucheln der Frau, das erhobene Beil, der abgefangene Schlag, der die Hüfte trifft. All das bestätigen die vielen Zeugen und Sachverständigen. Strittig ist, ob der Ex-Gatte, wie er selbst sagt, nur materiellen Schaden anrichten und die Frau erschrecken wollte, oder ob er in Tötungsabsicht handelte.

Verteidigungsstrategie

Die Verteidigung macht keinen Hehl aus ihrer Strategie: "Wir wollen zeigen, wie zuverlässig die Erinnerungen der Zeugin sind", erklärt Wahlverteidiger Helmut von Kietzell bei wiederholten, lautstarken Wortwechseln mit dem Vorsitzenden. Und auch Oberstaatsanwalt Rainer Lehner fällt dem Anwalt ins Wort, als er für dessen Geschmack zu detailreich eine frühere Auseinandersetzung in einer Grafenwöhrer Bar beschrieben haben will: "Was hat das mit unserer Sache zu tun? Ob er ihn rechts oder links gehalten hat?", protestiert Lehner. "Meiner Meinung geht es nur darum, die Zeugin zu quälen."

Es ist nicht nur legitim, sondern Aufgabe der Verteidigung, jeden Schwachpunkt der Anklage, jeden Widerspruch von Zeugen abzuklopfen, um den Angeklagten zu entlasten - immerhin geht es um ein mögliches Strafmaß von bis zu 15 Jahren. Nachvollziehbar, dass sich der Vertreter des Beschuldigten nicht auf subjektiv gefärbte Erinnerungen verlassen will. Umgekehrt warnt gerade davor auch der Landgerichtspräsident: "Es ist Zeugen schlichtweg nicht möglich, Nebensächlichkeiten Jahre später zu schildern", sagt Leupold.

Auch wenn die körperlichen Verletzungen durch die Attacke glimpflich ausfielen: Die Frau klagte über Schmerzen am Brustbein und ein zwei Handteller großes Hämatom am Oberschenkel, der Oberbayer über Prellungen und Schürfungen im Gesicht, an Händen, Armen und am Oberschenkel. "Im vorliegenden Fall lässt sich keine direkte Lebensgefahr folgern", schließt ein Sachverständiger der Universitätsklinik Erlangen. Führte aber zuvor aus, dass der Angreifer mit dem Beil das Leben der Opfer auch ungewollt riskiert habe: "Halbscharfe Gewalt gegen den Kopf kann zu Schädelbrüchen mit Blutungen in die Schädelhöhle führen."

Tötungsabsicht oder nicht, die Betroffenen litten an diesem Tag unter Todesangst. Eine Angst, die beide nicht mehr völlig verlassen hat. Eine Psychotherapie bricht die Frau ab, um das ungeborene Kind nicht durch Psychopharmaka zu schädigen. Beide sagen unisono: "Ich kann nicht mehr ohne Licht schlafen." Wenn ein Auto von hinten komme, blieben sie stehen. Wenn sie Schritte hinter sich hören, lassen sie passieren. "Egal wo ich bin, ich seh' sein Gesicht", sagt die in der Oberpfalz aufgewachsene Frau mit bebender Stimme.

Statement des Täters

Ob die Aussagen der Opfer den inhaftierten Täter zu seinem ersten mündlichen Statement bewegen? "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich sehr aufgeregt bin", übersetzt der vom Gericht bestellte Simultandolmetscher. "Ich habe bis heute kein Lebewesen getötet, in diesem Moment werde ich des versuchten Mordes angeklagt - das zerfrisst mich innerlich." Was er gemacht habe, sei ein großer Fehler gewesen. Er habe aber keine Tötungsabsicht verfolgt. "Ich möchte unbedingt sagen, dass ich mich beim Gericht, der Gesellschaft, bei meiner Ex-Frau und ihrem Freund entschuldigen möchte und dass ich sehr traurig darüber bin."
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