12.05.2017 - 14:47 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Zwillinge in Kiefernkrone Zwei junge Seeadler beringt

Der alte Seeadler kreist weit oben. Sein Fiepen ist deutlich zu hören. Der Vogel klagt aus gutem Grund. An seinem Horst hängt ein großes, orangefarbenes Etwas. Es ist ein Mensch. Er heißt Ralph Häfner.

von Michael Ascherl Kontakt Profil

Was treibt der Waldarbeiter mit Baumsteiger-Schein in rund 25 Metern Höhe an der mehr als 100 Jahre alten, windschiefen Kiefer? Hans Trottmann, der Revierförster von Kaltenbrunn, hat ihn gerufen. Trottmann ist unter anderem zuständig für den Staatsforst im Westen von Weiden. Vor wenigen Tagen hat er dort "rein zufällig", wie er sagt, einen Adlerhorst entdeckt und darin einen Jungvogel. Dachte er zumindest. Denn Häfner findet zwei.

Wer Adler sagt, muss auch Schmidt sagen, genauer Daniel Schmidt-Rothmund, denn der Biologe vom NABU-Vogelschutzzentrum in Mössingen ist für das Beringen der Greifvögel landauf,landab zuständig. Heute wird er dem größten jungen Seeadler seiner mehr als 30-jährigen Laufbahn Ringe anlegen.

Doch der Reihe nach: Der ohne Nisthilfe entstandene Naturhorst liegt versteckt im Wald, ist nur per Fußmarsch durch unwegsames Gelände erreichbar. Mit von der Partie ist auch Rudi Zwicknagl, der Forstbetriebsleiter aus Schnaittenbach. Er wird heute seinen ersten Seeadler in Händen halten. Doch vorher kommt Ralph Häfner dran. Der erklimmt routiniert den Nadelbaum und wartet - oben angekommen - gleich mit einer überraschenden Meldung auf: "Es sind zwei!" Die jungen Adler können noch nicht fliegen und sind deshalb für den Experten leicht einzufangen. Er steckt der ersten in einen Sack und lässt ihn zu Boden. Während Häfner in der Baumkrone hängt, beginnen Trottmann und Schmidt-Rothmund am Boden mit der Untersuchung des Jungtiers. Das ist rund acht Wochen alt und prächtig entwickelt. Die Schwingen messen bereits 40 Zentimeter, der Schnabel ist 5 Zentimeter lang, und die Waage zeigt 4080 Gramm.

Foto mit dem Chef

Nummer eins erhält den Ring mit der Nummer AW 27 ans Bein. Die Schrift darauf ist so groß, dass sie mit einem Spektiv auch aus größerer Entfernung zu erkennen ist; eine zweite Markierung der Vogelwarte Radolfzell vervollständigt die Kennzeichnung. Biologe Schmidt-Rothmund trägt alle Daten in ein Formular ein. Der Adler wird - nach dem Fotoshoot in den Händen des Forstbetriebsleiters - wieder eingesackt und schwebt am Seil nach oben. Häfner hebt ihn sanft ins Nest und verpackt das zweite, größere Tier.

Etwa zehn Brutpaare

Die Prozedur beginnt von Neuem. Doch AW 28 ist munterer als sein Zwilling, wehrt sich auch vehementer gegen die kurze, aber wichtige Gefangennahme, bleibt dann doch gelassen beim Beringen und Wiegen - als hätte er es schon x-mal gemacht. Tatsächlich folgen die Vögel einem natürlichen Schutzmechanismus: Sie stellen sich einfach tot. Und das hilft bei der Gewichtsermittlung: 4900 Gramm zeigt die Digitalanzeige. Schmidt-Rothmunds persönlicher Seeadler-Rekord, bei bislang rund 40 bis 50 beringten Seeadlern. In der Oberpfalz gibt es derzeit rund zehn Paare, zwei davon im Übungsplatz Grafenwöhr. Die Altvögel in Trottmanns Revier sind nicht beringt; ein Aufschluss darüber, woher sie kommen, ist deshalb nicht möglich. Junge Seeadler, so berichtet Experte Schmidt-Rothmund, lassen sich, wenn sie flügge sind, erst einmal lange von den Eltern durchfüttern. Dann machen sich die Männchen auf und suchen sich im Umkreis von 30 Kilometern ein neues Zuhause; die Weibchen ziehen bis zu 130 Kilometer weiter.

Der Mensch im Schutzanzug ist verschwunden. Die Alttiere fiepen nicht mehr, die Jungen sitzen im Nest und reißen den Schnabel auf. In zwei Wochen werden sie fliegen.

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