08.01.2017 - 13:54 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Alles Fassade Der Weidener Stefan Göddertz gestaltet die Elbphilharmonie in Hamburg mit

Am 11. Januar richten sich alle Augen auf Hamburg. Dann steigt im zurzeit spektakulärsten Konzertsaal der Welt die allererste Aufführung. Die Elbphilharmonie glänzt aber bereits jetzt als gläsernes Juwel in der Hafencity. Einer ihrer Schöpfer ist ein Weidener.

Stefan Göddertz gehört als "Associate" zum Büro von Herzog & de Meuron in Basel. Der 48-jährige Weidener gilt als weltweit beachteter Spezialist für Gebäudehüllen. Bild: Simon Kneubühl www.simonkneubuehl.com
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Von Friedrich Peterhans

Stefan Göddertz hat zehneinhalb Jahre seines Architektenlebens mit dem neuen Wahrzeichen der Hansestadt verbracht. Er ist der Verantwortliche für die funkelnde Visitenkarte des Riesenkristalls - die Fassade.

Göddertz ist in der Behaimstraße aufgewachsen und hat 1988 am Kepler-Gymnasium Abitur gemacht. Seit 2006 arbeitet er für die Schweizer Baukünstler Jacques Herzog und Pierre de Meuron. "Die Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen", erklärt der 48-Jährige mit Weidener Färbung in der Stimme. Einen Namen hat er sich Ende der 90er Jahre mit dem vielbeachteten Büro- und Hotelkomplex "Cubus" in Düsseldorf gemacht. Damals war das Büro Schneider und Schumacher in Frankfurt Göddertz' Arbeitgeber.

"Da hatte ich zum ersten Mal eine Fassade von A bis Z geplant und festgestellt: Das ist mein Ding." Das sahen Herzog und de Meuron offenbar ähnlich und vertrauten ihm ihren Entwurf für die Elbphilharmonie an.

Überzeugter Teamspieler

Göddertz' Part war die technische Seite. "Du kommst mit vielen Spezialisten zusammen - Ingenieuren, Statikern, Bauphysikern. In so einem Team fühle ich mich wohl." Die Begleitmusik klang indes nicht immer harmonisch. "Ich möchte aber auch die komplizierten Zeiten nicht missen, wir haben immer eine gute Lösung gefunden." Mit Dutzenden Fachleuten und bis zu 16 Mitarbeitern hatte es der Wahl-Baseler zu tun. Er koordinierte auch die Ausführung auf der Baustelle und achtete mit den Zulieferern auf die Qualität. Mit der Firma Gartner aus Gundelfingen und einer Münchner Hochschule testete er die Glas- und Stahlelemente auf Belastbarkeit, energetische und akustische Eigenschaften. In Padua wachte er über die Biegung des Glases. Insgesamt sind 2200 Elemente verbaut, die aus bis zu sechs Scheiben bestehen. 600 davon sind individuell gekrümmt.

Als die Elbphilharmonie wegen ausufernder Kosten und politischer Querelen in den Image-Sumpf von Stuttgart 21 und dem Berliner Flughafen zu kentern drohte, halfen Göddertz nach eigener Aussage seine Oberpfälzer Wurzeln weiter: "Ans Aufgeben habe ich nie gedacht. Was angefangen ist, machen wir fertig."

Auch als die Elbphilharmonie 2009 noch ein Gerippe war. "Damals haben wir das erste Fassadenelement an der Stadtseite eingehängt. In diesem Moment glaubst du fest daran." Zudem habe sich am Konzept für die Gebäudehülle zwischen Backsteinsockel und der Spitze in 110 Metern Höhe seit Ausschreibung und Vergabe nichts geändert. 2011 sei dann Zug in das Projekt gekommen, nicht zuletzt dank Hamburgs neuem Bürgermeister Olaf Scholz. Jacques Herzog sprach im "Spiegel" einmal von einer Liebesbeziehung zu dem Gebäude. Göddertz geht es ähnlich: "Bis 2011 war ich ständig in Hamburg, das für mich die schönste Stadt Deutschlands ist. Und wenn etwas erst nur in deinem Kopf ist, und dann sitzt du plötzlich drin, berührt dich das einfach", beschreibt er seinen Architektenstolz bei der Eröffnung im November 2016.

Der Kopf war bis dato stark gefordert, denn die Fassade musste viele verschiedene Bedürfnisse abdecken. Dahinter verbergen sich Büros, Hotelzimmer, Proberäume, Umkleiden, Bars und Technikkammern.

Obwohl Göddertz schon am nächsten Projekt, dem Kunstmuseum "M +" in Hongkong arbeitet, hat er die Details seines Hamburger Meisterstücks noch jederzeit präsent: u-Werte und g-Werte für Wärme und Energie, Punktbedruckung und Beschichtung, Siebverteilung, Scheibenachsen und Farbpigmentierung, Anpressdruck und Parametrisierung. Bei aller Liebe zum Fach lässt er sich aber noch immer von der Ästhetik überwältigen. "Durch das Reflektierende der Scheiben wirkt die Wasserseite intensiver, und wenn du aufs Gebäude blickst, sieht der Himmel jeden Tag anders aus", schwärmt er vom Endprodukt. Ohne dick aufzutragen, denn so etwas passe nicht zu einem Oberpfälzer. Das klingt dann so: "Ich muss nicht in der ersten Reihe stehen, ich mache einfach gerne meinen Job." Angenehm untertrieben für einen Projektleiter des laut Süddeutscher Zeitung "erfolgreichsten Planungsbüros der Welt". (Seite 41)

Herzog & de Meuron

Das Büro Herzog & de Meuron spielt in der Architekturwelt in einer Liga mit Namen wie Norman Foster, Daniel Libeskind, Frank Gehry, Zaha Hadid oder Renzo Piano. Die Schulfreunde Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben es 1978 in ihrer Heimatstadt Basel gegründet. Sie beschäftigen rund 400 Mitarbeiter. Zu den bekanntesten Bauwerken zählen der Anbau der Tate Modern Gallery in London, das Prada Aoyama Epicenter in Tokio, das Olympiastadion in Peking und die Münchner Allianz-Arena. Die Elbphilharmonie ist ihr erstes Konzerthaus. Es gilt als eines ihrer längsten und schwierigsten Projekte. (phs)

Ich muss nicht in der ersten Reihe stehen, ich mache einfach gerne meinen Job.Stefan Göddertz

Langes Hickhack

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