Alles Fassade
Der Weidener Stefan Göddertz gestaltet die Elbphilharmonie in Hamburg mit

Stefan Göddertz gehört als "Associate" zum Büro von Herzog & de Meuron in Basel. Der 48-jährige Weidener gilt als weltweit beachteter Spezialist für Gebäudehüllen. Bild: Simon Kneubühl www.simonkneubuehl.com
 
Einige Hamburger nennen sie bereits "Elphi". Noch vor zehn Jahren als Fass ohne Boden geschmäht, ist daraus ein Kulturbau der Superlative geworden. Nun muss die Elbphilharmonie bei den Eröffnungskonzerten am 11. und 12. Januar beweisen, dass die Akustik mit der glitzernden Schönheit des Glaskristalls auf dem früheren Kaffeespeicher mithalten kann. Bild: Maxim Schulz
 
Ein wenig erinnert Göddertz' aktuelles Projekt an einen aufgeklappten Laptop. Das Kunstmuseum "M +" in Hongkong soll 2019 eröffnet werden. Bild: Herzog & de Meuron.

Am 11. Januar richten sich alle Augen auf Hamburg. Dann steigt im zurzeit spektakulärsten Konzertsaal der Welt die allererste Aufführung. Die Elbphilharmonie glänzt aber bereits jetzt als gläsernes Juwel in der Hafencity. Einer ihrer Schöpfer ist ein Weidener.

Von Friedrich Peterhans

Stefan Göddertz hat zehneinhalb Jahre seines Architektenlebens mit dem neuen Wahrzeichen der Hansestadt verbracht. Er ist der Verantwortliche für die funkelnde Visitenkarte des Riesenkristalls - die Fassade.

Göddertz ist in der Behaimstraße aufgewachsen und hat 1988 am Kepler-Gymnasium Abitur gemacht. Seit 2006 arbeitet er für die Schweizer Baukünstler Jacques Herzog und Pierre de Meuron. "Die Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen", erklärt der 48-Jährige mit Weidener Färbung in der Stimme. Einen Namen hat er sich Ende der 90er Jahre mit dem vielbeachteten Büro- und Hotelkomplex "Cubus" in Düsseldorf gemacht. Damals war das Büro Schneider und Schumacher in Frankfurt Göddertz' Arbeitgeber.

"Da hatte ich zum ersten Mal eine Fassade von A bis Z geplant und festgestellt: Das ist mein Ding." Das sahen Herzog und de Meuron offenbar ähnlich und vertrauten ihm ihren Entwurf für die Elbphilharmonie an.

Überzeugter Teamspieler

Göddertz' Part war die technische Seite. "Du kommst mit vielen Spezialisten zusammen - Ingenieuren, Statikern, Bauphysikern. In so einem Team fühle ich mich wohl." Die Begleitmusik klang indes nicht immer harmonisch. "Ich möchte aber auch die komplizierten Zeiten nicht missen, wir haben immer eine gute Lösung gefunden." Mit Dutzenden Fachleuten und bis zu 16 Mitarbeitern hatte es der Wahl-Baseler zu tun. Er koordinierte auch die Ausführung auf der Baustelle und achtete mit den Zulieferern auf die Qualität. Mit der Firma Gartner aus Gundelfingen und einer Münchner Hochschule testete er die Glas- und Stahlelemente auf Belastbarkeit, energetische und akustische Eigenschaften. In Padua wachte er über die Biegung des Glases. Insgesamt sind 2200 Elemente verbaut, die aus bis zu sechs Scheiben bestehen. 600 davon sind individuell gekrümmt.

Als die Elbphilharmonie wegen ausufernder Kosten und politischer Querelen in den Image-Sumpf von Stuttgart 21 und dem Berliner Flughafen zu kentern drohte, halfen Göddertz nach eigener Aussage seine Oberpfälzer Wurzeln weiter: "Ans Aufgeben habe ich nie gedacht. Was angefangen ist, machen wir fertig."

Auch als die Elbphilharmonie 2009 noch ein Gerippe war. "Damals haben wir das erste Fassadenelement an der Stadtseite eingehängt. In diesem Moment glaubst du fest daran." Zudem habe sich am Konzept für die Gebäudehülle zwischen Backsteinsockel und der Spitze in 110 Metern Höhe seit Ausschreibung und Vergabe nichts geändert. 2011 sei dann Zug in das Projekt gekommen, nicht zuletzt dank Hamburgs neuem Bürgermeister Olaf Scholz. Jacques Herzog sprach im "Spiegel" einmal von einer Liebesbeziehung zu dem Gebäude. Göddertz geht es ähnlich: "Bis 2011 war ich ständig in Hamburg, das für mich die schönste Stadt Deutschlands ist. Und wenn etwas erst nur in deinem Kopf ist, und dann sitzt du plötzlich drin, berührt dich das einfach", beschreibt er seinen Architektenstolz bei der Eröffnung im November 2016.

Der Kopf war bis dato stark gefordert, denn die Fassade musste viele verschiedene Bedürfnisse abdecken. Dahinter verbergen sich Büros, Hotelzimmer, Proberäume, Umkleiden, Bars und Technikkammern.

Obwohl Göddertz schon am nächsten Projekt, dem Kunstmuseum "M +" in Hongkong arbeitet, hat er die Details seines Hamburger Meisterstücks noch jederzeit präsent: u-Werte und g-Werte für Wärme und Energie, Punktbedruckung und Beschichtung, Siebverteilung, Scheibenachsen und Farbpigmentierung, Anpressdruck und Parametrisierung. Bei aller Liebe zum Fach lässt er sich aber noch immer von der Ästhetik überwältigen. "Durch das Reflektierende der Scheiben wirkt die Wasserseite intensiver, und wenn du aufs Gebäude blickst, sieht der Himmel jeden Tag anders aus", schwärmt er vom Endprodukt. Ohne dick aufzutragen, denn so etwas passe nicht zu einem Oberpfälzer. Das klingt dann so: "Ich muss nicht in der ersten Reihe stehen, ich mache einfach gerne meinen Job." Angenehm untertrieben für einen Projektleiter des laut Süddeutscher Zeitung "erfolgreichsten Planungsbüros der Welt". (Seite 41)

Herzog & de MeuronDas Büro Herzog & de Meuron spielt in der Architekturwelt in einer Liga mit Namen wie Norman Foster, Daniel Libeskind, Frank Gehry, Zaha Hadid oder Renzo Piano. Die Schulfreunde Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben es 1978 in ihrer Heimatstadt Basel gegründet. Sie beschäftigen rund 400 Mitarbeiter. Zu den bekanntesten Bauwerken zählen der Anbau der Tate Modern Gallery in London, das Prada Aoyama Epicenter in Tokio, das Olympiastadion in Peking und die Münchner Allianz-Arena. Die Elbphilharmonie ist ihr erstes Konzerthaus. Es gilt als eines ihrer längsten und schwierigsten Projekte. (phs)


Ich muss nicht in der ersten Reihe stehen, ich mache einfach gerne meinen Job.Stefan Göddertz

Langes Hickhack

Ursprünglich hätte die Elbphilharmonie 2010 eröffnet werden sollen. Der Termin wurde mehrmals verschoben. Die Planungen begannen 2001. Damals präsentierte der Investor Alexander Gérard seine Vision von einem Konzerthaus auf einem alten Backstein-Speicher im Hafen dem Hamburger Senat. Der ließ sich überzeugen, wohl auch, weil das Projekt den Steuerzahler nur 77 Millionen Euro kosten sollte. Den Rest der geschätzten 186 Millionen Euro Baukosten sollten private Spender beisteuern.

Es kam ganz anders. Der Anteil der öffentlichen Hand betrug am Ende 789 Millionen Euro. Dazwischen lagen eine Klage der Stadt gegen den Baukonzern Hochtief, ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zur Kostenexplosion, eine Arbeitsniederlegung wegen Sicherheitsbedenken, ein Prozess vor dem Hamburger Landgericht, Ultimaten, Probleme mit dem Dach und Anfang 2013 eine Neuausschreibung mit realistischen Baukosten. Die wurden am Ende auch eingehalten, ebenso wie die dabei genannte Schlüsselübergabe im November 2016. (phs)

Ästhetik trifft Akustik

Das 110 Meter hohe Gebäude in der Nähe der Landungsbrücken gilt - ähnlich wie die Oper in Sydney - als Wahrzeichen der Hansestadt. Herzstück ist der große Konzertsaal mit 2100 Plätzen sowie ein kleiner Saal mit 550 Plätzen. Der Anspruch lautet, Zuhörern darin das weltbeste Klangerlebnis zu bieten. Die Planungen dazu lagen in den Händen des japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota. Daneben finden sich 45 Luxuswohnungen, Geschäfte, Büros sowie ein Fünf-Sterne-Hotel mit 244 Zimmern, Gastronomie und ein Parkhaus. Zwischen dem Backsteinsockel und dem Glaskristall tut sich in 40 Metern Höhe die Plaza auf, eine öffentlich zugängliche Fuge, die einen fantastischen Rundblick auf Innenstadt und Hafen bietet.

Am 11. und 12. Januar feiert das NDR-Orchester unter Leitung von Thomas Hengelbrock darin eine Doppelpremiere. Beim zweiten Termin ist Stefan Göddertz im Publikum. Auch Bundespräsident Joachim Gauck hat sich angekündigt. Karten waren im freien Verkauf nicht zu haben. 1000 Tickets wurden allerdings verlost. 220 000 Menschen hatten sich dafür beworben. (phs)


Zur PersonStefan Göddertz hat nach dem Abitur am Kepler-Gymnasium (Leistungskurse Kunst und Mathematik) von 1991 bis 1995 an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg studiert. Danach arbeitete er für die Architekten Schneider und Schumacher in Frankfurt. Es folgten Stationen in Büros wie Erik van Egeraat in Rotterdam, Dominique Perrault in Paris sowie Burckhardt & Partner in Zürich. Göddertz arbeitete unter anderem an Gebäuden in Österreich, Frankreich, Spanien, Holland, Russland und Südkorea.

2006 kam er zu Herzog & de Meuron nach Basel. In Weiden ist er nur noch selten, da seine Oma und seine Eltern nicht mehr leben. Zuletzt war er vor sieben Jahren in der Stadt. Über seinen Freund Ernst Hecht, einen in München lebenden Neustädter, hält er sich aber ein bisschen auf dem Laufenden über die Region.

Die will er bald auch einmal zum Wandern und Mountainbiken besuchen. Stefan Göddertz lebt seit seiner Frankfurter Zeit mit einer Nürnbergerin zusammen, ebenfalls eine Architektin. Mit ihr genießt er das kulturelle und kulinarische Angebot in Basel und Umgebung. Als "überzeugter Stadtbewohner" mag er das internationale Flair im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz und im Büro.

Seine Herkunft verliert er dabei nie aus den Ohren. Zu Hause laufen Bayern 5 oder Bayern 2 im Radio. Zudem freut er sich über berufliche Kontakte aus der Baubranche und zu Zulieferern nach Ostbayern. "In der Oberpfalz, in Hof oder Plattling sitzen tolle Firmen." (phs)
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