26.04.2017 - 18:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

ATU: Zurück zu den Wurzeln von Unternehmensgründer Peter Unger Wirtschaftskrimi mit Happy End

Spitz auf Knopf stand es für ATU im Dezember 2016. ATU-Chef Jörn Werner gewährt erstmals Einblick in den dramatischen "Wirtschaftskrimi", der mit der Übernahme durch die französische Mobivia ein glückliches Ende nahm.

"Das war der Höhepunkt in meiner beruflichen Karriere": ATU-Chef Jörn Werner macht aus seiner Freude keinen Hehl, dass die Finanzinvestoren (Hedgefonds) als Eigentümer ausgestiegen und das Familienunternehmen Mobivia bei ATU eingestiegen ist. Werner spricht übrigens fließend Französisch. Bilder: Schönberger (2)
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Weiden/Amberg. Lange schwieg der Vorsitzende der Geschäftsführung in der Öffentlichkeit. "Ich gebe keine Ankündigungs-Interviews", sagt der 56-Jährige, der mit seiner Frau in Amberg lebt. Jetzt legt Jörn Werner im Exklusiv-Interview mit OberpfalzMedien erfreuliche Fakten vor.

Überregionale Wirtschaftsblätter und Zeitungen schrieben ATU als "pleite" ab. Wie war das damals?

Jörn Werner: Die handelnden Parteien - auf beiden Seiten saßen Hedgefonds - reizten die Situation bis zur letzten Minute aus. Es war ein absoluter Wirtschaftskrimi, ein Pokerspiel. Mir war dabei aber immer klar, dass ATU nicht insolvent gehen wird, weil alle zu viel zu verlieren hatten: So war der Insolvenzantrag zwar unterschrieben, wurde aber nie abgegeben (lacht befreit). Hedgefonds sind etwas tougher unterwegs; bei den Gesprächen saßen manchmal mehr Anwälte als Handelnde am Tisch. Alle wussten, was auf dem Spiel steht.

Wie steckten Sie die Belastungen weg?

Es brauchte ein sehr dickes Fell. Blanker hätten die Nerven bei den Beteiligten kaum liegen können. Auch ich habe körperlich Federn gelassen, machte eineinhalb Jahre lang bei ATU keinen Urlaub, arbeitete oft die Nächte durch. Aber es hat sich gelohnt: Wir rangen als kleine Oberpfälzer Lichter mit zwei internationalen Hedgefonds um eine Lösung - bei der letztlich ATU der große Gewinner war. Ohne die 100-prozentige Unterstützung der Arbeitnehmerseite mit Betriebsrat und Gewerkschaft hätten wir das nicht geschafft. Solch ein Miteinander habe ich vorher noch nicht erlebt.

Besonders dankbar bin ich Hans- Joachim Ziems (er sanierte u. a. Pfleiderer und IVG), den ich beim ersten Gespräch im Drahthammer Schlößl in Amberg kennen- und schätzen lernte. Ziems hielt uns den Rücken frei. Wir haben bestens harmoniert - und sind heute befreundet.

Hatten Bundes- und Landespolitik Einfluss auf das Ergebnis?

So dankbar ich für deren Engagement bin: Die Politik spielte hier eine eher untergeordnete Rolle. Die Entscheidungen fielen woanders.

Sie waren dreieinhalb Jahre Geschäftsführer beim regionalen Vorzeige-Unternehmen Conrad Electronic, bevor Sie im Mai 2015 als CEO bei ATU einstiegen. Warum haben Sie sich ATU angetan?

Ich habe den Wechsel nie bereut. Conrad ist ein tolles Familienunternehmen. Aber die unternehmerische Herausforderung bei ATU reizte mich - mit allen Chancen und Risiken. Ich erkannte schnell die "Stellhebel", um ATU wieder erfolgreich zu machen: Wir mussten von den hohen Verbindlichkeiten und Mieten runterkommen, die Kunden- und Umsatzverluste stoppen und ein branchenerfahrenes Management-Team installieren. ATU ist heute schuldenfrei: Die Mieten sind auf Marktniveau reduziert, wir sparen in Summe einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag im Jahr. Der Umsatz entwickelt sich seit Spätherbst 2016 wieder positiv, ATU ist wieder profitabel.

Wir haben den Turnaround geschafft und wollen im nächsten Geschäftsjahr eine Milliarde Euro Umsatz überschreiten. Und das Wichtigste: Mit der Übernahme durch die Mobivia Groupe ist ATU endlich im richtigen Hafen angekommen.

Französische Unternehmen sind meist zentralistisch strukturiert. Das bekamen aufgekaufte deutsche Firmen in der Vergangenheit zu spüren. Führt Mobivia nun ATU an der kurzen oder langen Leine?

Die Leine ist ziemlich lang (lacht). Mobivia ist anders als andere große französische Unternehmen. Die Eigentümer-Familie sitzt nicht in Paris, sondern in Lille und damit - aus Pariser Sicht - in der Provinz. In der Mobivia Holding agieren die jeweiligen Unternehmen weitgehend autonom. Wir machen Eins zu Eins das Gleiche, darum gibt es zahlreiche Synergien. Mobivia denkt langfristig, deshalb wird auch wieder mehr in die Mitarbeiter-Fortbildung investiert. Ich bin mittlerweile auch Mitglied in der Mobivia-Konzernführung und vertrete dort ATU.

Was ändert sich für ATU bei Einkauf,Verwaltung und Logistik?

Es gibt einen zentralen Einkauf in der Schweiz. Aber die letztendliche Entscheidung, ihn zu nutzen, liegt immer beim einzelnen Unternehmen. Durch die Bündelung der Mengen spart die Gruppe einen zweistelligen Millionenbetrag im Jahr. Bei der Verwaltung ändert sich nichts. Bei der Logistik werden unsere Zentrallager in Werl und Weiden profitieren, denn Mobivia lotet derzeit den osteuropäischen Markt aus. Überhaupt reden wir bei ATU endlich wieder über Expansion, die vor vielen Jahren eingestellt wurde. In Österreich und in der Schweiz zum Beispiel sind neue ATU-Standorte geplant.

Und beim Management?

Von Mobivia kommt der neue ATU-Finanzgeschäftsführer (CFO) Arnaud Vuye, als Integrations-Manager wirkt Nicolas Marquis-Sebie. Die Zusammenarbeit macht schon Spaß. Bordeaux-Wein trifft Oberpfälzer Bier ... Natürlich gibt es Unterschiede im Management-Stil, und das Reporting muss schnell vernetzt werden. Wir wollen das Beste aus zwei Welten herausholen.

Wie lautet die Konzernsprache?

Noch Französisch, bald jedoch Englisch. Wobei Englisch für viele Franzosen wohl die größere Herausforderung darstellt als für die Oberpfälzer (lacht).

Sie sprachen die Synergien mit Mobivia an.

Wir testen derzeit in den zwei Aachener ATU-Filialen das komplette Sortiment von Mobivia-Tochter Norauto. Denn Norauto ist stark im Shop-Bereich, ATU bei den Werkstätten und im Flottengeschäft. Wir wollen im Shop unseren Anteil der Eigenmarken erhöhen. Allein hätten wir für diesen Prozess Jahre gebraucht. Norauto-Gründer Eric Derville und ATU-Gründer Peter Unger kennen sich übrigens sehr gut.

Apropos Peter Unger ...

Im Prinzip wollen wir die Stärken wieder beleben, mit denen Peter Unger einst das Unternehmen erfolgreich positioniert hat: als markenunabhängige Kette mit Schnellservice deutlich unter dem Preis von Marken-Werkstätten und einem flächendeckenden Netz von ATU-Filialen, die nicht weiter als 30 bis 50 Kilometer entfernt sind.

Im Prinzip wollen wir die Stärken wieder beleben, mit denen Peter Unger einst das Unternehmen erfolgreich positioniert hat.Jörn Werner

Als Sie 2015 die ATU-Geschäftsführung übernahmen, sagten Sie: ATU sei beim E-Commerce noch "unterbelichtet". Wie findet Digitalisierung bei ATU statt?

Der Anspruch an den Schnellservice ist in Zeiten der Digitalisierung natürlich ein anderer als noch vor 20 Jahren: Beispielsweise müssen wir manuelle, zeitaufwendige Arbeitsabläufe schon beim Einchecken digitalisieren. Der Kunde legt den Autoschlüssel auf den Tresen und bekommt dann die Diagnose zu seinem Auto auf sein Smartphone, ebenso die Rechnung. Wir wollen schnellere und schlankere Prozesse mit voller Transparenz für den Kunden.

Wir verstehen uns nicht als Reifen- Bude, sondern als Meister-Werkstatt, die die Mobilität der Kunden über die gesamte Lebensdauer eines Autos organisiert, und nicht erst dann, wenn es kaputt ist. ATU könnte durch reinen Produkt-Verkauf in einem Webshop nicht überleben. Denn hier ist der Preisdruck viel zu hoch, und Produkte sind auswechselbar. Wir verkaufen Dienstleistungen und ganzheitliche Lösungen für die Mobilitäts-Bedürfnisse unserer Kunden.

Wie stellt sich ATU auf die E-Mobilität ein?

Wir schulen entsprechend unsere Mitarbeiter. In das Schulungszentrum in Weiden haben wir eine Million Euro investiert. Wir werden auch die großen ATU-Werkstätten für E-Autos umbauen. Sicherlich werden die Wartungs-Intervalle insgesamt länger, die Autos werden aber auch länger gefahren. Entscheidend ist, dass die Kunden bei jeder Wartung zu uns zurückkommen.

Sie stammen aus Norddeutschland und sind in Dänemark aufgewachsen: Ein Mentalitätssprung zu den Oberpfälzern?

Nein (lacht). Ich stelle viele Gemeinsamkeiten fest. So imponieren mir die Oberpfälzer Bodenständigkeit und Geradlinigkeit - nach dem norddeutschen Motto "Glaube ja nicht, dass du jemand bist".

Wir verstehen uns nicht als Reifen-Bude, sondern als Meister-Werkstatt.Jörn Werner, Vorsitzender ATU-Geschäftsführung
Ohne die 100-prozentige Unterstützung der Arbeitnehmerseite mit Betriebsrat und Gewerkschaft hätten wir das nicht geschafft. Solch ein Miteinander habe ich vorher noch nicht erlebt.Jörn Werner, Vorsitzender ATU-Geschäftsführung

ATU (Auto-Teile Unger)

Mit dem nunmehr fünften Eigentümer-Wechsel seit 2002 begann für ATU im Dezember 2016 eine neue Ära: Mit der Übernahme durch die französische Mobivia Groupe entsteht das größte Kfz-Service-Unternehmen Europas mit annähernd 2000 Werkstätten, 20 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 2,7 Milliarden Euro. Die 1985 von Peter Unger gegründete ATU betreibt 577 Werkstätten in Deutschland, 25 in Österreich und 6 in der Schweiz. Von einst mehr als 1,4 Milliarden Euro sank der Umsatz von ATU zuletzt auf weniger als eine Milliarde Euro, die Zahl der Mitarbeiter auf knapp 10 000. Die Franzosen stiegen bei ATU nur unter der Voraussetzung ein, dass die völlig überteuerten Mieten für 273 Filialen deutlich gesenkt werden. Hier standen sich die niederländische Lino-Gruppe (Deutsche Bank und US-Hedgefonds Davidson Kemper) als Immobilien-Eigner und der Finanzinvestor Centerbridge als ATU-Eigentümer gegenüber. (cf)

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