16.03.2017 - 19:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bewerber im Wettstreit um Lehrstellen Wenn Firmen schweigen

Viele Firmen klagen über Nachwuchsprobleme - Auszubildende seien schwer zu finden. Welche Erfahrungen aber machen junge Leute, die sich um eine Lehrstelle bewerben?

Der Schulabschluss naht - die Suche nach einem Ausbildungsplatz beginnt. Junge Bewerber um eine Lehrstelle machen dabei aber nicht nur positive Erfahrungen. Archivbild: Hartl
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Weiden/Regensburg. Spätestens zu Beginn der Abschlussklasse schicken die Jugendlichen ihre Bewerbungen ab - manchmal "auf gut Glück", meist aber auf offiziell gemeldete Ausbildungsstellen. Dann heißt es warten - auf eine Antwort, eine Absage, eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Scheitern ist zwar der Normalfall, eine Reaktion der Firmen sollte aber selbstverständlich sein, vor allem dann, wenn keine reine Initiativbewerbung verschickt wurde.

Die 15-jährige Marie aus dem Kreis Neustadt/WN (Name von der Redaktion geändert) bewirbt sich schon in der vorletzten Klasse der Wirtschaftsschule fleißig, vor allem als Industrie- oder Bankkauffrau. Fachoberschüler Tom (Name geändert), 18 Jahre, aus Weiden will Industriekaufmann oder Kaufmann für Büromanagement werden. Beide haben gute Zeugnisse und tadellose Bewerbungsunterlagen.

Ernüchternde Erfahrung

Die Ernüchterung folgt bald: Nur eine von vier Firmen antwortet dem jungen Mann und lädt ihn zum Vorstellungsgespräch ein. Marie darf sich zweimal vorstellen. Die Niederlassung eines internationalen Konzerns verhält sich mustergültig, gibt regelmäßig Rückmeldung über den Stand des Bewerbungsverfahrens und setzt die Schülerin auf eine Warteliste, nachdem sie doch nicht den Zuschlag für den Job bekommen hat.

Bei einem mittelständischen Unternehmen hingegen leistet Marie nach dem Vorstellungsgespräch wunschgemäß in den Sommerferien ein einwöchiges Praktikum ab. Für fast 40 Stunden Arbeit bekommt sie am Ende 40 Euro ausbezahlt. Daraufhin hört die Schülerin wochenlang nichts mehr, bis sie schließlich selbst nachhakt und letztlich auf ein kurzfristig anberaumtes weiteres Auswahlverfahren im Januar vertröstet wird. Den Termin dafür bekommt Marie allerdings erst zwei Tage im Voraus mitgeteilt.

Zehn weitere Firmen beziehungsweise Institutionen melden sich gar nicht, die meisten senden auch die Bewerbungsmappen nicht zurück. "Vielen Mitschülern ist es genauso gegangen", berichtet das junge Mädchen: "Sie haben überhaupt keine Antwort auf ihre Bewerbungen bekommen."

Bedauerliche Ausreißer? Wir haben eine nicht-repräsentative Umfrage unter jungen Leuten gestartet, die nach dem mittleren Bildungsabschluss ins Berufsleben einsteigen wollten. Das Ergebnis: Unter 238 Firmen kam von 35 keinerlei Resonanz, meist handelte es sich dabei um Lehrstellen im kaufmännischen Bereich. 17 von 37 Jugendlichen, die an der Umfrage teilnahmen, warteten zumindest in einem Fall vergeblich auf eine Rückmeldung, überwiegend aber reagierten gleich mehrere Unternehmen nicht.

Franz Kiener, Teamleiter der Berufsberatung an der Agentur für Arbeit in Weiden, bestätigt, dass so etwas vorkommt: "Das ist uns klar, aber genauso gibt es ja auch Bewerber, die zwei oder drei Zusagen haben und dann den Firmen nicht rechtzeitig absagen." Nicht immer verlaufe das Bewerbungsverfahren optimal. "Dafür sind oft interne Vorgänge verantwortlich. Gerade in vielen Kleinbetrieben läuft das nebenher mit." Kiener empfiehlt daher: "Nach einer Wartezeit kann der Bewerber sich ruhig von selber bei der Firma melden und nachfragen."

Eine Reaktion dürfe man freilich in jedem Fall auf seine Bewerbung erwarten, räumt der Berufsberater ein, bittet aber zugleich: "Man sollte solche Probleme nicht verallgemeinern. Es gibt halt immer ein paar Ausreißer. Und die Unterschiede bei den Bewerbungsfristen sind je nach Branche groß, das weiß der Bewerber oft aber nicht."

Teils Bewerberüberhang

Zwar seien alle Wirtschaftszweige auf der Suche nach fähigem Nachwuchs, sagt der Experte - die größten Probleme, Lehrlinge zu finden, gebe es jedoch im Bereich Gastronomie und Ernährung. Auch in technischen und handwerklichen Berufen blieben Stellen unbesetzt, während der Ausbildungsmarkt im kaufmännischen und Dienstleistungssektor ausgeglichen sei oder sogar einen Bewerberüberhang aufweise.

Christa Neubauer-Kreutzer, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Nordoberpfalz in Weiden, ist nach eigener Aussage mit der Problematik nicht konfrontiert. "Wir hatten im Handwerk ohnehin relativ wenige Bewerber, da ist jeder Meister froh, wenn überhaupt jemand kommt", berichtet sie. Weder von Lehrlingen noch deren Eltern habe sie bisher Klagen gehört, dass es auf Bewerbungen keine Resonanz gegeben habe. "Im Handwerk muss man schnell reagieren und flexibel sein", sagt Neubauer-Kreutzer: "Bewerbungsverfahren über mehrere Monate gibt es bei uns nicht, man meldet sich eher sofort, wenn ein Bewerber, zumal ein gut qualifizierter, Interesse an einer Ausbildung zeigt." Das gelte vor allem für kleinere Firmen.

Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufsbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Regensburg, bittet ebenfalls um Nachsicht mit den Firmen. "Natürlich gibt es immer wieder mal mangelnde Rückmeldung", sagt er, "aber das sind sicher nur Einzelfälle und keine strukturellen Probleme, davon wüssten wir sonst". Letztlich bleibe es den Unternehmen überlassen, wie sie das Bewerbungsverfahren gestalten. Dabei könne ein Auswahlverfahren sich durchaus in die Länge ziehen. Kohl spricht von drei bis vier Monaten.

Am Ball bleiben

"Eine Bewerbung ist sicher keine Einbahnstraße", betont der IHK-Experte. "Da muss sich schon auch der Bewerber dahinter klemmen und zwischendurch telefonisch melden." Natürlich sei es bedauerlich, wenn die Firmen nicht reagierten, "aber einen Anspruch darauf hat man als Bewerber natürlich nicht".

Bei manchen sei zudem bereits die Ausgangslage ungenügend, sie hätten einfach zu schlechte Noten. "Das verkennen leider viele", sagt Kohl. "Wer sich mit einem Dreier- oder Vierer-Schnitt und dann vielleicht noch vom M-Zug der Hauptschule für einen nachgefragten Beruf wie Büromanagement bewirbt, der hat einfach schlechtere Chancen." Die Mehrheit der Firmen, da ist sich der IHK-Fachmann sicher, mache einen vernünftigen Job, was das Bewerbungsmanagement angehe.

Langjähriger Negativtrend

In der Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg für die Oberpfalz und Kelheim sind 79 000 Unternehmen organisiert. Etwa 2800 Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen sind nach Zählung der IHK in der Region derzeit als Ausbildungsbetriebe aktiv.

Sie haben im Jahr 2016 weniger Azubis eingestellt: Mit 4973 neuen Ausbildungsverträgen ergibt sich ein Minus von zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr, belegen die jüngsten Zahlen. "Damit setzt sich ein langjähriger Trend fort", sagt Ralf Kohl, IHK-Bereichsleiter Berufsbildung. Im Spitzenjahr 2008 hatten noch gut 5800 Jugendliche eine Ausbildung begonnen.

In allen Ausbildungsbereichen - dazu gehören neben den IHK-Berufen auch die des Handwerks und die freien Berufe - blieben im vergangenen Jahr laut Arbeitsagentur knapp 1800 Lehrstellen unbesetzt. Das sind ganze 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig verzeichnet die Statistik nur 36 unversorgte Schulabgänger in der gesamten Region. "Die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen ist ungebrochen hoch", sagt Kohl.

Die Firmen würden intensiv um die jungen Leute werben. "Sie lassen sich neue Wege in der Rekrutierung und in der Gestaltung der Ausbildung einfallen. Das Engagement ist so groß wie noch nie." Aufgrund der guten Konjunktur und des Fachkräftemangels werde sich dieser Trend fortsetzen. (m)

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