20.10.2017 - 21:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Brandneue Studie der vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) EU-Osterweiterung beschert vor allem Wettbewerbsvorteile

Mai 2004: 10 mittel- und osteuropäische Staaten treten der EU bei. Diesseits der Grenze überwiegt die Angst vor Lohndumping und Abwanderung der Unternehmen. Politiker warnen vor der neuen wirtschaftlichen Gefahr aus dem Osten. Sie irrten gewaltig. Es kam alles anders.

In keiner anderen Region des Freistaats besitzt das verarbeitende Gewerbe eine derartige Bedeutung wie in der Oberpfalz. Gerade bei den kapital- und technologieintensiven Weltmarktführern, den mittelständischen "Hidden Champions", hat der "grenznahe" Raum weit stärker zugelegt als der "grenzferne" Teil Bayerns.
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Weiden/Amberg. Eine 42 Seiten starke Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) untermauert 13 Jahre nach dem EU-Beitritt von Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien u. a. die gewaltigen Vorteile gerade für die Region direkt an der Grenze. Für das den Oberpfalz-Medien exklusiv vorliegende Papier zum "Near Sourcing" (Verlagerung von Fertigung oder Einkauf ins nahe Ausland) hat vbw in Zusammenarbeit mit IW Consult 400 bayerische Unternehmen befragt.

Fazit der Studie: Die grenznahen Regionen profitierten "überdurchschnittlich" beim rapiden Abbau der Arbeitslosigkeit und bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze. Mit der Verlagerung der Fertigung oder dem Einkauf von Vorprodukten in die kostengünstigen Länder Mittel- und Osteuropas "verbesserten" die heimischen Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit. Diese Investitionen hätten die Wertschöpfung im Inland zum überwiegenden Teil gesichert und ergänzt, betont Bertram Brossardt, vbw-Hauptgeschäftsführer. Die Studie attestiert der Wirtschaft an der Grenze - also auch in der nördlichen und mittleren Oberpfalz - durch die geringeren Kosten in den östlichen Nachbarländern "strategische Wettbewerbsvorteile".

Wirtschaftliche Kluft kleiner

Der Kostenmix halte den bayerischen Standort wettbewerbsfähig. Die direkte Verlagerung von Produktionseinheiten aus Bayern nach Mittel- und Osteuropa finde sich selten. Hier stellt besonders die "mangelnde Qualität" ein Hemmnis dar.

Die sichtbaren Folgen, nämlich die übervollen Auftragbücher und die Vollbeschäftigung (stärkster Rückgang der Arbeitslosigkeit in Bayern), erhalten mit der vbw-Befragung ein statistisches Fundament: In den grenznahen Regionen wuchsen die Pro-Kopf-Wirtschaftskraft und die verfügbaren Einkommen schneller als in den grenzfernen Regionen Bayerns, "so dass die wirtschaftliche Kluft zwischen beiden Regionen etwas kleiner geworden ist".

Zwar seien durch die EU-Osterweiterung die Lohnkosten-sensiblen Branchen im verarbeitenden Gewerbe "zunächst" bis 2008 mit einem Rückgang von fast 10 Prozent unter Druck geraten. Sie wuchsen aber in den Folgejahren "ähnlich schnell wie die kapital- und technologieintensiven Branchen". Eine Sensation: Das produzierende Gewerbe in direkter Grenznähe mit einem Anteil von 31,1 Prozent (Landesdurchschnitt nur 21,8 Prozent) hat an Bedeutung sogar gewonnen: "Von einer Erosion (...) kann daher keine Rede sein."

Rasch tragfähige Regierung

Wo viel Licht herrscht, gibt es auch Schatten. Die Studie wertet die hohen Lohnkosten in Bayern als "Achillesferse". Die Unternehmen könnten Mittel- und Osteuropa als "Ventil" nutzen, um mit steigenden Arbeitskosten in Bayern umzugehen. Die Industrie bewertet aktuell die Fachkräfteversorgung, Flächenverfügbarkeit und Arbeitskosten in Bayern "am häufigsten negativ". Vor allem Industriebetriebe mit "leichter zu ersetzenden Produkten" seien der Konkurrenz aus Mittel- und Osteuropa ausgesetzt. 71 Prozent der befragten Industrieunternehmen setzen auf Tugenden wie Flexibilität, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit. Um "hochwirksam" der Konkurrenz aus dem Osten davon zu eilen, vertrauen die heimischen Betriebe auf Alleinstellungsmerkmale wie spezielle kundenspezifische Lösungen, Top-Qualität, Vorsprung durch Forschung und Entwicklung sowie Komplett- und Systemlösungen. Der "Nischen-Strategie" wird eine höhere Effektivität beigemessen als einer möglichst breiten Produktpalette.

vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt mahnt, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen. "Neben der Digitalisierung müssen die Themen Fachkräfte-Sicherung, Bildung, Flüchtlings-Integration und Steuererleichterungen angepackt werden." Deshalb gelte es auch, jetzt rasch eine tragfähige Regierung mit gemeinsamem Gestaltungswillen und Tatkraft zu formen.

Die EU-Osterweiterung hat sich damit nicht negativ auf Bayern ausgewirkt - im Gegenteil.Bertram Brossardt

Größere Industrieunternehmen die "Treiber"

Laut der Studie entfallen 72 Prozent der bayerischen Einfuhren aus ganz Mittel- und Osteuropa (inklusive Türkei und Kasachstan) auf die neuen EU-Staaten Tschechien, Slowakei, Polen, Ungarn und Rumänien. Bayern weist hier ein erhebliches Handelsbilanz-Defizit auf.

2015 entfiel auf diese Länder rund ein Drittel der in der EU platzierten Direktinvestitionen. Die Bedeutung Mittel- und Osteuropas - vor allem als Absatzmarkt - "steigt mit der Unternehmensgröße deutlich an": "Die Auslands-Produktion ist eine Domäne der größeren Industrieunternehmen." "Der durch die EU-Osterweiterung ausgelöste wirtschaftliche Wandel ist weitgehend abgeschlossen", allerdings sei das Potenzial für "Near Sourcing" längst nicht ausgeschöpft": "Rund jedes achte Unternehmen plant mehr Produktion, jedes siebte mehr Einkäufe in Mittel- und Osteuropa. Treiber sind weiterhin die größeren Industrieunternehmen, von denen rund ein Viertel das 'Near Sourcing' weiter ausbauen möchte."

vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt mahnt: "Wenn sich die Rahmenbedingungen im Inland verschlechtern, steigt die Attraktivität des 'Near Sourcing' - und dann stehen echte Verlagerungen von Wertschöpfung im Fokus." (cf)

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