04.07.2017 - 20:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Europa-Berufsschule startet Initiative zu Analphabetismus Wenn Lesen zur Qual wird

Analphabetismus ist ein Tabuthema. Wenn aber ausgebildet werden soll, muss das Tabu gebrochen werden. Die Europa-Berufsschule startet eine Initiative.

Noch geht es in den Gesprächen mit Schülern nur um allgemeine Schulthemen. Zukünftig werden sich die Lehrer Yvonne Bothner und Roland Metzger mit Analphabetismus beschäftigen. Bild: sbü
von Siegfried BühnerProfil

(sbü) "Analphabetismus kommt an unserer Schule genauso vor wie in der Allgemeinbevölkerung", sagt Lehrer Roland Metzger. Er verweist auf eine Studie der Universität Hamburg, wonach 14 Prozent aller Menschen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren unter "funktionalem Analphabetismus" leiden.

Zusammen mit Kollegin Yvonne Bothner ist Metzger ab sofort Mentor und Ansprechpartner für Auszubildende und Betriebe, in Fällen, in denen begrenzte schriftsprachliche Kompetenzen den Ausbildungserfolg behindern. Die Betroffenen hätten zwar meistens gelernt, wie Buchstaben aussehen und könnten oft auch einzelne Wörter oder Sätze lesen. Doch bereits kurze zusammenhängende Texten können sie nicht mehr erfassen.

Schon in der Schule lebten diese jungen Menschen in einer "Tarnwelt", hätten sich dort angepasst. Allenfalls schlechte Noten deuten auf Analphabetismus hin. "Betroffene führen ein unselbständiges Leben, sind im Alltag oft hilflos und unterliegen einem psychisch großen Druck", erklärt Bothner.

Oftmals werde auch die Ausbildung abgebrochen, ohne dass der eigentliche Grund dafür aufgedeckt wird. Die Lehrer wollen als Mentoren Hilfe anbieten. "Mento" nennt sich das Projekt, das ab sofort an der Berufsschule eingerichtet ist. Die Ausbildung haben beide beim DGB-Bildungswerk absolviert.

Ganz stark setzen die Mentoren Metzger und Bothner ihre Hoffnung auch darauf, dass sie selbst im Sinne eines "Sich-Outens" von Betroffenen angesprochen werden. Höchste Vertraulichkeit wird selbstverständlich zugesichert. Vor allem sollen den Betroffenen ihre Ängste genommen und Hilfestellungen entwickelt werden. Dies könnten Online-Lernprogramme, Volkshochschulkurse, Lernberater und andere Formen sein. Wichtig sei zunächst, im vertraulichen Gespräch den Einzelfall und seine soziale Einbindung zu untersuchen. "Unser Ziel ist es, dass die Personen den Mut haben, ihre Lebensweise zu verändern."

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