02.04.2017 - 20:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Heribert Prantl beim 40. Bestehen des Wirtschaftsclubs Nordoberpfalz: Mitten im Herz Mitteleuropas

Heimat und Provinz, Oberpfalz und Böhmen: Mit historischem Tiefgang hinterfragt Heribert Prantl das Gestern und Heute. Am Ende der Festrede zum 40. Geburtstag des Wirtschafts-clubs steht ein emotionales Bekenntnis zu Europa.

von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Weiherhammer/Weiden. Präsident Gerhard Ludwig lud mit Professor Heribert Prantl nicht nur einen profilierten Publizisten mit Oberpfälzer Wurzeln ein, sondern auch einen furchtlosen, unerschrockenen Mahner. Das Mitglied der SZ-Chefredaktion machte sich "Gedanken über die Kraft der Provinz - und darüber, warum Heimat auch ein ökonomischer Wert ist". Die heimische, eher konservativ geltende Unternehmerschaft nahm im Innovision-Center die etwas andere Festrede - ohne die üblichen Politiker-Worthülsen und Lobhudeleien - mit aufgeschlossener Nachdenklichkeit auf.

Die Betrachtungen erinnerten zum Teil an die legendäre "Weidener Rede" des Literaten Walter Höllerer, der damals feststellte: "Provinz ist nicht gut oder schlecht, Provinz ist das, was man daraus macht." Den immer noch mit Imageproblemen hadernden Nordoberpfälzern müssen die Betrachtungen von Prantl Mut machen: "Provinz ist ein gutes Wort, Provinz hat Kraft, Provinz - das ist die Kraft Deutschlands, sie war es jedenfalls einmal." Gewiss, es gebe in Teilen Deutschlands so etwas wie eine provinzielle Depression. "Aber man muss sich ihr nicht ausliefern. Und es ist gut, wenn ein Verband wie der Wirtschaftsclub Nordoberpfalz zeigt, wie das geht, was man tun kann, dass ein Landstrich lebendig bleibt und lebendig ist."

Und so plauderte der gebürtige Nittenauer (Kreis Schwandorf) über das "Unglaubliche", was in dieser Oberpfalz im Lauf der Jahrhunderte so alles passierte. Der 63-Jährige erinnerte an die Winterarbeitslosigkeit von bis zu 46 Prozent Ende der 80er Jahre in einer "verlorenen Region". Und heute? "Aus dem Armenhaus Oberpfalz ist ein wunderbarer Aufsteiger geworden." Zwischen 2004 und 2014 sei das Bruttoinlandsprodukt in der Oberpfalz um 41,6 Prozent gewachsen. "Die oberpfälzische Provinz steht nicht schlecht da."

Brücke nach Böhmen

Der Festredner nannte die Schattenseiten, etwa die verrottenden Ortskerne. Leidenschaftlich plädierte Prantl für die Wiederbelebung der Zentren. Die Entvölkerung ländlicher Räume sei kein Naturgesetz: "Sie ist eine Folge dessen, dass Arbeit und Leben dort nicht oder viel zu wenig vereinbar sind." Die Auslassungen über die historische Bedeutung von Regensburg waren zum Teil der persönlichen Vita Heribert Prantls geschuldet - und deshalb berechtigt. Jenes Bekenntnis konnten die Zuhörer unterschreiben: "Regensburg repräsentiert das alte Europa - aber auch das neue Europa: Die Stadt schlägt die Brücke nach Böhmen, sie ist das Tor nach Osteuropa."

Nach einem tiefen Griff in die gemeinsame Geschichte von Regensburg und Prag, Oberpfalz und Böhmen folgte das Plädoyer für die "Heimat Europa": "Man muss über die steinernen Brücken von Regensburg und Prag gehen - und dann die Exzesse der böhmisch-oberpfälzischen Geschichte in die Moldau und in die Donau werfen und wegschwimmen lassen; man muss die Fremdheiten überwinden, die die alten Nationalismen aufgetürmt haben." Prantl sprach vielen Gästen - wie Bürgermeister Lothar Höher - aus dem Herzen, als er auf die "Ursprünge des abendländischen Denkens" und die "Klammer der Jahrhunderte" pochte. Leider spüre man die Heimat Europa zu wenig in den Aufgeregtheiten der Tagespolitik. "Wir müssen unser Europa hier, genau hier in diesem Landstrich, wiederfinden."

Lust an der Flegelei

Prantl beklagte "die Wiedergeburt von alten Wahnideen und Idiotien", von der Lust an politischer Grobheit, Flegelei und Unverschämtheit, von der Verhöhnung des Anstands. Es sei ein Elend, dass in Europa der Nationalismus gegen die EU in Stellung gebracht werde. "Europa ist etwas anderes als die Summe seiner Fehler." Wie wahr: "Wenn die Nationalismen in Europa wieder Raum gewinnen - dann wird Europa zurückgeschoben in eine ungute Vergangenheit, in eine Viel- und Kleinstaaterei, in ein Nebeneinander und Gegeneinander." Eine epochale Rede. Ausführliche Berichte am Dienstag in der Jubiläums-Beilage

Dieses Land zwischen Regensburg und Prag ist die verlorene Geliebte der abendländischen Geschichte.Professor Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung

Hier finden Sie die ganze Rede von Heribert Prantl im Wortlaut.

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