29.12.2017 - 18:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Oberpfälzer Leonhard Zintl Experte für Kryptowährungen Bitcoin als "digitale Tulpenzwiebel"

Der Mega-Hype um den Bitcoin erfasst selbst Menschen, die ansonsten mit der virtuellen Welt fremdeln. Von einer "digitalen Tulpenzwiebel" spricht Leonhard Zintl. Der Oberpfälzer gilt als Fachmann für die nächste Online-Revolution namens Blockchain: Sie ist sozusagen die Basis für Bitcoins.

Über die Digitalisierung der Finanzbranche sprach Leonhard Zintl (rechts) auch mit dem zuständigen Bundesbankvorstand Joachim Würmeling. Beide waren über viele Jahre in gleichen Gremien des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) tätig. Bilder: privat (2)
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Weiden/Mittweida. Im 17. Jahrhundert zahlten Spekulanten umgerechnet mehrere Zehntausend Euro für eine Tulpenzwiebel - bis die Blase platzte. Mit dieser Manie vergleicht Leonhard Zintl die Euphorie um den Bitcoin. Der Rummel um die ausschließlich von der Nachfrage getriebene Krypto-Währung erinnert den Banker an den Neuen Markt oder an die toxischen ABS-Papiere aus den USA, welche die Welt 2008 in eine schwere Finanzkrise stürzten. Zintl bewertet den Bitcoin nüchtern als digitale Ersatzwährung: Ohne Bank möglichst schnell und mit möglichst wenig Kosten einen fiktiven, virtuellen Datensatz zur Verrechnung von A nach B zu transportieren - "vorausgesetzt, dass der andere die Kryptowährung akzeptiert". Der Bitcoin sei auch nicht vergleichbar mit einer Aktie, die einen Wert an einem Unternehmen darstelle: "Denn hinter der digitalen Ersatzwährung steht kein Gegenwert." Viel interessanter als den Bitcoin findet Zintl (48) die darunter angesiedelte Blockchain-Technologie. Sie gilt als so revolutionär, dass selbst Insider aus dem Silicon Valley nervös werden. Denn Blockchain versteht sich als die Weiterentwicklung eines dezentral organisierten Internets, das neben Daten auch Werte sekundenschnell weltweit transferiert.

Aufsichtsrat VR-NetWorld

Diese neue digitale Ökonomie verschlankt nicht nur Prozesse und die Bürokratie in den Unternehmen, sondern rüttelt an den Grundfesten, an der Existenz der Banken. Deshalb vertieft sich Leonhard Zintl (Ehefrau Elisabeth betreibt in Waldeck die "Hollerhöfe") in das fesselnde Thema: "Wo Auslandsüberweisungen der Banken zwei bis vier Tage dauern, transferiert Blockchain sekundenschnell die Summen rund um die Welt." National-Währungen und Staaten spielen keinerlei Rolle mehr. Der aus Leonberg (Kreis Tirschenreuth) stammende Oberpfälzer machte bereits als 27-Jähriger Karriere als Vorstand der Volksbank Mittweida mit heute mehr als 1,6 Milliarden Euro Bilanzsumme. Zintl - seit neun Jahren Vorstandsvorsitzender - engagiert sich beim Thema Digitalisierung im Aufsichtsrat der VR-NetWorld sowie im Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken als Verbandsrat und ist Mitglied im ständigen Strategieausschuss (dem höchsten Gremium der Gruppe). Gesprächspartner ist der für Digitalisierung zuständige Vorstand der Bundesbank, Joachim Würmeling.

"Internet der Dinge"

Im sächsischen Mittweida sitzt wie Zintl auch Christoph Jentzsch. Der 32-Jährige gilt international als Vordenker für den Aufbau der nächsten Generation einer Sharing Economy. Jentzsch ist CEO des Blockchain-Start-ups Slock.it. Es soll eine Plattform für das Internet der Dinge werden, mit dem sich im Zeitalter der Vernetzung die Potenziale leerstehender Parkplätze, ungefahrener Autos oder ungenutzter Rechenkapazitäten vermarkten lassen. Sein "soziales Experiment" heißt DAO: Decentralized Autonomous Organisation. Die Adresse von Slock.it ist nur ein Code: 0xbb9bc244d798123fde 783fcc1c72d3bb8c189413.

Was heute noch wie kühne Vision klingt, soll in wenigen Jahren Realität werden: Zintl initiierte mit Jentzsch an der Hochschule Mittweida das interdisziplinäre Kompetenzzentrum Blockchain. Zum Wintersemester 2018 startet in Mittweida der Masterstudiengang Blockchain & Distributed Ledger. "Die Dynamik ist überwältigend. Wir müssen uns mit dem Thema dringendst befassen - nur so wahren wir die Zukunftschancen", sagt Zintl.

Kryptowährungen als Ablösung der klassischen Zahlungsmittel

Bitcoin war 2009 auch als Antwort auf die Finanzkrise erfunden worden, um eine von Staaten, Zentralbanken und anderen Finanzinstituten unabhängige Währung zu erschaffen. Befürworter argumentieren, dass Bitcoins vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit attraktiver werden könnten. Kritiker bezeichnen die Kryptowährung hingegen nicht zuletzt aufgrund der rasanten Kursentwicklung als reines Spekulationsobjekt.

Bitcoins sind Zahlencodes, die bei jeder Transaktion per Blockchain gespeichert und neu verschlüsselt werden. Auf dem USB-Stick, im Handy oder im Rechner wird die Währung den Käufern in digitalen Brieftaschen (Wallets) angezeigt - und von dort aus können sie sie einsetzen. Da es - anders als etwa in Asien - hierzulande bislang nur wenige Geschäfte gibt, die digitales Geld akzeptieren und kaum jemand Bitcoins hergeben will, gilt die Währung für viele bloß als (äußerst riskante) Geldanlage.

Im Unterschied zu herkömmlichem Geld, kaufen die Nutzer Bitcoins ausschließlich über das Internet. Die Währung besteht aus Zahlencodes, die sich mit jeder Transaktion neu verschlüsseln und dadurch sehr fälschungssicher sind. Bitcoin ist aber nicht nur ein Bezahlsystem, sondern auch eine Währung an sich. Er ist also nicht nur Alternative zu Bargeld und Kreditkarte, sondern auch zu Euro und Dollar.

Hinter der Währung steckt das revolutionäre Blockchain-Prinzip: eine dezentrale Datenbank, die alle Bezahlvorgänge der Digitalwährung verschlüsselt und dokumentiert. Sie ist ein kollektives Buchhaltungssystem aller Bitcoin-Transaktionen, die jemals getätigt wurden. Die Datenkette verlängert sich mit jeder Transaktion um ein weiteres Datenpaket und aktualisiert sich laufend selbst. Zwar sind sich Trendforscher sicher, dass Kryptowährungen eine große Zukunft vor sich haben. Die dahinterliegende Technologie, die Blockchain, werde sich als virtuelles Zahlungsmittel durchsetzen und klassische Zahlungsmittel ablösen. Aber es ist völlig unklar, ob am Ende der Bitcoin die Basiswährung aller digitalen Währungen sein wird. Denn längst sind neue Kryptowährungen entstanden, die viele Experten für noch bahnbrechender als den Bitcoin halten. (cf) Quellen: Spiegel Online, FAZ, Deutsche Presseagentur, Handelsblatt

Hinter der digitalen Ersatzwährung Bitcoin steht kein Gegenwert.Leonhard Zintl, Digitalisierungs-Fachmann und Vorstandsvorsitzender der Volksbank Mittweida

Newport. (nt/az) James Howells hatte eine Festplatte, auf der der digitale Schlüssel für 7500 Bitcoins gespeichert war. Dumm nur, dass der Computeringenieur die Festplatte 2009 in den Müll warf, berichtet "Spiegel Online". Heute wären die Bitcoins über 100 Millionen Dollar wert. Doch über den Verlust ärgert sich der Walliser nicht. Vielmehr wurme es ihn, dass er mit dem Schürfen der digitalen Währung aufgehört hat. Der Grund: Seinen Partner habe die Lüftung des Laptops, die dabei auf Hochtouren lief, genervt.

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