27.11.2017 - 16:26 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Reaktionen aus der Oberpfalz auf das Urteil gegen Europas Ex-Drogerie-König „Schlecker geht‘s blendend“

Sie gingen nach der Insolvenz der Drogeriekette leer aus: Wie fühlen sich die Schlecker-Frauen nach dem Urteil? Firmenpatriarch Anton Schlecker, der mehrere Millionen Euro für Ehefrau Christa, Sohn Lars und Tochter Meike beiseite schaffte, kommt mit einer Bewährungsstrafe davon.

Die Tage der drei Schlecker-Filialen in Amberg sind längst gezählt. Bild: Hartl
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Seit fast neun Monaten steht der frühere Unternehmer in Stuttgart vor Gericht. Seit Montag steht fest: Anton Schlecker muss im Gegensatz zu seinen Kindern nicht ins Gefängnis. Georg Luber, Gewerkschaftssekretär beim Verdi-Bezirk Oberpfalz, hat wenig Hoffnung, dass für die ehemaligen Mitarbeiterinnen noch etwas zu holen ist: „Es gibt zu viele Gläubiger – Krankenkassen und die Arbeitsagentur haben Vorrang.“

Rund 170 Betroffene in der Oberpfalz 

Rund 170 Betroffene in etwa 80 Filialen in der Oberpfalz hat Verdi seit Januar 2012, als Europas einstiger Drogerie-König das Handtuch warf, vertreten. „Mit einigen bin ich noch in Kontakt“, sagt Luber, „einige waren nah am Rentenalter, andere erst Anfang 50 – diejenigen, die als Verkäuferinnen in einer Bäckerei oder in einem anderen Geschäft unterkamen, lassen sich an einer Hand abzählen.“ Die Frauen hätten für Schlecker gelebt, es sei „ihr“ Unternehmen gewesen. „Umso enttäuschter waren sie, als sie erfuhren, dass auch noch Geld auf die Seite geschafft wurde“, erzählt der Gewerkschafter.

Von einer sozialen Ader, die Schlecker unterstellt worden sei, weil er bis zum Schluss Weihnachtsgeld ausbezahlen ließ, kann Luber wenig entdecken: „Der fährt heute noch in Luxuskarossen rum – im Gegensatz zu seinen früheren Beschäftigten, die kaum über die Runden kommen, geht‘s ihm blendend.“ Das Geschäftsmodell sei nicht gerade Mitarbeiter-freundlich gewesen: „Nur eine Person im Laden, man konnte kaum auf die Toilette und hatte oft noch nicht einmal ein Telefon für Notfälle.“ Eine Gefängnisstrafe hätte zwar das Geld auch nicht zurückgebracht: „Aber gerecht wäre es schon, wenn man bedenkt, wegen welcher Bagatellvergehen andere einsitzen.“

Insolvenzverwalter: „Geschäftsmodell nicht mehr zu halten“

Auch wenn Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz die Rettung von 25.000 Mitarbeitern in Deutschland nicht gelang – der Neu-Ulmer Anwalt habe mit Verdi ordentlich zusammengearbeitet. In einem Interview mit dem Handelsblatt legte dieser die dramatisch gescheiterten Rettungsaktionen dar: Ein Scheich hätte sich ausschließlich für die Immobilien interessiert, die Schlecker nicht gehörten. Und zwei Investoren eines osteuropäischen Fonds seien sich in die Haare geraten. „Uns wurde sehr schnell klar, dass das Geschäftsmodell insgesamt nicht mehr zu halten war“, urteilt Geiwitz heute. Schlecker verlor mit Tausenden unattraktiven Mini-Filialen mehr und mehr Kunden an die Konkurrenz, Geld für ein geplantes Umbaukonzept fehlte.

Ist das Beispiel Schlecker auch für die Gewerkschaft lehrreich? „Vielleicht hätte man früher die Reißlinie ziehen müssen“, denkt Luber laut nach. „Aber wenn‘s so weit ist, dass man eine Anzeige machen könnte, ist es meist schon zu spät.“ Man müsse versuchen, Druck aufzubauen, einen aussichtslosen Gehaltsverzicht ablehnen. „Mit Storck in Amberg hatten wir eine ähnliche Situation“, erinnert sich der Verdi-Sekretär. Die Pleite der Drogerie-Kette hinterlasse große Lücken in vielen Oberpfälzer Städten und Dörfern: „Zum Teil hängen immer noch Schlecker-Transparente in den Scheiben.“ Das müsse man dem Unternehmen zugestehen, es sei nah am Kunden gewesen: „Es gab eine Filiale beinahe in jedem Dorf, das war ideal für alte Leute – die Umstellung kam zu spät.“

Vielleicht hätte man früher die Reißlinie ziehen müssenVerdi-Gewerkschaftssekretär

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