Trotz fetter Gewinne
Polytec Group schließt Standort Weiden komplett

Oberpfalzmedien durften auf dem Werksgelände nicht fotografieren: Deshalb entstand das Foto vor dem Eingangbereich des Areals, das auch noch andere Firmen beherbergt. Bild: Gabriele Schönberger
 
"Der Standort Weiden wurde bewusst ausgeblutet und gezielt um Aufträge gebracht." Zitat: Gaby Hübner, Sekretärin Industriegewerkschaft BCE

Der Nikolaustag beschert den 90 Beschäftigten der Firma Polytec keine Gaben. Vielmehr bringt der 6. Dezember bittere Gewissheit: Die österreichische Konzernmutter Polytec Group schließt bis Ende 2019 den Standort Weiden - obwohl das Unternehmen satte Gewinne erzielt.

Noch bei einer Betriebsversammlung im August versprach Geschäftsführer Klaus-Dieter Nagel den beunruhigten Mitarbeitern Sicherheit. Nur vier Monate später gibt er in einer emotional aufgeladenen Betriebsversammlung bekannt, dass der Standort Weiden nicht mehr wettbewerbsfähig sei und Ende 2019 dicht gemacht wird. Rund 250 Millionen Euro Umsatz seien einfach zu wenig für elf Composites-Werke.

Wie passend: Bis Ende 2019 läuft ein Großauftrag von BMW aus und ebenfalls der Mietvertrag. Die Polytec Composites Weiden fertigt Spritzguss-Komponenten für MAN und John Deere oder Heckdeckel für BMW und die Batterie-Box für den E-Golf von VW. Die Polytec Group hatte 2008 die damalige Peguform mit fast 400 Beschäftigten übernommen.

2015 kam es zum einschneidenden Personalabbau von etwa 220 auf heute etwas mehr als 90 Mitarbeiter. Pikant: Erst in diesem Jahr greift am Standort Weiden wieder der volle Flächentarifvertrag. Über viele Jahre erhielten die Beschäftigten nur 50 Prozent der tariflichen Lohnerhöhung, die noch dazu bei 1,25 Prozent gedeckelt war. In der Spitze lag der "Sanierungs-Haustarif" um 12,5 Prozent unter der "Fläche" "Und dann eröffnet uns die Geschäftsführung heute das endgültige Aus", spricht Gaby Hübner, Sekretärin der Industriegewerkschaft BCE, von einer "schier unerträglichen Entscheidung". Ihr Vorwurf: "Der Standort Weiden wurde bewusst ausgeblutet und gezielt um Aufträge gebracht."

Sahnestücke verlegt

Tatsächlich erfolgte seit 2015 nicht nur die weitgehende Verlagerung der Verwaltung von Weiden weg. Auch die modernen Hochleistungs-Pressen, quasi die Sahnestücke des Maschinenparks, verfrachtete der Konzern an seinen Standort Chodova Plana im grenznahen Westböhmen. "Dabei ist dort kaum eine qualitätsvolle Fertigung ohne das Know-how aus Weiden möglich", erzählt ein Mitarbeiter. Andere Weidener Pressen gingen an den Polytec-Standort im unterfränkischen Gochsheim: Die Weidener mussten die Maschinen verkaufen und wieder anmieten.

Sozialplan steht an

"Ihr ward weder günstig noch gut": Auf helle Empörung stößt in der Betriebsversammlung am Mittwoch diese Äußerung von Geschäftsführer Klaus-Dieter Nagel auf den Vorhalt eines Mitarbeiters, der an die finanziellen Opfer der Vergangenheit erinnerte. Neben Weiden wird bereits Ende 2018 auch der Polytec-Standort im hessischen Cornberg geschlossen. Offenbar weiterführen will die Polytec Group die Lackieranlage PIW in Meerbodenreuth (Altenstadt/WN). PIW steht für Polytec Industrial Weiden: Dorthin sollen 14 Mitarbeiter aus Weiden für das Engineering umgesetzt werden. Wie geht es weiter? Ab kommenden Montag beginnen die Verhandlungen wegen eines Sozialplans und Interessenausgleichs. "Wir müssen diese Aufgaben ordentlich hinkriegen", bekräftigt Gaby Hübner. Die Zeit eilt, erste Auftragsverlagerungen - weg von Weiden - sollen schon im Januar anstehen.

Kurz vor 17 Uhr erreichte uns eine Stellungnahme von Markus Huemer, Vizepräsident der Polytec Group: "Ja, es ist weiterhin Überkapazität am Markt vorhanden und ebenso hält die eingeschränkte Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland für lohnintensive Tätigkeiten an ... Im Standort Weiden konnten wir leider keine neuen Aufträge gesamtwirtschaftlich vorteilhaft platzieren, weshalb das laufende Fertigungsprogramm ausläuft und das Werk bis voraussichtlich Ende 2019 geschlossen werden muss."

Kommentar des Autors

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Polytec GroupDie Polytec Group mit Konzernsitz in Hörsching (Oberösterreich) zählt nach eigenen Angaben 26 Produktions- und Entwicklungsstandorte in Österreich, Deutschland, Ungarn, Belgien, Niederlande, Schweden, UK, Tschechien, Slowakei, Türkei, USA und China. Rund 4500 Mitarbeiter (davon 2200 in Deutschland) erwirtschafteten im 1. Halbjahr 2017 einen Konzernumsatz von 348,3 Millionen Euro (+6,7 Prozent). Der operative Gewinn (EBITDA) erhöhte sich - vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen - auf 45,1 Millionen Euro (+36,6 Prozent); die EBITDA-Marge beträgt 12,9 Prozent. Das Ergebnis je Aktie stieg von 0,57 auf 1,01 Euro. Der Netto-Gewinn übertrifft sogar um 74,2 Prozent den Vorjahreswert. Die Polytec Group gilt als ein führender Entwickler und Hersteller von hochwertigen Kunststoffteilen: "Komplettanbieter im Bereich Spritzguss, Spezialist für Faser-verstärkte Kunststoffe sowie Produzent von Originalzubehörteilen aus Kunststoff und Edelstahl". Polytec zählt die Weltmarken der Automobilindustrie zu seinen Kunden. Sowohl im Bereich Automotive als auch Non-Automotive liege die Wertschöpfungstiefe "sehr hoch"; sie reiche vom Design und der Entwicklung der Produkte über die Herstellung von Werkzeugen und Halbzeugen für Faserverbundwerkstoffe sowie Bauteilsimulation und -prüfung bis hin zu nahezu allen verfügbaren Kunststoff-verarbeitenden Technologien. (cf)


Der Standort Weiden wurde bewusst ausgeblutet und gezielt um Aufträge gebracht.Gaby Hübner, Sekretärin Industriegewerkschaft BCE
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 09.12.2017 | 04:25  
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