Überraschung: Armutsquote sehr niedrig

Fußgängerzone in Weiden: Der Einkauf ist günstiger als in den großen Städten

Es ist nicht irgendein unbekanntes Institut, das die Untersuchung über Einkommensarmut in Deutschland durchgeführt hat, sondern das IW, das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Deren Wissenschaftler haben etwas herausgefunden, was viele in der nördlichen Oberpfalz schon immer spürten, aber nicht beweisen konnten.

(sbü) Die Stadt Weiden sowie die Landkreise Neustadt/WN und Tirschenreuth gehören bundesweit zu den Gebieten mit den niedrigsten regionalen Armutsquoten. Wer diesen Satz nicht glaubt, sollte die vor wenigen Tagen vorgestellte Untersuchung genau studieren. Dort steht Schwarz auf Weiß, dass Weiden und die angrenzenden Landkreise zu den "Top-5-Gebieten" zählen mit den geringsten Bevölkerungsanteilen, die als kaufkraftarm gelten.

Großstädte machen arm

Kaufkraftarm sind in der Studie diejenigen, die "im Jahre 2014 weniger als 60 Prozent des regional preisbereinigten Medianeinkommens zur Verfügung haben". In Weiden und den angrenzenden Landkreisen liegt dieser Anteil jeweils bei 9,6 Prozent, bundesweit bei 15,4 Prozent. Bis auf über 28 Prozent steigt dieser Prozentsatz zum Beispiel in Gelsenkirchen oder Bremerhaven. Auch für die Stadt Amberg sowie die Landkreise Schwandorf und Amberg-Sulzbach errechnet sich das niedrige Niveau wie in Weiden. Bayern insgesamt hat dagegen schon eine Armutsquote der Bevölkerung von 12,4 Prozent.

Die Wissenschaftler des IW wollten mit ihrer Studie die tatsächlichen Lebensverhältnisse in Deutschland untersuchen. "Dies ist eine Frage der Kaufkraft und des Preisniveaus", sagen sie. Damit relativieren sie alle anderen bisherigen Rechnungen, die mit Einkommen pro Kopf der Bevölkerung oder anderen Messgrößen operierten. Einer der wichtigsten Sätzen der Untersuchung lautet: "Aufgrund der höheren Lebenshaltungskosten sind in den Metropolen gut 21 Prozent der Bevölkerung kaufkraftarm, auf dem Land beträgt dieser Anteil dagegen weniger als 14 Prozent."

Und für die nördliche Oberpfalz hat diese Berechnung ergeben, dass "sich Menschen dort von ihrem Einkommen mehr leisten können als anderswo". Da spielt es eben keine entscheidende Rolle, dass es in der nördlichen Oberpfalz ein unterdurchschnittliches Einkommensniveau gibt. Die deutlich niedrigeren Lebenshaltungskosten haben zur Folge, dass weniger Menschen als anderswo als kaufkraftarm gelten. "Städte machen also arm", wird in der IW-Studie festgestellt und dabei vor allem auf west- und norddeutsche Großstädte verwiesen.

Dort wären Risikogruppen wie Migranten, Alleinstehende und Arbeitslose häufiger vertreten. Die erste Schlussfolgerung, die die Wissenschaftler für die Politik aus ihrer Untersuchung ziehen, lautet: "Wenn die Politik Armut bekämpfen will, muss sie deshalb vor allem die Arbeitsmarktchancen der Risikogruppen verbessern."

IW fordert Kurswechsel

Die zweite Forderung dürfte allerdings in der Oberpfalz auf wenig Gegenliebe stoßen. Ein Kurswechsel in der Regionalpolitik wird für erforderlich gehalten. Diese sei bisher primär auf den ländlichen Raum ausgerichtet gewesen. "Regionalpolitik soll künftig Städte mit Strukturproblemen und hoher Arbeitslosigkeit in den Blick nehmen", empfehlen die Wissenschaftler.
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