22.01.2018 - 17:58 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wenn das Wohnen in der Oberpfalz zum Luxus wird "Der Vermieter kann theoretisch alles verlangen"

Der Bericht der Gutachterausschüsse spricht eine klare Sprache: Käufer von Wohnungen, Häusern und Bürogebäuden zahlten 2016 rund ein Viertel mehr als 2014. Auch in der Oberpfalz haben die Preise angezogen - regional sehr unterschiedlich, wie Immobilienexperten aus Amberg und Weiden betonen.

Begehrte Grundstücke: Baugebiet in Irchenrieth in Nähe zur Stadt Weiden. Bilder: Schönberger/ Herda (3)
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Regensburg/Weiden. Bis vor wenigen Jahren wohnten in den Burgweintinger Reihenhäusern am Regensburger Stadtrand drei Parteien in den 70 Quadratmeter großen Wohnungen je Etage. Dann verkaufte die Besitzerin zwei der drei Wohnungen. Die dritte blieb unverkäuflich, weil ein Mieterpaar deutlich machte: "Wir ziehen nicht freiwillig aus", sagt Monika Ludwig. Mit 625 Euro Kaltmiete (8,92 Euro/Quadratmeter) lag man 2015 noch unter dem Mietspiegel-Durchschnittspreis (9,11 Euro).

Inzwischen hat sich vieles verändert: "Die neue Vermieterin nützt alle Spielräume für Mieterhöhungen", sagt Ludwig. Im Vergleich zu den Studenten, die sich zu dritt und teilweise zu sechst eine der beiden anderen Wohnungen teilen, aber immer noch ein Schnäppchen: "Die können einem Leid tun", sagt die 75-Jährige. "Pro Zimmer zahlen sie 400 Euro, und wenn sie in dem kleinen Raum jemanden dazu nehmen, muss der noch mal 200 Euro zahlen." In der Spitze kommt die neue Eigentümerin so an 1800 Euro für eine Wohnung, stolze 25.71 Euro pro Quadratmeter.

Dass Eigentum laut Artikel 14, Grundgesetz, verpflichtet, ist der Immobilienbesitzerin entgangen. "Kurz vor Silvester ging plötzlich die Heizung nicht mehr", erzählt Ludwig. "Mein Mann ging in den Keller, wo die zentrale Versorgung steht. Aber er konnte nicht feststellen, ob die Heizung defekt ist oder der Kessel einfach leer." Es dauerte zwei Tage, bis die Vermieter zu erreichen waren - auf Kurztrip in Barcelona. "Uuups", habe die Dame am Telefon geantwortet, "wir haben den Kessel doch erst vor zwei Jahren voll machen lassen."

Wohnen kann schnell zum Luxus werden, wenn die Nachfrage nach Immobilien das Angebot übersteigt. Nicht nur rund 33 000 Studenten (Uni und OTH) konkurrieren noch um das letzte Wohnklo. Auch Investoren stecken ihr Geld lieber in das Betongold von Städten mit scheinbar grenzenlosem Preisanstieg. Ist die Welterbestadt Regensburg in puncto Wohnen die schamlose Ausnahme?

"Auch bei uns sind die Preise massiv gestiegen", sagt Dietmar Obermaier. Der Alleininhaber von Immobilien Engel beobachtet seit 28 Jahren den Weidener Markt. "Es ist eine verrückte Zeit", sagt der 56-Jährige, "der Vermieter kann theoretisch alles verlangen." Eine Reihe von Faktoren beflügelten die Preisfantasie.

  • Preisanstieg seit dem Zinstiefpunkt: "Mit Immobilien hat man mehr Rendite als auf der Bank", sagt Obermaier. Grundstücke würden händeringend gesucht. "Diejenigen, die etwas haben, heben es für die Kinder auf - wir könnten am Schlag 30 Grundstücke verkaufen."
  • Im Schnitt 20 Prozent teurer: Im Vergleich zu der im Gutachterbericht konstatierten Preissteigerung von 25 Prozent hält er für Weiden ein Plus von 20 Prozent für realistisch: "Mit Ausreißern nach unten und oben."
  • US-Preise: Im Einzugsgebiet der US-Kasernen verteuere die Praxis, dass die Army für ihre Soldaten pauschal 1400 Euro für eine Hausmiete genehmige, die Mieten für Häuser, Doppelhaushälften und Wohnungen.
  • Stadt ist machtlos: "Was soll die Verwaltung machen, wenn Eigentümer nicht verkaufen wollen?" Beim Baugebiet "Krumme Äcker" habe es 30 Jahre gedauert, bis alle Hürden abgeräumt waren. "50 Eigentümer überzeugt man nicht über Nacht."

Daraus resultierten auch im Umland Angebote wie diese: 165 000 Euro für eine 72-Quadratmeter-Wohnung an der Bahnstrecke in Oberwildenau oder 175 900 Euro für 72 Quadratmeter in Etzenricht. "Im Internet testen Händler, was möglich ist", bewertet Obermaier das Online-Inserat als Testballon. "Die Baukosten sind überall gleich, nur die Grundstücke sind in Oberwildenau günstiger als in der Stadt." In Weiden müsse man zwischen 2500 und 3100 Euro für den Quadratmeter Wohneigentum hinblättern. Heiß begehrt: "Weiden Ost, zentrumsnah, da wollen alle hin."

Obermaier, Typus ehrbarer Kaufmann, warnt davor, das Rad zu überdrehen. "Ich sehe in Weiden schon eine Blase, die anschwillt." Die US-Army ziehe sich sukzessive zurück oder errichte Siedlungen für die Soldaten. "Wenn die Mieter abspringen, weil die Löhne hier nicht so üppig sind, müssen die Vermieter runtergehen." Was man in regelmäßigen Abständen erlebe: "Das ist halt der Schweinezyklus."

Das ist halt der Schweinezyklus.Dietmar Obermaier, Inhaber Immobilien Engel

Angemerkt

Angebot und Nachzahlung Es gibt ein beträchtliches Gefälle in der Oberpfalz – keineswegs nur in eine Richtung. Klar, Regensburg nähert sich mit Riesenschritten Münchener Verhältnissen. Sprich: Vermieter können selbst für Wohnklos Fantasiepreise verlangen, so überwältigend ist die Nachfrage.

Auch Weidener Haus- und Wohnungsbesitzer wissen bei der Miete zuzulangen: 1400 Euro für Einfamilienhäuser im historischen Zustand von 1980 mit halbem Meter Terrasse zur Hauptstraße – Respekt! Preisvergleiche mit Schwandorf, wo man zeitgemäße EFHer oder Doppelhaushälften für deutlich unter 1000 Euro bekommt, werden schulterzuckend zur Kenntnis genommen. „Die Amerikaner zahlen’s“, heißt es dann.

Vermieter, die ihre Preisgestaltung derart auf die Spitze treiben, können nur hoffen, dass der allseits geschätzte Herr Trump mit seiner Parole „America first“ zuletzt nicht doch noch ernst macht und die US-Boys aus der Oberpfalz abzieht. Dann dürfen sie zuallererst überlegen, wo sie die orangefarbenen Bad-Fliesen und die Komplett-Kunstholztäfelung aus dem Wohnzimmer entsorgen und eine Miete kalkulieren, der auch mit Oberpfälzer Löhnen bestritten werden kann.

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