07.04.2017 - 15:46 Uhr
WeigendorfOberpfalz

Buch über die Brennnessel Königin der Frühjahrskur

Manchmal geht man achtlos an ihr vorbei, sieht sie als Unkraut. Dabei ist die Brennnessel eine jahrtausendealte Kulturpflanze, die zu unserem wertvollsten heimischen Blattgemüse zählt. Die Oberpfälzerin Gabriele Leonie Bräutigam hat über diese Pflanze ein Buch geschrieben und verrät darin so manches Geheimnis.

Nesseln als "Gericht mit Geschicht": Ziegenkäse in dreierlei Nesselkleid.
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Von Stefan Voit

Nach den Smoothies wenden Sie sich jetzt der Brennnessel zu. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Gabriele Leonie Bräutigam: Als ich das Buch "Wilde Grüne Smoothies" schrieb, habe ich staunend festgestellt, dass die Brennnessel definitiv unser wertvollstes "heimisches Superfood" ist. Beim Grünen Smoothie geht es ja darum, den Körper effizient mit aufbauenden Pflanzenwirkstoffen zu versorgen, wie dies sonst nur teure Nahrungsergänzungsmittel leisten können. Im Vergleich diverser wissenschaftlicher Studien fand ich heraus, dass die Brennnessel absolute Höchstwerte an Chlorophyll liefert, welches entgiftend und blutbildend wirkt. Die Neugier war geweckt - und der Mensch lebt nicht vom Smoothie allein. Zumal die unterschiedlichen Zubereitungsweisen - roh, gekocht, in Alkohol extrahiert, als Tee zubereitet - unterschiedliche Wirkstoffe freisetzen. Und da wird es spannend ...

Wie haben Sie diese Pflanze für sich entdeckt?

Ich bin geschmacksgeprägt durch meine Oma, genannt Awa. Sie kochte einen fabelhaften Wildkräuterspinat: zwei Drittel Brennnessel, ein Drittel Giersch. Was mich aber absolut fesselte, war, dass mein Vater - sonst eher ein diszipliniertes Gemüt - ihr in echter Gefühlsaufwallung das Servieren von Brennnesselspinat untersagte. Dieser gefühlte Widerspruch hat zeitlebens in mir weitergebohrt.

Was ist das Besondere an der Brennnessel?

Die Brennnessel kommt nahezu weltweit vor (ausgenommen die Antarktis und einige Wüstengebiete). Alle Pflanzenteile sind in Küche und Heilkunde verwendbar: die Blätter, die Samen, die Wurzeln. Sie ist der Generalist der Heilpflanzen und wirkt auf alle Körpersysteme. Im Frühjahr beschleunigt sie den Abbau von überflüssigen Pfunden, remineralisiert, strafft das Bindegewebe, was man nach vierwöchigem Brennnesselgenuss deutlich sieht: Fettpolster schmelzen, die inneren Strukturen straffen sich, Haut und Haar gewinnen Spannkraft und Fülle. Sie kann den Gebrauch von Schmerzmitteln bei Arthrose auf 25 Prozent reduzieren. Männern beschützt sie die Prostata. Sie wird äußerlich und innerlich angewandt. Letztere Anwendungen kann man mit der Fülle leckerer Rezepte absolut genussvoll gestalten! Wenn Sie mich fragen, welche Pflanze ich auf die einsame Insel mitnehmen würde: Es wäre die Brennnessel!

Die Brennnessel ist ja eine Jahrhunderte alte Kulturpflanze. Warum hat es so lange gedauert, bis man sie wiederentdeckt hat?

Jahrtausende alt! Einer der ältesten Funde eines Brennnesselgerichts ist 8000 Jahre alt und stammt aus einer Keltensiedlung. Warum wir sie so selten nutzen? Die Brennnessel gedeiht im "blinden Fleck" unserer Wahrnehmung. Verachtet. Verdrängt. Nach dem Krieg hat die Brennnessel Millionen Menschen das Leben gerettet. Man kann sich von ihr nämlich (als nahezu einzige Wildpflanze) lange Zeit ernähren, ohne Schaden zu nehmen. Mit dem Wirtschaftswunder wollte man diesen Geschmack tilgen und alles vergessen. So ein "kollektives Tabu" funktioniert allumfassend. Darum hat mein Vater meiner Oma auch das Brennnesselspinat-Kochen verboten und das gesicherte Terrain von Dosenerbsen bevorzugt. Die großen Entdeckungen liegen daher häufig im "Blinden Fleck" unserer Wahrnehmung. Direkt zu unseren Füßen. Eine ebenso unbequeme wie beglückende Vorstellung ...

Wissenschaftler nennen die Brennnessel unser "wertvollstes heimisches Blattgemüse". Was macht sie so wertvoll?

Sie enthält Höchstwerte an wertvollen sekundären Pflanzenstoffen. Beginnen wir mit dem Chlorophyll, dem Blattgrün: Die Brennnessel enthält 185 mg Chlorophyll a und 173 mg Chlorophyll b. Im Vergleich dazu schneidet das Lieblings-Smoothie-Blattgrün "Baby-Spinat" geradezu jämmerlich ab: mit nur 95 mg Chlorophyll a und 20 mg Chlorophyll b. Und das ist noch nicht das Erstaunlichste: Die Brennnessel enthält mehr Eisen als Rindfleisch: Brennnessel 4,1 mg - Rindfleisch 3,2 mg je 100 g. Dazu Höchstwerte an pflanzlichem Eiweiß, der Vitamine A-C-E und dem "Schönheits-Mineral" Silizium (Kieselsäure). Das macht sie zur Königin jeder Frühjahrskur.

Auf welchen Gebieten ist Brennnessel denn einsetzbar?

In Küche und Heilkunde. Von Arthritis, Anti-Aging, Blasenentzündung, Ekzemen, Hexenschuss Burn-out und Erschöpfungszuständen, Hautunreinheiten, zur Leberstärkung, bei Menstruationsbeschwerden, zum Fördern des Milchflusses bei stillenden Müttern, zur Osteoporose-Prävention, für Prostata und Potenz, bei Schuppenflechte und Schwangerschaftsstreifen. Für Männer, Frauen und als Kraftfutter zur Aufzucht von Küken, zum Düngen und als Schmetterlingsweide. Ganz gleich ob Mensch, Tier oder Pflanze - die Brennnessel ist universell einsetzbar: Unsere Energiepflanze Nummer 1. Welche Anwendungen wie funktionieren habe ich im Buch "Brennnessel" in übersichtlichen Tabellen zusammengestellt.

Sie verraten ja auch leckere Rezepte. Wie sind Sie auf diese Kreationen gekommen?

Da die Brennnessel weltweit vorkommt, habe ich weltweit Rezepte gesucht. Besonders ergiebig waren Schottland, Tirol und Tessin, Kalabrien, die Karpaten, die Türkei, Russland. Überall, wo es Täler gibt, die so abgelegen sind, dass es bequemer ist, mit Wildpflanzen zu kochen als Gemüse hinzutransportieren. Diese bilden die Basis. Dazu Erkenntnisse moderner Ernährungsphysiologie bezüglich einer "aufbauenden" Kombination der Zutaten. Alle Rezepte sind vegan/vegetarisch. Eignen sich also ideal für eine leichte Frühjahrs- und Sommerküche - den Grill kann man gut ergänzend anwerfen. Grillen ist ja ebenso eine Form elementarer Naturküche. Aber natürlich habe ich die Rezepte unseren heutigen Küchentechnologien angepasst: Hochleistungsmixer, Thermomix, Saftpresse und Trockner - aber auch der ganz normale (Umluft)Herd sorgen schnell für leckere Ergebnisse: Schnell heißt circa 20 Minuten.

Jeder kennt das Brennen auf der Haut. Wie kann man die Pflanze am besten "ernten" und was kann man tun, wenn man trotzdem mit den Nesseln in Berührung kommt?

Das einfachste: Handschuhe anziehen. Wer nicht so empfindlich ist: Fest hinfassen, dann brechen die Brennhärchen, die uns wie Minikanülen Ameisensäure applizieren, einfach um. In der Küche kann man die Brennnessel auf mehrerlei Art zähmen: Wässern, Ölen, Walzen - so kann man sie auch roh gut genießen. Vor allem den ersten Austrieb, jetzt im Frühling. Oder einfach schnell mit dem Wasserkocher blanchieren. Wie das alles genau geht zeige ich in Wort und Bild im Buch. Hier kann ich nur sagen: Es geht ganz einfach - und das Ergebnis schmeckt hervorragend. Wenn man sich brennt, hilft es, Spitzwegerich draufzurubbeln (auf der Wiese), oder Öl (in der Küche).

Die Zeitschrift "Brigitte woman" nennt Sie "eine moderne Hildegard von Bingen". Fühlt man sich da geehrt?

Geehrt fühle ich mich - denn ich verehre sie als Universalgenie ihrer Zeit. Sie schrieb, komponierte, schuf ein völlig neues Weltbild, gründete die ersten Frauenklöster, beriet Kaiser und Papst - und wurde für all das nicht umgebracht. Auch wenn sie meist als "Heilige Hildegard" bezeichnet wird: Ihre Heiligsprechung ließ über 800 Jahre auf sich warten. Erst Papst Benedikt erhob sie 2012 in den Status der Kirchenlehrerin. Davon bin ich weit entfernt.

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Zur Person: Gabriele Leonie Bräutigam, studierte Soziologie, Germanistik, Philosophie. Die zertifizierte Kräuterführerin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Wildpflanzen und Ernährung. Ihr Wissen gibt sie in Seminaren und Wildkräuterwanderungen mit Kochkurs und Online-Wildkräuterkursen weiter. Die Autorin lebt in Weigendorf (Kreis Amberg-Sulzbach) in der denkmalgeschützten Oedmühle. Der Wildkräuterblog: www.herbalista.eu.

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