01.11.2006 - 00:00 Uhr
WeiherhammerOberpfalz

Der Geschäftsführer der VG Weiherhammer, Georg Liedl, im Interview zum Abschied aus dem Amt Bürokratieabbau viel zu langsam

Nach Peter Garreiss in Moosbach und Hans Schreyegg in Neustadt/ WN, tritt mit Georg Liedl am Montag ein weiterer Beamter ab, ohne den es eigentlich gar nicht gehen kann, aber gehen muss. Nach 28 Jahren bei der Verwaltungsgemeinschaft (VG) Weiherhammer nutzt der 60-Jährige die Altersteilzeit und macht die Bürotür ein letztes Mal hinter sich zu. Zurück bleiben Erfahrungen, die zeigen, dass der Reformstau in Deutschland noch längst nicht abgebaut ist. Das verrät er im Gespräch mit Redakteur Friedrich Peterhans.

von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Herr Liedl, Sie haben 1978 den Staat als Arbeitgeber verlassen und sind zu einer Kommune gewechselt. Wie groß war die Umstellung?

Liedl: Schon enorm. Beim Staat ist man für einen bestimmten Zweig zuständig, es ist eher ein bisschen schubladenmäßig. Bei der Kommune erlebt man jeden Tag was Neues. Als ich nach dem Wechsel ehemalige Kollegen vom Landratsamt getroffen habe, hörte ich immer die Frage "Hast du es schon bereut?", und dann habe ich gelacht und gesagt "Ja, jeden Tag 100 Mal". Aber ich denke, es ist normal, dass man nach einem Jobwechsel immer wieder die Arbeitgeber miteinander vergleicht.

Wie kamen Sie eigentlich zur VG Weiherhammer? Wollten Sie als Kaltenbrunner unbedingt in die Heimat zurück?

Liedl: Die Entfernung war sicherlich nicht ausschlaggebend. Ich war vorher am Landratsamt Neustadt für Immissionsschutz zuständig und habe damals das Genehmigungsverfahren für Flachglas Weiherhammer bearbeitet. Dadurch kam eine intensive Verbindung zustande.

Seit 1964 arbeiten Sie bei Behörden, aber noch nie war so viel von Bürokratieabbau die Rede wie heute. Kann die Politik das eigentlich schaffen?

Liedl: Ich halte die ständigen Ankündigungen für eine Farce, wenn ich mir die Praxis anschaue. Wenn in der Zeitung steht, dass 35 Regelungen abgeschafft wurden, frage ich mich schon, was mit den anderen 2500 passiert.

Wie kann man es besser machen?

Liedl: Wahrer Bürokratieabbau geht von unten nach oben. Man sollte da mehr auf die Praktiker hören. Aber es gibt schon richtige Ansätze, zum Beispiel mit den Freistellungsmöglichkeiten der Kommunen im Baurecht. Wozu braucht es eine zweite Genehmigungsbehörde, wenn ein erster Bauantrag schon in Ordnung war? Etwas anderes ist das ganz Förderwesen. Es gehört gründlich durchforstet. Warum geht der Freistaat nicht her und fördert alle Bauten wie bei Feuerwehrhäusern pauschal mit einem bestimmten Prozentsatz? Will eine Kommune größer bauen, soll sie das halt auch selber zahlen.

Wo könnten Bund und Land konkret ansetzen?

Liedl: Ich muss mir nur die neue Eichelbachbrücke in Kohlberg anschauen. Förderungen gibt es nur, wenn etwas verbessert wird. Also baut man die Brücke größer und teurer und macht sie somit "besser", obwohl es vielleicht eine kleinere Variante auch getan hätte. Aber dafür hätte der Freistaat kein Geld hergegeben. Diese Praxis macht keinen Sinn.

Hat der Kontakt zum Bürger eigentlich durch die vielen neuen Vorschriften gelitten?

Liedl: Wir haben hier in Weiherhammer Aufgebote fürs Standesamt oder Rentenanträge schon immer mit den Leuten besprochen, wenn wenig Parteiverkehr herrscht, damit man das gründlich machen kann. Anträge bleiben bei uns nicht liegen. Außerdem überlegen wir einen weiteren verlängerten Nachmittag, wenn Bedarf da ist. Hilfreich sind auch die neuen Techniken. Da gibst du einen Passantrag ein, und im nächsten Moment ist der bei der Bundesdruckerei.

Wie war das in Ihrer Anfangszeit? Sie sind zu einer Zeit in die Verwaltungsgemeinschaft gekommen, als viele Leute sich erst daran gewöhnen mussten, dass das Rathaus in ihrem Ort kaum mehr für sie zuständig ist.

Liedl: Aus der Bevölkerung gab's gar keine Vorbehalte. Die Leute haben bald gespürt, dass sie gut ausgebildetem Fachpersonal gegenüber sitzen. Da war die Akzeptanz schnell da. Einige waren ja noch den guten alten Gemeindeschreiber gewöhnt. Da hat sich schon vieles verbessert, als sie es plötzlich mit bestens geschulten Sachbearbeitern zu tun hatten.

Mantel hat 1980 nach zwei Jahren die VG wieder verlassen.

Liedl: Am Anfang war ich enttäuscht. Dass das möglich war, konnte man sich damals gar nicht vorstellen. Im Nachhinein war es aber wohl richtig. Eine Gemeinde mit 3000 Einwohnern kann schon eine eigene qualifizierte Verwaltung brauchen. Außerdem gehen Zwangsehen nie gut. Aber es hätte auch ganz anders kommen können. In der Gemeinschaftsversammlung hat mal ein Mitglied gesagt, dass es eigentlich eine Einheitsgemeinde Mantel/Weiherhammer geben müsste, wenn man den Kriterienkatalog des Freistaats zugrunde legt. Dem kann ich nicht widersprechen.

Als Vorgesetzte hatten Sie erst Georg Härning und jetzt Werner Windisch. Beide gelten als energisch und zupackend. War die Umstellung für Sie schwierig?

Liedl: Natürlich braucht man eine normale Gewöhnungszeit, aber eigentlich lief es problemlos. Werner Windisch kam ja aus der Verwaltung (Arbeitsamt: Anm. der Red.), dem musste man nicht erst das kleine Einmaleins erklären.

Was war ihr schönstes Erlebnis im Amt?

Liedl: Beförderungen.

Ihr schlimmstes?

Liedl: Ein Kollege sagt, er geht zum Zahnarzt, steht am Mittag auf und kommt nicht wieder. Er hat sich das Leben genommen. Der Arbeitsalltag deckt so etwas zu, aber ich habe es nie richtig verarbeitet.

Wer wird Ihr Nachfolger?

Liedl: Ein junger Beamter, der von der Stadt Hirschau kommt. Er hat sich bei der Ausschreibung unter 26 Bewerbern durchgesetzt. Ich habe einen sehr positiven Eindruck von ihm. Am 9. November wird er vorgestellt.

Welchen Tipp geben Sie ihm mit auf den Weg?

Liedl: Er sollte immer eine gute Verbindung zu den politisch Verantwortlichen halten und sich abstimmen. Mit Eigenmächtigkeiten kommt man nicht weit.

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