18.09.2006 - 00:00 Uhr
WeiherhammerOberpfalz

Pilkington-Manager Reinhold Gietl bricht Lanze für deutsches Bildungssystem Schlechte Noten für die OECD

von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Eltern, Schüler, Lehrer, Personalchefs - die Liste derer, die auf das deutsche Bildungssystem einprügeln, lässt sich beliebig fortsetzen. Jüngstes Beispiel ist die Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD). Sie bescheinigt Deutschland im internationalen Vergleich zu wenig Studenten, zu wenig berufliche Weiterbildung und zu geringe Bildungsausgaben (wir berichteten).

Die zugehörigen Zahlen reichen für die Wirtschaft eigentlich locker aus, den Untergang der Wettbewerbsfähigkeit des Landes heraufzubeschwören. Reinhold Gietl tut es nicht. Der Leiter des Pilkington-Werks Weiherhammer, das seit Juni zum japanischen Konzern NSG gehört, spricht aus Auslandserfahrung: "Ich habe zwei Jahre lang ein Werk in Frankreich aufgebaut. Dort gibt es 90 Prozent Abiturienten. Wenn Sie mit dem Mädchen an der Hotelrezeption sprechen, ist das eine Studentin. Die wäre bei uns aber nicht mal Hotelfachfrau."

In England, dem Mutterland des Pilkington-Konzerns sehe es kaum anders aus. "Die sind schon mit 21 oder 22 Jahren mit dem Studium fertig. Aber dort gibt es ganz andere Berufe. Da habe ich einen Installateur, der nur Eckventile setzt. Der nennt sich dann Eckventil-Manager. Bei uns kann der Spengler aber alles: eine Waschmaschine anschließen, eine Badewanne einbauen oder Wasseranschlüsse legen."

Gietl lässt auf die deutsche Lehrlingsausbildung nichts kommen. Zwölf Azubis, drei mehr als in den Vorjahren, bilden die Flachglas-Spezialisten in Weiherhammer aus. Darunter seien bewusst viele Hauptschüler. "Ein alter Meister hat mal zu mir gesagt, lieber eine Eins in Religion als in Mathe. Da ist was dran", schmunzelt der Werksleiter über die Bewerberauswahl. Gute Noten seien jedoch sicher kein Nachteil.

Dass die Glasmacher aber auch schwächeren Schülern eine Chance geben, erklärte Betriebsratsvorsitzender Manfred Stahl bei einem Besuch der Spitze der Kreis-SPD mit dem Bundestags-Fraktionsvize Ludwig Stiegler am Donnerstag: "Ein Vater, der bei uns gearbeitet hat, hat selber gezweifelt, ob sein Sohn nach seinem schlechten Realschulabschluss die Lehre bei uns packt. Der hat dann den besten Abschluss gemacht. Das hat uns bestärkt, immer wieder mal nicht so gute Bewerber zu nehmen."

Das Restrisiko sei indes keineswegs auf die leichte Schulter zu nehmen, betonte Gietl. "Wenn mich Leute ansprechen, doch mehr Lehrlinge auszubilden, frage ich gerne mal, was die kosten. Wenn ich mit Bereitstellung von Geräten und Schulzeiten alles zusammenzähle, komme ich auf 50 000 bis 55 000 Euro. Das wissen dann die wenigsten."

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