08.09.2017 - 20:10 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

Ein Tag mit Bundestagsabgeordneten Marianne Schieder "Überzeugte Demokratin"

Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes frischer Wahlkampf. Marianne Schieders Hände verschwinden in der großen, roten Jacke, die ihr vom Kinn bis über die Hüfte reicht. Seit 5.15 Uhr steht die Bundestagsabgeordnete vor einem der drei Tore des Gerresheimer-Werkes in Pfreimd - der Auftakt eines langen und kalten Wahlkampf-Tages.

Frühmorgens vor dem Gerresheimer-Werkstor: Die Wahlkämpferin Marianne Schieder (SPD) wirbt bei den Mitarbeitern um Stimmen. Viele kennen sie. Da kommt sie mit ihnen ganz locker ins Gespräch. Bilder: doz (2)
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Wernberg-Köblitz/Pfreimd. Für die 55-Jährige ist das keine neue Erfahrung. Vor über zwei Jahrzehnten stand sie zum ersten Mal an gleicher Stelle, um Werbung für sich und die SPD zu machen. Dazwischen liegt eine lange und erfolgreiche politische Karriere. 1994 zog sie in den Landtag ein, 2005 in den Bundestag - jeweils über die Liste. Seit 1996 ist sie Markträtin in Wernberg-Köblitz sowie Kreisrätin im Landkreis Schwandorf. Nun tritt sie bei den Bundestagswahlen erneut als SPD-Direktkandidatin für den Wahlkreis Schwandorf (mit Landkreis Cham) an.

Für eine vierte Legislaturperiode in Berlin wirbt sie also wie schon so oft vor dem Gerresheimer-Tor. Sobald Mitarbeiter kommen, die ihre Frühschicht beginnen, streckt sie die Hände aus den Ärmeln. Sie verteilt Wahlkampfmaterial. Unter anderem ein Päckchen Kresse, auf dem steht: "Für eine Politik, die aufgeht." Schieder lächelt. Für solche Wortspiele kann sie sich begeistern. Einigen, die in Eile sind, drückt sie Flyer und Kresse-Päckchen in die Hand und sagt: "Wählen nicht vergessen." Viele Mitarbeiter kennt sie persönlich. Mit ihnen führt Schieder lockere Gespräche. Alle duzen sie. Schieder ist alles andere als eine distanzierte Bundespolitikerin. Sie bekennt: "Ich bin schon gerne unter Leuten."

Die Kontaktaufnahme zu den Gerresheimer-Mitarbeitern fällt ihr leicht. Mehr als zwei Jahrzehnte in diversen Gremien von der Kommunal- bis zur Bundesebene haben für einen hohen Bekanntheitsgrad gesorgt. Schieders politisches Engagement wurzelt wie bei so vielen aus der Region im WAA-Widerstand - und in ihrer Arbeit als Geschäftsführerin der Katholischen Landjugendbewegung Bayern Anfang der 1990er Jahre. Die Stelle hatte sie nach Abitur in Nabburg und Jura-Studium in Regensburg angetreten.

Markanter Dialekt

Was heute anders ist als vor 20 Jahren, wollen wir von ihr wissen. "Das Interesse der Menschen an der Politik hat sich verändert. Was mir zu schaffen macht, ist die Gleichgültigkeit", sagt sie. Für viele sei es selbstverständlich, in Frieden und Freiheit zu leben. Dabei sei die Demokratie nicht von selbst zu erhalten. Als "überzeugte Demokratin" bedauert sie: "Extreme bekommen immer mehr Gewicht, weil so vielen alles wurscht ist." Ihr nicht. Schieder wuchs in einem politischen Elternhaus auf einem Bauernhof in Schwarzberg nahe der Grenze zum Landkreis Neustadt/WN auf.

Ihren markanten Dialekt hat sie auch nach zwölf Jahren in Berlin nicht abgelegt. Als Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) vor einigen Wochen in Nittenau zu Gast war, sagte er nach der Begrüßungsrede Schieders: "Ich habe das meiste verstanden. Das ist bei ihr nicht immer so einfach. Das liegt nicht nur am Dialekt - sondern manchmal redet sie auch noch schnell. Wenn sie sich dann noch aufregt, kann es für einen Saarländer schwer sein, noch zu folgen." Das beschreibt Schieder recht gut. Sie ist geradeheraus - und wird gerade wegen ihrer Authentizität geschätzt.

Weniger Schwierigkeiten mit dem Dialekt als Maas hat Parteigenosse Karl Bley. Beim Nittenauer Bürgermeister steht an diesem Tag Schieders zweiter Termin an. Dazwischen liegen eine kurze Dusche und ein schnell verdrücktes Frühstück, wie sie erklärt. Im Rathaus geht es ums Thema Kinderbetreuung. Bley spricht von einer "Herausforderung" für seine Stadt. Zuzüge ließen sich schwer einschätzen. Der Bedarf nach Kindergarten- und Krippenplätzen in Nittenau ist hoch. Nun geht es bei einem solchen Termin natürlich um Austausch.

Wünsche und Anregung

Allerdings kommt der Besuch einer Bundestagsabgeordneten selten ohne die Wünsche und Anregungen des Gegenübers aus. Bley sagt nach dem Gespräch: "Ich wünsche mir von der Abgeordneten, dass sie sich bei der Kinderbetreuung für ausreichend Finanzierung einsetzt." Bei Schieder rennt der Bürgermeister damit offene Türen ein. Die 55-Jährige bezeichnet sich selbst als Bildungspolitikerin. Unter anderem sagt sie an diesem Tag: "Ich bin froh, dass sich mittlerweile die Meinung durchgesetzt hat, dass Kindergarten und Krippe keine Verwahranstalten sind."

Die Kinderbetreuung bleibt nicht das einzige Thema. Bley und Schieder kritisieren unisono den zu geringen Verdienst von Erziehern und die prekäre Situation, dass es nach einer fünfjährigen Ausbildung oft nur Halbtagsjobs gibt. Die beiden diskutieren über schnelles Internet, Innenstadtbelebung und Altbausanierung - eben die ganze Palette kommunalpolitischer Themen, mit denen sich der Bürgermeister befasst. Dabei hat Bley auch einen Kritikpunkt bei der Städtebauförderung anzubringen: "Staatliche Förderung erreicht man oft nur noch, in dem man sich in einen Wettbewerb begibt. Wir betreiben Aufwand, beauftragen Architekten und haben trotzdem keine Gewissheit." Auch hinsichtlich der Sanierung der alten Gebäude in der Innenstadt hat Bley eine Bitte: "Es wäre gut, wenn es noch den ein oder anderen Anreiz gibt." Der Bürgermeister könnte sich ein Vorverkaufsrecht für die Kommune vorstellen.

Nach eineinhalb Stunden muss Schieder weiter. Sie hat sich für diesen Tag, an dem wir sie begleiten, viel vorgenommen. Eine Geschäftseröffnung, die im Terminkalender steht, lässt sie sausen. Im Büro wartet zu viel Arbeit. Außerdem will die 55-Jährige nachmittags mit zwei Infoständen in Wernberg-Köblitz vertreten sein. Als die Bundestagsabgeordnete vor dem Netto-Markt ankommt, schüttet es heftig. Die Regenwolken färben den Tag in tristes Grau. Sie kapituliert vor dem Wetter: "Früher wäre ich geblieben. Aber das bringt nichts. Da wird man nur krank."

Und das wäre in der kraftraubenden Zeit vor der Wahl keine gute Aussicht. Zwar beginnt nicht jeder Arbeitstag so früh wie dieser. Allerdings sind die meisten ähnlich durchgetaktet. Anstatt der Infostände nimmt sich Schieder über eine Stunde Zeit für ein Interview. Später hat sie noch ein Gespräch mit KAB-Verantwortlichen. Und ab 21.30 Uhr steht sie wieder vor dem Gerresheimer-Tor - die Spätschichtler beginnen ihre Arbeit. Kein Wunder, dass die 55-Jährige sagt: "Die letzten Wochen sind schon heftig. Es gibt aber auch ein Leben nach dem 24. September." Dann, so hofft sie für sich, weiterhin als Bundestagsabgeordnete.

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