Fingerabdruck im Herzen

Glücklich zeigt Ismail die Aufenthaltsbescheinigung seines Vaters Issam. Vor einem Jahr konnte er die Familie - Ehefrau Noua, Sohn Ismail und Tochter Alkhansan - aus der Türkei nachholen. In der Ringstraße in Wernberg-Köblitz haben sie eine Wohnung gefunden. Bilder: Völkl (3)
Vermischtes
Wernberg-Köblitz
23.12.2016
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Kfz-Meister Thomas Messer fragt sich: Ist es jetzt, nach dem Terroranschlag von Berlin, der richtige Zeitpunkt, um über Issam zu schreiben? Über den Syrer, der aus Aleppo geflohen ist und bei ihm als Automechaniker arbeitet? Die Stimmungslage ist derzeit alles andere als flüchtlingsfreundlich. Thomas Messer denkt anders: Der Islam ist nicht IS.

Zwei Wochen zu Fuß von Athen nach Trier. So entschlossen, wie Issam Mardeli im Sommer 2014 den Weg nach Deutschland einschlug, so gut gelang es ihm inzwischen, sich zu integrieren. Wernberg-Köblitzer Bürger haben ihm dabei geholfen. "Sie haben einen Fingerabdruck in meinem Herzen", so der 46-Jährige.

Sprache öffnet Türen

Issam Mardeli aus Aleppo ist gelernter Automechaniker, arbeitet in Dubai bei BMW, will sich dann in seiner Heimat selbstständig machen. Der Krieg beginnt. Wohin mit Frau Noua, den Kindern Alkhansan und Ismail? Die Familie flüchtet die Türkei. Issam macht sich auf den Weg nach Griechenland. Von hier aus ist er 13 Tage zu Fuß unterwegs: über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Dann ein Monat Erstaufnahmelager Zirndorf, ab 2. Februar 2015 wohnt er mit anderen Flüchtlingen in der Unterkunft in der Bergstraße in Wernberg-Köblitz. Wochen des Alleinseins folgen. Issam Mardeli spricht gut englisch, versucht auf Menschen zuzugehen. Mit mäßigem Erfolg. Die Wende bringt der Sprachkurs, den die pensionierten Lehrerinnen Elisabeth Klein und Irene Hirsch geben. Ein paar Worte Deutsch, die Sprache "öffnet Herzen und Türen".

Der Syrer stellt sich auf sein Zufluchtsland ein. Dokumente vorlegen, Termine bei Behörden einhalten, den Integrationskurs in Schwandorf besuchen. Nach sechs Monaten schneidet er erfolgreich mit dem "B1-Level" ab. Issam Mardeli zeigt im Gespräch glücklich seine Aufenthaltsgenehmigung. Er ist als Kriegsflüchtling anerkannt, hat drei Jahre Aufenthaltsrecht. Am 8. Juli 2015 kommt der Brief vom Bundesamt für Migration - an seinem Geburtstag. Issam Mardeli verliert keine Zeit. Er legt alle erforderlichen Papiere, die Geburtsurkunden seiner Kinder, seine Heiratsurkunde bei der türkischen Botschaft vor. Am 4. Dezember 2015 treffen Issam Mardelis Frau und seine beiden Kinder in Wernberg-Köblitz ein. Sie können eine Wohnung im Elternhaus von Isolde Mages in der Ringstraße beziehen. Zwei Tage vorher war der Mietvertrag unter Dach und Fach gebracht worden.

Viele Helfer sind im Spiel: Beispielsweise Hans Hammer, der bei Behördengängen, in Alltagssituationen hilft, oder Renata und Andreas Thaller, die gute Freunde geworden sind. Die Küche stammt von der verstorbenen Vormieterin, inzwischen sind auch andere Zimmer möbliert.

Arbeitsplatz vermittelt

Issam Mardeli will arbeiten, spricht beim Jobcenter vor. "Ich bekam ein sechswöchiges Praktikum bei BMW in Regensburg", erzählt er. Doch die Ausbildungsplätze sind bis 2018 ausgebucht. Gabi Ott aus der Metzgerei gegenüber der Wohnung der Mardelis stellt im Sommer dieses Jahres den Kontakt zu Thomas Messer her. Im August kann er in der KfZ-Werkstatt zwei Wochen Praktikum machen, seit September ist er angestellt. "Issam ist vom Fach, kann vieles besser, als wir erwartet haben", erzählen die Inhaber Thomas Messer und Stefan Gierth. Und wenn bei Diagnosegeräten mal ein Fachausdruck unklar ist - Bücher helfen weiter.

Wie wird die Zukunft? Issam Mardeli ist glücklich beruflich Fuß gefasst zu haben. Der siebenjährige Ismail geht in die Volksschule, möchte Pilot werden und wünscht sich einen Fußball zu Weihnachten. Die 16-jährige Alkhansan besucht die Mittelschule in Pfreimd, hat Freunde gefunden. Ehefrau Noua würde gerne im Kindergarten arbeiten, eine Ausbildung als Kinderpflegerin machen, wenn sie entsprechend gut Deutsch spricht. Sie paukt derzeit im Integrationskurs. Deutsche Fernsehprogramme gehören für die Familie inzwischen zum Alltag. Die Moslems besuchen hin und wieder die evangelische Kirche, freuen sich über den Anlaufpunkt im Begegnungscafé. Sie sind froh, dass es Menschen wie Franz Spichtinger gibt, der auch mal mit einem Vortrag über den Islam für Aufklärung sorgt, damit Moslems nicht in einen Topf mit Mördern des islamischen Staates geworfen werfen. "Unsere Religion ist doch friedlich", so Issam Mardeli - bedrückt über das, was in Berlin geschah. "Frieden in der Welt" wünscht sich das Ehepaar auch, wenn es an die Verwandten in Aleppo denkt. Issams Schwester hat übers Handy Bilder von den zerstören Häusern geschickt. Wasser gibt es einmal im Monat für vier Stunden.

Die Helfer in Wernberg-Köblitz sind eine Art Familienersatz geworden. Eine Freundin hat die Tickets für die Ehefrau und die Kinder bezahlt. "Gib es mir in 20 Jahren zurück", hat sie zu Issam gesagt.

Die Sprache öffnet Herzen und Türen.Issam Mardeli
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