25.08.2017 - 20:00 Uhr
WiesauOberpfalz

Raphael Bauer aus Wiesau züchtet Gespenstschrecken Die unheimlichen Kinder der Nacht

Ja ist denn schon wieder Herbst? Das Blatt, das da auf dem Teppich liegt, sieht zumindest so aus. Vorne satt grün und am hinteren Ende bereits gelb mit schwarzen Flecken. Aber was ist das? Das Blatt erhebt sich und rennt plötzlich los.

Raphael Bauer mit einem seiner Lieblinge. Seine Freundin unterstützt ihn bei seinem Hobby, wo es nur geht, zum Beispiel auf Ausstellungen.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Nur eine Kuriosität, die der 24-jährige Raphael Bauer in seinem Heim beherbergt. Er züchtet Phasmiden. Dazu gehören die sogenannten Stab- und Gespenstschrecken sowie Wandelnde Blätter. Im Zimmer des jungen Mannes sind überall Terrarien aufgestellt und darin verschlafen die sonderbaren Wesen, die an Blätter, Äste oder andere Pflanzenteile erinnern, den Tag. Sie sind Kinder der Nacht und werden dann aktiv, wenn die Dunkelheit die Oberhand gewinnt. "Dann gibt es nur eines für sie, fressen, fressen, fressen - und dabei können sie richtig laut werden" erklärt Bauer. Seine Berufsausbildung zum chemisch-technischen Assistenten hat er in Reichenbach im Vogtland absolviert. Dort besuchte er ein Museum, in dem auch lebende Gespenstschrecken ausgestellt sind. "Ich war dermaßen fasziniert, dass ich gleich an Ort und Stelle eine gekauft habe - eine australische Gespenstschrecke." Die besitzt er noch heute - eingelegt in Formaldehyd. Die außergewöhnlichen Insekten überraschen mit einer riesigen Artenvielfalt. Weltweit gibt es über 3000 Arten, in Europa nur 17, zum Beispiel die spanische Stabschrecke oder die Mittelmeerstabschrecke. "Es existieren dünne Stabschrecken, wandelnde Blätter und Dornschrecken, andere sind einfach nur türkisblau", erzählt Bauer. Subtropische Gebiete wie Malaysia, Thailand oder Vietnam, seien die eigentliche Heimat der Phasmiden. "Und je wärmer ein Lebensraum ist, desto größer werden die Tiere, die zwischen ein und zweieinhalb Jahre alt werden."

Raphael Bauer fasziniert vor allem die perfekte Tarnung seiner Schützlinge - und tatsächlich, der Blick des ungeschulten Auges geht lange ins Leere, bevor es eine Gespenstschrecke im Ästegewirr des Terrariums entdeckt. So riesig die Tiere teilweise sind, so winzig sind ihre Eier. Die größte Stabschrecke erreicht immerhin eine Länge von 30 Zentimeter.

Wuchtige Erscheinung

Die grünen Weibchen der Malayischen Riesengespenstschrecke sind zehn Zentimeter kürzer, dafür aber wuchtig in ihrer Erscheinung. Die Männchen sind kleiner und zierlicher und schlicht braun, wie die Borke eines Baumes. Grundsätzlich kommen die Phasmiden ganz ohne Männchen aus, weil sie zur Jungfernzeugung fähig sind.

In London sitzt die "Phasmid Study Group", eine weltumspannende Organisation, die seit etwa 40 Jahren daran arbeitet, auf wissenschaftlichem Niveau die vielen Arten systematisch zu ordnen und in Unterordnungen einzuteilen. Für viele Arten gibt es bereits deutsche Namen, aber die Mehrzahl ist nur mit ihrer zoologischen, lateinischen Bezeichnung erfasst. "Die Leute, die der Organisation angehören, machen immer wieder monatelange Exkursionen und bringen fast immer neue Arten oder deren Eier mit.

Fressen sogar Dornen

Alle Phasmiden sind reine Vegetarier und auf spezielle Pflanzenarten angewiesen. Die meisten lieben Rosengewächse und können deshalb leicht auch bei uns gehalten werden. "Brombeersträucher lieben sie, die gibt es überall. Und die sind auch im Winter grün", erklärt Bauer.

Damit gehen sie nicht zimperlich um. Sie fressen sogar die Dornen und lassen nur mehr die kahlen blanken Äste übrig. Es gibt aber auch Spezialisten, wie die Farn- oder die Ligusterschrecke, die, was ihr Name bereits ausdrückt, nur ganz bestimmte Pflanzen zu sich nehmen. Die seien dann eher nicht fürs Terrarium geeignet. Irgendwann legen die erwachsenen Tiere Eier, entweder direkt auf den Boden oder sie heften sie an Pflanzen an. "Anfangs tat ich mich schwer, die Eier von Kot oder anderen Klümpchen, die überall herumliegen, zu unterscheiden. Aber mit der Zeit bekommt man ein geschultes Auge", so Bauer.

Ein Küchenpapier als Untergrund in einer Tupperbox oder ähnlichem Behältnis reicht den anspruchslosen Tieren. Dort reift der Nachwuchs heran, was je nach Art einen Monat bis über ein Jahr dauern kann. Wenn die Nymphen schlüpfen, sind sie etwa zwei Zentimeter klein. Bis zum Erwachsenenstadium brauchen sie sechs Häutungen. "Phasmiden sind einfach zu halten, da braucht es keine Vorkenntnisse oder Erfahrungen", sagt Bauer. Das einzige was man beachten muss, ist, dass das Terrarium die dreifache Höhe der Tiere, die darin gehalten werden, haben muss. Denn die Tiere halten sich beim Häuten immer an der Decke fest und schieben die alte Haut nach unten. Wenn Raphael Bauer Tiere verkauft, egal ob erwachsenes Tier oder Eier, liefert er immer die wichtigsten Haltungstipps mit. Je nach Größe kosten erwachsene Exemplare zwischen 2 und 7 Euro. Raphael ist reiner Hobbyist, der mit seinen Verkäufen gerade mal so die Kosten deckt. Hauptsächlich über das Internet tauscht er sich mit anderen Hobbyzüchtern, die in der Schweiz, in Holland und in Frankreich sitzen, aus.

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Weitere Informationen:

http://bauer-raphael.wixsite.com/phasmiden-hobbyzucht

Phasmiden sind einfach zu halten, da braucht es keine Vorkenntnisse oder Erfahrungen.Züchter Raphael Bauer

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