12.06.2017 - 17:12 Uhr
WiesauOberpfalz

Mondscheintheater ein Riesenerfolg Von Schnitzeln, Angst und Tod

Einen großen Publikumserfolg feiert der Pfarrgemeinderat Wiesau mit der Tragikomödie "Indien" von Alfred Dorfer und Josef Hader. Die Groteske unter der Regie von Till Rickelt fordert die Zuschauer und will verarbeitet werden.

Zur Arbeitswelt von Heinz Bösel (Bernhard Neumann) gehören das tägliche Schnitzel und Kartoffelsalat in allen Variationen. Zufrieden und glücklich macht den Mann vom Ordnungsamt vor allem aber die Ferne von seiner füllig gewordenen Ehegattin. Bild: wro
von Werner RoblProfil

(wro) Anders als zunächst geplant fand das Gastspiel des Landestheaters Oberpfalz im Rahmen des Mondscheintheaters nicht im Pfarrgarten, sondern auf der Pfarrheimbühne inmitten der Zuschauer statt. Die Idee kam an, wie am späten Samstagabend zu hören war.

Im Grunde genommen gehören Heinzi Bösel und Kurt Fellner zur Sorte der sympathisch-unsympathischen Zeitgenossen, die im Auftrag eines österreichischen Ordnungsamtes die Wirtshauslandschaften bereisen und überwachen müssen. Unter der vom Berufsleben gegerbten Oberfläche philosophieren die bedauerlich einsamen Männer an zahlreichen Einsatzorten, wo sie manchmal auch über vermeintlich wichtige Dinge, wie den Geschmack von Wiener Schnitzel, Kartoffelsalat und unfreundliche Wirte, auch schon mal in Streit geraten. Freimütig gestehen sie sich auch ihre Ängste ein, hinter denen sich große Dramen verbergen.

Vorurteile

Das wortreiche, humorvoll geprägte, aber auch nachdenklich machende Kammerspiel mit nur drei Darstellern ist anfangs recht handlungsfrei. "Indien" ist derb, nicht immer frei von Vorurteilen. Fast tut man sich schwer damit, ins Geschehen, vor allem aber in den Schluss des zweiten Aktes einzutauchen. Stets fühlt man leise mit. Man ist bemüht, an den Problemen mitzuarbeiten. Am Ende sieht sich der Zuschauer kaum in der Lage, den anfänglichen Spaß anständig verarbeiten zu können.

Nur zögernd verbindet die beiden unterschiedlichen Wirtshaustester eine ungewollte, dafür aber umso tiefere Freundschaft, die anrührt, deren tragisches Ende jedoch vorhersehbar ist. Man ertappt sich beim Gefühl, letztendlich (im Schlussteil des zweiten Aktes) dann doch am besseren von den beiden Orten (Wirtshaus und Klinik) angekommen zu sein. Indien könnte durch jeden Platz der Welt ersetzt werden. Indien ist aber mehr als nur ein ferner Ort in beider Vorstellungswelt, wo man auf der Straße große Schüsseln Reis verzehrt; es ist auch ein Land, wo man wiedergeboren wird.

Dosiertes Lachen

Freilich durfte während des "komischen Schreckens" - wenn auch streng dosiert - herzhaft gelacht werden. Grantelnd verdrückt Bösel (Bernhard Neumann) ein Schnitzel nach dem anderen, schwitzend vertilgt er reichlich Bier und Schnaps, lässt sich dabei von niemandem aus der Ruhe bringen. Fellner (Florian Wein) nervt ständig rum. Das Publikum schaut, nur eine Armlänge entfernt, genüsslich zu und erheitert sich am Bühnengeschehen und an den gespielten Fassaden. Dabei stören weder die (nicht selten auch nichtssagenden) Dialoge, noch weniger die Selbstzweifel und die ungelebten Träume von Freunden, die eigentlich gar keine sein wollten.

Stefan Puhane - der dritte Akteur auf der Bühne - lebte die Neben- und Charakterrollen aus, überzeugte mit wenig Text und eindrucksvollen Bühneneinsätzen. Dem unverzichtbaren Darsteller zuschauen und zuhören zu dürfen, war dank seiner stoischen Mimik ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. Mit einer gekonnten Schlichtheit glänzte er mit trockenem Humor, 120 Minuten lang verzog er kein Gesicht. Man wurde einfach den Gedanken nicht los, dass aus sehr viel Nichts, dafür aber mit Worten und Worthülsen hervorragend gutes Theater gemacht werden sollte.

In der Folge versöhnte man sich auch mit dem unerwarteten, aber schleichenden Sterben und den beiden Besserwissern. Das Publikum zeigte sich zufrieden über den leisen Epilog; nach Fellners Tod blieb es still. Andacht, aber auch Betroffenheit fanden zwischen den Kulissen und im Zuschauerraum einen festen Platz. Der improvisierte Zuschauerraum - inmitten der Darsteller - wurde unfreiwillig zu einem stummen Ort des Mitfühlens und des Mitleidens, wo dem Tod urplötzlich eine Art Hauptrolle übertragen wurde.

Mit dem Wiesauer Bernhard Neumann und Florian Wein agierten renommierte Darsteller des Landestheaters Oberpfalz auf der Pfarrheimbühne. Mit präzise geschliffener Sprache und einer charakteristischen Bühnenpräsenz verkörperten sie das Aufeinandertreffen der beiden "Schnitzel- und Kartoffelsalatprotagonisten" in einer beachtlichen Vollkommenheit, ergänzt von einem wortkargen Stefan Puhane. Dass man wegen der unsteten Wetterlage auf die Bühne des Wiesauer Pfarrzentrums umzog, darf als gelungene Idee bezeichnet werden.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.