23.08.2017 - 20:00 Uhr
WiesauOberpfalz

Deutschlandweite "Mut-Tour 2017" macht in Wiesau Station Depressiv und offen

Ihre Tandems fallen auf, und das ist Absicht. Schließlich wollen die Teilnehmer auf ein Thema aufmerksam machen, das sehr viele Menschen betrifft und dennoch oft nur hinter vorgehaltener Hand behandelt wird.

Am Rathausbrunnen Wiesau machten die Tandem-Radler Zwischenstation. Zweiter Bürgermeister Fritz Holm (Dritter von rechts) begrüßte die Teilnehmer. Der Smiley ist ein Symbol für alle, die nicht den Mut haben, ihre Krankheit Depression nach außen zu tragen. Das Team ist mit Claudia Richter, Christoph Strauß, Markus Schmidt, Lukas König, Nora Berger und Sarina Krebs (von links) unterwegs nach Leipzig. Bild: wro
von Werner RoblProfil

Überall, wo sie auf ihrer deutschlandweiten "Mut-Tour" Station machen, sorgen sie für Aufmerksamkeit. Das Wort Depression nehmen sie offen in den Mund. Viele von ihnen sind Betroffene. Andere nehmen teil, um das Thema so unter die Leute zu bringen, um mitzuhelfen, Ängste und Vorurteile abzubauen. Auf ihrem Weg zu einer Tagung in Leipzig rasteten sechs Radler am Dienstag kurz in Wiesau.

Manche der Teilnehmer sind schon seit Beginn der Aktion 2012 jedes Jahr dabei. 22 000 Kilometer haben sie bereits auf dem Tacho stehen. Heuer kommen weitere 3270 Kilometer hinzu. In stets wechselnden Regionen suchen und finden sie das tägliche Gespräch mit Passanten. Die Tour - auf Tandems, zu Fuß oder auch mal in Kajaks - startete am 10. Juli an verschiedenen Orten in Norddeutschland. Bis zum 25. August sind insgesamt 48 Teilnehmer unterwegs. Gemeinsam haben sie ein Ziel: den Patientenkongress in Leipzig, um dort unter die Leute zu gehen und über das Thema zu informieren.

Die sechsköpfige Tandemgruppe trifft pünktlich wie ausgemacht um 11 Uhr auf dem Wiesauer Marktplatz ein. Aufgebrochen sind sie in der Nähe von Windischeschenbach, erzählen Sprecher Lukas König und Nora Berger. Geschlafen haben sie in einfachen Zelten auf Iso-Matten. Die drei Männer und drei Frauen wirken trotz des in aller Frühe zurückgelegten Weges über Bernstein und Falkenberg fit und entspannt. Gut gelaunt machen sie am Wiesauer Rathausbrunnen Rast, wo sie zweiter Bürgermeister Fritz Holm herzlich begrüßt. Die Marktgemeinde ist eine von vielen Zwischenstationen auf der weiten Reise über Bremen, Hildesheim, Kassel, Nürnberg, Regensburg nach Leipzig.

Dass sie mit ihren zweisitzigen Fahrrädern die Blicke auf sich ziehen, ist beabsichtigt, verrät König. "Die Tandems sind auch ein Symbol für die Gemeinschaft. Man muss sich auf seinen Vordermann verlassen." Zum anderen wird der Teamgeist gestärkt, erklärt der Sprecher der Gruppe: "Man kämpft nicht alleine. Wird einer der Mitfahrer schwach, setzt der andere seine Kräfte frei und strampelt für ihn weiter." Der Kontakt mit der Öffentlichkeit ist gewollt: "Wir setzen uns für einen offenen Umgang mit dem Thema psychische Erkrankung und Depression ein."

Christoph Strauß, einer der Mitreisenden, holt einen großen Smiley aus der Gepäcktasche und hält ihn sich vors Gesicht. Der Smiley ist ein Symbol, wenn die Betroffenen es sich nicht erlauben können oder wollen, ihre Krankheit nach außen zu tragen, erklärt er und nennt dafür auch Gründe: Mobbing, berufliche Nachteile, Unverständnis. Strauß steckt das "Lächeln" in die Tasche zurück: "Wir brauchen den Smiley nicht."

Die "Mut-Tour" ist keine Therapiemaßnahme. Mutige Menschen möchten anderen Menschen Perspektiven aufzeigen, wie man angst- und schamfrei mit psychischen Erkrankungen umgehen kann. Mit verharmlosenden Kommentaren wie "Reiß dich doch zusammen, lach mal wieder" sei den Betroffenen nicht geholfen, betont der Sprecher. Depression sei eine ernstzunehmende Erkrankung. "Sie hat verschiedene Ursachen und kann behandelt werden." Nach dem Zwischenstopp ging es weiter nach Marktredwitz.

Infos und Beratung

Für die "Mut-Tour 2018" im kommenden Jahr werden bereits Teilnehmer mit und ohne Depressionserfahrung gesucht. Wer mitfahren möchte, kann sich unter www.mut-tour.de Informationen holen. Getragen wird die "Mut-Tour" von vielen Unterstützern, unter anderem von der Deutschen Depressionsliga und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Hilfe bieten unter anderem die Telefonseelsorge, 0800/111 0 111, und lokale Gruppen wie die Caritas-Beratungsstelle für seelische Gesundheit, Telefon 09631/798950. (wro)

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