Arnulf Rating - Tornado bei der Futura 87
Brillanter Gehirnwäscher

Arnulf Rating mit seinem berühmten Stapel Zeitungen, deren große Schlagzeilen sein Programm bestimmen
Kultur
Windischeschenbach
22.10.2017
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Abgehetzt kommt er an. Mit der Bahn von Berlin nach Windischeschenbach. Von dem Arnulf Rating nur wusste, weil sein Kollege Dieter Hildebrandt ihm davon erzählt hatte. Die Bahn hatte Verspätung - Oberleitungsschaden. "Ist ja nicht neu, dass die Leitung oben immer einen Schaden hat." Zweideutig? Mit Sicherheit! Das Futura-Publikum weiß nun, worauf es sich freuen darf. Ratings Programm "Tornado" ist immer aktuell, immer kritisch und unbequem, sein Sprechtempo macht schon beim Zuhören atemlos. Gerade das lieben seine Zuhörer, wenn er mit blauem Samtsakko und roten Lackschuhen bittere Wahrheiten ausspricht.

Kauflandtüte und Aktenkoffer enthalten seine Utensilien. Letzterer den berühmten Stapel Zeitungen, deren große Schlagzeilen sein Programm bestimmen. "Hamburger Morgenpost", "Die Welt", "FAZ", allen voran die "Bild". Die typischen Wahlkampf-Schlagzeilen: Diesel, Terror, Flüchtlinge, Hurrikan. Und danach? "Der Petry-Putsch". Talkshows nennt der Kabarettist "Sprachmüll", wenn der Tag der Wahl als "Wählerwandertag" beschrieben wird. Interessanter fände er einen "Krötenwandertag". Damit wir erfahren, wohin die Kröten wandern - in wessen Tasche. Und da ist er auch schon wieder bei VW. Winterkorn, "der teuerste Manager Deutschlands", kassiere heute 3100 Euro Rente. Pro Tag! Deutsche Rentner wären mit der Hälfte zufrieden - pro Monat! Der Mann, der jedes Schräubchen auswendig kennt im VW, wolle angeblich nichts vom Dieselskandal gewusst haben. "Unverschämtheit zahlt sich aus!" 45 000 vorzeitige Todesfälle durch Feinstaub, aber "die Gefährder von VW laufen immer noch frei rum".

Ein knitteriges, weißes Laken ist die Leinwand, auf der Rating mittels Beamer Bilder erscheinen lässt. Angela Merkel in früheren DDR-Zeiten (DDR bezeichnet er als Abkürzung für Demente-Deppen-Republik). Die Frau, von der sogar Kanzler Kohl behauptet hat, sie könne nicht mal mit Messer und Gabel essen. Von der Kanzler Schröder meinte: "Die kann es nicht." Und nun sitzt sie noch immer ganz oben. Alternativlos bis zur bitteren Neige. Für die Wahlzettel hätte Rating Verbesserungsvorschläge. Statt zu wählen, sollte man durchstreichen und abwählen können. Söder, Dobrindt, Thomas "die Misere" - "einfach durchstreichen". Stattdessen seien nun "die Untoten der FDP" wieder da. Das einzig Sichere nach jeder Wahl sei, dass die Schere zwischen Arm und Reich wieder weiter klafft. Die "Wahllokale" seien in der Regel alte Schulen. Für deren Renovierung angeblich kein Geld da ist. "Wer geht schon gern in marode Schulen - außer Lehrer?"

Erinnerungen kommen hoch an die Zeit, als er mit den "3 Tornados" Anarchie übte, als Telefone noch an der Schnur hingen und man nicht mit ihnen fotografieren konnte. Heutzutage streichelten Männer ihr Smartphone häufiger als ihre Frau! Dann mimt Rating den Werbemann, den Waschmittelverkäufer. Shampooflaschen als Sinnbild für die sechs "Premiumparteien". Ein wahres Feuerwerk an Meinungen, An- und Einsichten prasselt auf das Publikum herunter. Feine Zusammenhänge und Wortspiele schärfen den Geist der Zuhörer. Aufmerksam und begeistert lauschen sie den Werbebotschaften, "dynamisch, flexibel und hoch motiviert", wie er stets betont. Die "verschraubte Zonentorte" mit der "Palliativpolitik" habe Wahlkampf mit Bildern gemacht statt mit Worten. Die Elbphilharmonie, wo die Großen der Welt "mit Beethoven eingeschläfert wurden". Merkel im knallroten Sakko mit Handraute zwischen den Großen der G20, die alle in Schwarz gekleidet sind. Das sei perfekte Propaganda, statt die PR eines Martin Schulz.

Arnulf Rating könnte man ewig zuhören, obwohl er eher zum Nachdenken und Handeln animiert. Nickendes Verstehen und begeisterter Applaus für zwei Stunden Top-Politkabarett locken ihn nochmals hervor - als Krankenschwester verkleidet, die Lektüre empfiehlt. Frauenlektüre. Promigeschichten, Kochrezepte, Abnehmtipps. Für die Nerven.
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