Kabarettist Michael Eberle und die Zerrissenheit des Mannes in einer Wimpernschlagsekunde der ...
Die Venusfalle schnappt zu

Kabarett zum Nach- und Mitdenken servierte Kabarettist Michael Eberle, ein "Stachelbär"-Mitglied, auf der Futura-Bühne. Als Mitfünfziger sah er sich gefangen in der "Venusfalle". Bild: Prem
Kultur
Windischeschenbach
29.04.2013
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Welche Bedeutung der Begriff "Venusfalle" für den Kabarettisten Michael Eberle nun wirklich hat, ob er darin das Den-Verlockungen-einer-Frau-Erliegen oder die Fliegen fressende, dornenbewehrte Pflanze meint, ließ er offen. Wahrscheinlich geisterten beide durch sein gleichnamiges Programm, mit dem er am Freitag und Samstag das Publikum der Futura-Kleinkunstbühne begeisterte. Sie schnappte auf jeden Fall zu, hielt ihn in der Zerrissenheit und Verwirrtheit eines Mittfünfzigers gefangen zwischen Alltagskorruption und großer Weltgeschichte.

Weltgeschichtlich egal

In der lebt man nur für den Bruchteil einer Wimpernschlagsekunde und ist dann für den Rest der Zeit nicht mehr da. "Da könnte man es doch eigentlich ein bisschen gelassener angehen lassen", meinte Eberle, da es doch weltgeschichtlich eigentlich völlig egal sei, ob man nun einen Porsche Cayenne oder bloß ein Klappradl fahre, ob man sich im Fitnessstudio aufreibe oder sich täglich eine Torte einwerfe oder das Rauchen aufhöre mit dem Vorsatz, die Rentenkasse zu sprengen.
Aber er steckt mittendrin zwischen Fitness und Fatness, Adidas und Adipositas, Demokratie und Demografie und versucht verzweifelt, seinem Leben einen Sinn zu geben. Dabei hängt alles von der Trägheit oder Schnelligkeit der Samenzellen ab, ob man der wird, der man geworden ist, oder vielleicht auch eine Frau. "Mit einer Frau in den Wechseljahren ist allerdings auch nicht zu spaßen."

Mit großer Wortakrobatik, Mimik und der Lust an der Darstellung schlitterte der Pfaffenhofener durch die Alltagskorruption, ließ sich quasi wie ein Insekt von der Venusfliegenfalle anlocken, um dann gefressen zu werden. "Als Mensch läufst du immer irgendwelchen Dingen nach und lässt dich dann von ihnen fangen". So dauerte es Jahre, bis der "g'stinkert Micherl", wie ihn sein Onkel Theo liebevoll nannte, seinen Ruf loswerden wollte und sich zu waschen begann, woraufhin ihn seine Eltern zum Therapeuten schleppten. Dabei war es die angebrannte Milch von Tante Gerti, die an seinem Geburtstag stank.

Schuld und Buße

Oder sein Freund Hubi, der in der Pubertät von nackten Frauen träumte, als Buße dafür jedes Mal ein Vaterunser betete, um seine Schuld wieder auf null zu stellen. Mit der Zeit geriet er aber in die Vaterunser-Verschuldungsfalle und Gegrüßet-seist-du-Maria-Insolvenz. Ob Gerüche, die Konsumenten in Kaufhäuser locken, Zwängler, die Brauchtum fördern, oder die Besuche von 50. Geburtstagen, auf denen es von Fäkalisten mit starkem Hang zur Darmspiegelung wimmelt: Immer wieder stellt sich ihm die Frage: "Ko i a so, wia i wui, oda wui i a so, wia i soi?"

Freiheit nur suggeriert

Philosophisch, politisch und gesellschaftskritisch blickte der Charakterkopf mit großen schauspielerischen Qualitäten in seinem zweiten Programmteil auf das große Weltgeschehen. Er durchleuchtete Geschehnisse, die uns Freiheit suggerieren, die Eventkultur, die "Musts", die man meint, haben zu müssen, und die uns letzten Endes nur in irgendeine Abhängigkeit drängen. Über die Informationswut von Internetfirmen oder die Kette von Ungerechtigkeiten bei der Produktion einer 4,45 Euro teuren Jeans redete sich Eberle in der irrwitzigen Aneinanderreihung von möglichen Szenarien in Rage.
Auch politische Themen zu Europa oder dem Berliner Flughafen kamen nicht ungeschoren davon. Eberle vollführte in seinen Geschichten Vokalakrobatik in höchster Perfektion und servierte vor allem im zweiten Programmteil Kabarett mit viel hintergründigem Humor, zum Nach- und Mitdenken. "Konsumzwang und Alltagskorruption: Jeder hat seinen Preis, aber irgendwann haben sie dich, und dann schnappt sie zu, die 'Venusfalle'."
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