24.09.2017 - 16:56 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Martin Zingsheim begeisterte bei der Futura in Windischeschenbach Ein gescheiterter Gangsterrapper

Im ersten Moment wirkt er harmlos, sogar die relativ kleine "Futura"-Bühne erscheint optisch übermächtig gegenüber Martin Zingsheim. Nur ein Mikrofon, kein Stuhl, kein Klavier, gar nichts. Doch bereits die ersten Sätze des Abends werfen ein ganz anderes Bild auf den 33-Jährigen - nämlich jenes eines überaus scharfsinnigen und intelligenten Beobachters, der mit vielen Pointen und schier unendlichen Aneinanderreihungen von Wortketten das Publikum am Freitag und Samstag begeistert.

Für Kabarett-Unterhaltung höchster Qualität sorgte Martin Zingsheim in Windischeschenbach
von Holger Stiegler (STG)Profil

Jetzt schon bühnentauglich

"Aber bitte mit ohne" heißt sein Programm, das sich offiziell noch im "Vorpremieren"-Status befindet, aber schon jetzt bühnentauglich ist. Wobei das mit dem Programm-Titel so eine Sache sei, wie Zingsheim selber einräumt. Es könnte nämlich genauso gut "Jägermeister ist kein Ausbildungsberuf" oder "Wie homosexuelle Flüchtlinge am 11. September die Mondlandung in Bielefeld erlebten" heißen. Zwei Stunden lang zelebriert Zingsheim genau das, was einen Kabarettisten ausmacht: Er seziert den Alltag spitzfindig, ohne dabei albern zu werden, er stellte soziologische Betrachtungen an, ohne dabei wissenschaftlich zu werden, er begeistert die Zuhörer, ohne sich anbiedern zu müssen. So gesehen passt das "ohne" im Programmtitel doch ganz gut. Weniger ist mehr, der Verzicht hat viele Vorteile.

Und so erzählt Zingsheim von den "Offline-Zombies" in der Bahn, den Gemeinsamkeiten von Serienkillern und überarbeiteten Chirurgen, und er erklärt, warum sich sein ursprünglicher Beruf als Gangsterrapper nicht verwirklichen ließ ("Ich habe Abitur und Respekt vor Frauen!"). So im Vorbeigehen entlarvt Zingsheim auf charmante Art und Weise politischen Unsinn ("Natürlich bin ich nicht Burka, ich bin ja auch nicht Dreiviertelhose!"), schwadroniert über Essenseinstellungen ("Es gibt sogar Veganer, die keine Blutorangen runterbekommen") und beklagt sich über die Populisten auf dem Vormarsch ("Überall in der Welt: Donald Trump, Marine Le Pen, Gert Wilders, Markus Söder ...!").

Viele Lacher

Besondere Höhepunkte sind die Wort-Akrobatik-Nummern: Jedes noch so unbekannte Autokennzeichen ordnet er Gewässern in der Nähe zu, zeigt auf, wie sich militärische Redewendungen in die Alltagssprache eingenistet haben, gleichzeitig diese Sprache aber für "Meisterwerke der deutschen Lyrik" im Schlager sorgt. Der Applaus und ganz viele Lacher sind Zingsheim sicher. Und mit viel Nachdruck führt er zudem die Absurditäten deutscher Karnevalssprüche vor Augen mit dem absoluten Highlight "Ochtrup! - Bäh!"

Tief taucht der Kabarettist auch ins eigene Metier ein und seziert Stück für Stück die Art und Weise, wie politisches Kabaretts gemacht wird, nimmt die Zuhörer mit auf die Kausalität von Sprühsahne und Weltfrieden und erörtert den wesentlichen Charakter des Intervalltrainings ("20 Minuten Joggen - 14 Wochen Pause"). Auch die eigene Lebenssituation nimmt Zingsheim von seiner gesellschaftlichen Analyse nicht aus: "Vier Kinder - das hat schon was von Stalking in den eigenen vier Wänden!" Und schließlich: Verdientermaßen langer und kräftiger Applaus für den Künstler.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.