16.02.2018 - 15:20 Uhr
Windischeschenbach

Patrick Roths Leidenschaft ist Glas in allen Formen und Farben Denken in Glas

Patrick Roth arbeitet im Grenzbereich zwischen Kunst, Handwerk und Design. Glas – in all seinen Formen und Farben – ist der Lebensinhalt des 41-jährigen Oberpfälzers.

Der Künstler beim Auswählen der Farbkombination.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Die Finnisage in Wien findet eher im kleinen Kreis statt, wie immer. Tags drauf wird abgebaut. Patrick Roth fährt mit seinen Glaskunst-Objekten über Salzburg und Innsbruck nach Bregenz, seine Wahlheimat. In Salzburg wartet ein Galerist, der selbst ein Objekt des gebürtigen Oberpfälzers gekauft hat. Jetzt soll es in die Kanzlei des neuen Besitzers verfrachtet werden. Bei 22 Kilogramm Gewicht legt der Künstler lieber selbst Hand an, damit das Stück heil ankommt. Auch in Innsbruck stehen zwei Stücke in einer Galerie, die sich schnell verkauft haben.

Es sind eigenwillige Werke, trotz ihrer Massivität wirken sie schwerelos. Ausdrucksstark leuchten das Rot, Blau und Grün der Skulpturen in den Raum. „Glas ist unfassbar vielseitig!“ Der Werkstoff ist sehr fragil, dabei aber unglaublich vielfältig. Glas ist formbar und gleichermaßen hart, bunt und durchsichtig, robust und zerbrechlich, scharf, glatt und weich. „Genau deswegen hat mich das Material gepackt. Die Möglichkeiten sind unendlich.“ In Windischeschenbach, in unmittelbarer Nähe zu einer Glashütte aufgewachsen, bewundert Roth den Werkstoff schon von Kindesbeinen an.

Die Material-Diva

Nach der Schule sucht der Oberpfälzer zunächst nach einer Goldschmied-Lehre. Eine Nickelallergie führt ihn aber zurück zum Glas. Roth schafft nach dem Motto: Was funktioniert hat Recht. Dem 41-Jährigen scheint alles zu gelingen. „Das Arbeiten ist ein Schaffensprozess – Ich lasse mich auf das Material ein.“ Wenn der Plan nicht für Glas geeignet sei, brauche er einen andere Vorgehensweise. „Es hat keinen Sinn gegen das Material zu arbeiten.“ Denn: „Glas ist die Diva unter den Werkstoffen“, weiß der Künstler aus 20-jähriger Erfahrung.

Der selbst ernannte „Glasjunkie“ ist ein Frühaufsteher, um 6.30 Uhr beginnt sein Tag. Etwa 100 Meter von seiner Wohnung entfernt in der Kirchstraße, liegt sein Atelier im Zentrum von Bregenz. Roths Arbeitstag beginnt um 7 Uhr. Erst checkt er E-Mails, macht Büroarbeit. Danach fertigt er Skizzen oder widmet sich anstehenden Aufträgen: „Mal sehen was der Tag bringt, ich mache was mir gerade einfällt.“

Traumhafte Skulpturen

Die Inspiration für die Schmelzobjekte kommen Roth im Traum. „Ich hab es mir antrainiert, den Traum nicht gleich zu vergessen. Das funktioniert ganz gut.“ Frühmorgens skizziert der Glaskünstler das Objekt. Die Skizze ist eine Anleitung für ein Positiv-Objekt aus Ton, Wachs, oder auch Schaumstoff, etwas das sich zum Abgießen eignet. Dann gießt er eine Negativ-Form für die eigentliche Glas-skulptur aus feuerfestem Material – Gips und Sand. In diese Form füllt Roth Glasbrocken und -stücke, wie er es sich „erträumt“ hat. „Selbst beim Arbeiten mit Ton oder Wachs muss ich in Glas denken – das ist das Entscheidende.“

Das Ergebnis stimmt in 70 bis 80 Prozent mit dem „Traumobjekt“ überein, so wie es sich Roth vorgestellt hat. Nicht selbstverständlich. Wie lange das Objekt geschmolzen werden muss, hängt von seiner Dicke ab. Je nach Größe kommt es zehn bis 14 Tage in den 900-Grad-Ofen. Solange der Ofen arbeitet, darf er nicht geöffnet werden. In dieser Zeit kann einiges schief gehen. Ob Roth die Schmelzkurve richtig errechnet hat, weiß er erst nach dem Erkalten. Das Negativ, „die verlorene Form“, wird zerbrochen. Zum Vorschein kommt das Objekt. Fertig ist es noch lange nicht.

Weitere Tage verbringt der Künstler damit das Stück zu schleifen und zu polieren. „Es sind alles Einzelanfertigungen“, erklärt Roth. „Das Stück hab ich geträumt, geplant, skizziert und abgeschlossen. Für mich macht es keinen Sinn es zu reproduzieren.“ Bei jeder Skulptur geht er als Mensch eine Symbiose mit dem Material ein. Seine Schmelzobjekt kosten zwischen drei- und sechstausend Euro.

Es hat keinen Sinn, gegen das Material zu arbeiten.Patrick Roth

Technik kombinieren

Roth fertigt nicht nur Skulpturen durch Schmelztechnik. Vor 20 Jahren lernt er Glasveredler mit Schwerpunkt Schliff an der Glasfachschule in Zwiesel und arbeitet danach unter anderem als Glasschleifer in der Evelyn-Hütte in Amberg sowie als Workshopmanager Glas beim Wiener Galsverlag „J&L Lobmeyr“. „Diese Fähigkeiten nutze ich nach wie vor gerne. Ich mag die Technik.“ Wenn er Gebrauchsglas – Teller, Schalen, Gläser – veredelt, hält der Oberpfälzer die alte Tradition des Glasschleifens und der Gravur am Leben. „Für die Kunstrichtung ist es spannend, klassische Techniken neu zu interpretieren“, sagt Roth. „Ab und zu ,spiele’ ich auch gern“, verrät er. „Ohne Plan, ohne Vorstellung kombiniere ich Glasreste oder was mir in die Hände fällt miteinander.“ So entstehen spontane Werke.

Für die Kreativität ist es wichtig sich wohl zu fühlen.Patrick Roth

Nach beruflichen Stationen in Amberg, Braunau und Wien unterrichtet Roth sieben Jahre lang an der Glasfachschule in Rheinbach bei Bonn (Nordrhein-Westfalen). „Mit der Zeit hat mich das mehr und mehr unglücklich gemacht“, überlegt der 41-Jährige. Die Mentalität der Menschen dort sei nicht kompatibel mit der eines Oberpfälzers, kommentiert der Glaskünstler. „Außerdem habe ich in den Schülern nicht das Feuer gespürt, das immer noch in mir brennt“, sagt der Künstler. „Ich hab den sichersten Job der Welt – Beamtentum auf Lebenszeit – gegen den unsichersten Job überhaupt getauscht und mich als freischaffender Künstler selbstständig gemacht.“ Man lebt eben nur einmal.

Schüler ohne Feuer

Die neue Heimat Bregenz wählt der gebürtige Weidener nicht zufällig aus: „Ich wollte zurück in die bayerische, österreichische Ecke“, erklärt der Glas-Handwerker. Für Bregenz in Vorarlberg spreche vor allem die Nähe zur Schweiz und zu Liechtenstein – dort sitzt seine Klientel. Außerdem erhielt seine Frau eine Stelle in einem Tattoo-Studio von Freunden. „Die Gegend ist superschön – vorne der See, hinten die Berge. Für die Kreativität ist es wichtig sich wohl zu fühlen.“ In Bregenz sind Roth und seine Frau absolut glücklich. Auch wenn er sich ab und zu fragt, was er da eigentlich macht, wenn tagelang niemand in sein Atelier kommt.

Glas wird in der Kunstszene sowieso stiefmütterlich behandelt.Patrick Roth

Die eigenwilligen Kreationen des Oberpfälzers sind international zu sehen: Ausstellung wie „R(h)Einfall“ oder „Drei(st)“ zeigt Roth vorrangig in Deutschland, Österreich und Tschechien, aber auch in Italien und Großbritannien. „Ich hab eine besondere Affinität für Tschechien. Das ist ebenfalls eine klassische Glasgegend.“ Roths bester „Glasfreund“ heißt Petr Stacho. Er lehrt an der Glasfachschule in Steinschönau (Kamenicky Senov). Kennengelernt haben sich die beiden über einen Schüleraustausch, den Roth mit den Rheinbacher Schülern machte.

Für Kulturgut im Einsatz

„Networking ist entscheidend“, weiß der 41-Jährige. Er engagiert sich als Kunstbeirat im 2015 gegründeten Verein Glasheimat Bayern mit aktuell 30 Mitgliedern. „Als Einzelkämpfer hat man es schwierig.“ Über die Jahre stellt der Oberpfälzer fest, dass im Glasbereich, egal ob Kunst oder Handwerk, jeder sein eigenes Ding macht und niemand die eigenen Scheuklappen überwindet. „Das ist sehr schade, weil Glas in der Kunstszene sowieso stiefmütterlich behandelt wird. Was dahinter steckt wird nicht gesehen.“ Zumal es in der klassischen Glasgegend Bayern-Böhmen aktuell mit dem Erhalt der Tradition eher mau aussieht. „Aber Glas ist als Kulturgut unbedingt erhaltenswert!“ Im Zusammenschluss kommen die Glaskünstler besser an Förderungen oder Ausstellungen. Und: „Galeristen sind extrem wichtig“, erklärt Roth. Wenn er sich selbst um den Verkauf kümmert müsste, wäre das auf Dauer nicht möglich.

Neben dem zerbrechlichen Glas ist Roths zweite große Leidenschaft wesentlich härter: Der Sänger und Bassist ist Death-Metal-Fan. Dazu passen auch sein 50 Zentimeter langer, geflochtener Bart und seine vielen Tattoos. Am linken Arm ist die molekulare Struktur von Glas unter die Haut tätowiert. „Alles macht Sinn, solange es mit Glas zu tun hat.“

Die Möglichkeiten sind unendlich!Patrick Roth

Zur Person

- Geboren 1976 in Weiden
- 1997-2000: Ausbildung zum Glasveredler Schwerpunkt Schliff, an der Glasfachschule Zwiesel
-  2000-2005 Glasschleifer in der Evelyn-Hütte, Amberg
- 2005 Meisterbrief Industriemeister Glas/IHK Passau
- 2005-2006 Abteilungsleiter PNB bei INN Crystal in Braunau
- 2006-2009 Workshopmanager Glas bei J&L Lobmeyr GmbH Wien
- 2009-2016 Werkstattlehrer Schliff und Gravur an der Glasfachschule Rheinbach
- 2012-2015 Lehrtätigkeit im Meisterkurs Glaser/Glasveredler NRW Themenbereiche: Stilkunde; Gestaltungslehre und technische Kommunikation
- 2015 Kunstbeirat bei der Künstlervereinigung „Glasheimat Bayern“
- seit 2016 eigenes Atelier in Bregenz

Goldrubin-Glas

Der Künstler gehört zu einer Hand voll Personen, die rote Schmelzobjekte, herstellen können. Zunächst entsteht aus Glas und Goldpartikeln durch Schmelzen klares Glas. Aufgrund der speziellen chemischen Verbindung und durch Wiedererhitzen färbt sich das Glas unter bestimmten Bedinungen rubinrot, deshalb Goldrubin-Glas. „Ich hab das für eine Auftragsarbeit ausprobiert. Nirgends auf der Welt hab ich einen so roten Glasblock herbekommen, wie ich ihn wollte. Also selber machen.“ Er wälzt in alten Fachbüchern und macht sich eigene Gedanken. „Als ich die Schmelzkurve dazu ausprobiert hab, dachte ich, das kann nichts werden.“ Doch es funktionierte. Der Vorgang ist besonders schwierig, weil die Goldpartikel bei zu großer Hitze, eine Fünf-Grad-Schwankung reicht, „kippen“ könnte. Die Glasmasse wird undurchsichtig und bräunlich. Gerade wartet Roth darauf, zwei Goldrubin-Objekte aus dem Ofen zu holen. „Da muss mach sich in Geduld üben.“



Ausstellung in Weiden

Ab Sonntag, 25. März, sind Werke des Glaskünstler und 15 weiterer Kollegen des Vereins bei der Ausstellung „Glas – wiederentdeckt und ans Licht geholt“ im Neuen Rathaus in Weiden zu sehen. Die Vernissage beginnt um 11 Uhr. Die Ausstellung initiiert Axel T. Schmidt aus Pirk, Kunstlehrer in Weiden. Hintergrund sind historische Gläser aus der Sammlung der Stadt Weiden. Die Interpretationen der Glaskünstler orientieren sich an den historischen Vorlagen. Die Ausstellung ist bis 25. Mai zu den Öffnungszeiten des neuen Rathauses zu sehen.

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