21.03.2005 - 00:00 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Publikum entspannt sich bei der "Futura" von Martina Ottmanns "Machtkrämpfen" Das Handy kennt die ganze DNA

von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Wer dem Zeitgeist folgen will, muss einiges aushalten. Tai Chi auf den Seychellen oder Wasserskitouren im Kopfstand. Nur so ist man "Fit fürs Jahrtausend", singt jedenfalls Martina Ottmann. Doch keine Bange. Die Zukunft hält auch alltagstaugliche Errungenschaften für uns bereit. Eingipsen bei OBI für 6,99 Euro, falls es doch mal einen Beinbruch geben sollte. Und dann zu zwölft ab ins Sechs-Bett-Zimmer im Tirschenreuther Krankenhaus.

Im gesundheitsreformierten Deutschland ist eben alles möglich. Blutdruckchecks und DNA-Analysen via Handy, das die Daten gleich ans Bundeskriminalamt in Wiesbaden weiterleitet: "Früher durfte nur 007 mit so was rumrennen, heute jede Null." Die Ottmann weiß Bescheid. Sie will mithalten in der modernen Medienwelt, in der der nächste Bundeskanzler nach dem Vorbild von "Deutschland sucht den Superstar" vom Publikum vor dem Bildschirm statt in der Wahlkabine ausgesucht wird.

Der progressive Mensch hat nämlich genug damit zu tun, seinen computergesteuerten Laufschuhen hinterherzurennen, die sich immer wieder selbstständig machen und beim Joggen gleich noch die Post mitnehmen und den Einkauf erledigen. Diese orangefarbenen Treter waren im wahrsten Sinne des Wortes der Running Gag in Ottmanns Programm "Machtkrämpfe" am Freitag und Samstag auf der "Futura"-Bühne in Windischeschenbach.

Eine gelungene Vorpremiere mit politischem Kabarett, das zum Glück ohne abgegriffene Anspielungen auf Merkels Frisur, Bushs Krieg oder Schröders ruhige Hand auskam. Mit ihrer beachtlichen Stimme und pfiffigen Texten schickt die Münchnerin ihre Pointen am besten in Liedern verpackt ins Publikum. "Das Finanzamt will, dass ich alle 15 Minuten singe, damit ich krankenversichert bleibe." Deswegen also. Doch wer zusammen mit Michael Armann am Klavier über Ärzte, die alles röntgen, was ihnen in die Praxis kommt, einen Song schreiben kann, hat auf einer Kleinkunstbühne auch den richtigen Platz gefunden.

Immerhin hat die ehemalige Architektin, die bereits mit Größen wie Jörg Hube auf der Bühne stand, schon einige Kabarettpreise eingeheimst. Am 6. April wird es ernst für Ottmann, wenn sie nach dem Warmlaufen in Windischeschenbach im Münchner "Fraunhofer" offizielle Premiere mit ihrem neuen Programm feiert. In der Landeshauptstadt regiert der Rotstift die Kulturpolitik.

Aber wenn sie dem Publikum in Zeiten der Orchesterauflösungen als Alternative eine gemeinsame "Symphonie für 80 Handys" mit Beethoven-Klingeltönen vorschlägt, muss sie sich keine Sorgen machen. Falls es doch nicht klappt, kann Ottmann noch mal einen Auftritt in der Oberpfalz in die Laufschuhe einprogrammieren.

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