18.04.2018 - 21:36 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Auch die Versammlung in Windischeschenbach macht's deutlich Die Anhängerschaft der Münchener Löwen ist tief zerstritten

Vierte Liga, Amateurklasse. Und doch haben die Münchener "Löwen" immer noch eine riesige Fan-Schar. Grün sind sich einige der Anhänger der "Blauen" aber nicht. Das wird auch bei einem Treffen in Windischeschenbach deutlich.

von Josef Maier Kontakt Profil

Natürlich gibt's einen Zoigl - was sollte es in Windischeschenbach anderes geben? Eine Flasche im XXL-Format. Dazu eine Urkunde. Und einen Händedruck vom "König der Löwen". 1860-Präsident Robert Reisinger gratulierte den Gründungsmitgliedern des Fanclubs Windischeschenbach persönlich. Vor 40 Jahren haben sieben Leute den Verein aus der Taufe gehoben - und in dieser Zeit jede Menge mitgemacht.

Gefeiert wurde an diesem Abend nicht lange, denn im Anschluss an die Auszeichnungen war die Arge-Versammlung der Region 15, der Löwenfanclubs aus der Oberpfalz und dem Fichtelgebirge, angesetzt. Hinter dem Namen verbirgt sich die Arbeitsgemeinschaft, in der die meisten Fanclubs organisiert sind. Nicht ohne Hintergedanken hatten die Windischeschenbacher die Ehrungen vorgezogen. "Auf der Versammlung könnte es rundgehen", mutmaßte einer der Organisatoren. Zunächst geht es aber noch präsidial zu. Der Boss spricht: Robert Reisinger, seit einen Jahr, nach dem sportlichen Totalcrash im Sommer 2017, im Amt. Typ: Macher, sportlich-drahtig, immer direkt, einer, der auch austeilen kann. Und kein Träumer: "Wir machen nur, was realistisch ist."

Und er ist ein Eingefleischter: "Ich war schon immer den Löwen treu." Bis zur U17 hat der heute 54-Jährige auch bei 1860 gespielt. Dann verletzte er sich schwer. Der Klub aus Giesing war trotzdem immer ein bisschen sein Leben. Heute bestimmen die Giesinger sein Leben. Er ist Präsident des TSV von 1860 München mit seinen 23 000 Mitgliedern, mit Sparten vom Skifahren bis Bergsteigen. Wahrgenommen wird 1860 aber nur als Fußballklub.

Bierofka kein Thema

An diesem Abend geht es jedoch nicht um Fußball im wahrsten Sinne des Wortes. Der Name von Trainer Daniel Bierofka fällt kein einziges Mal. Der Name eines anderen fällt x-mal: Hasan Ismaik. "Wir versuchen seit neun Monaten, eine konstruktive Basis zu finden", berichtet Reisinger. "Es ist oft schwierig, aber es geht allmählich." Reisinger ist Boss des e.V., der 40 Prozent an der ausgegliederten KGaA hält, in die die Profiabteilung überführt wurde. Ismaik hat 60 Prozent: Geschäftsführungsberechtigt ist aber nur die TSV München von 1860 Geschäftsführungs-GmbH, deren Anteile vollständig vom Verein gehalten werden. Allein das ist schon verwirrend, wie vieles bei 1860. Klar ist nur, dass sie Ismaik in München weiter an der Backe haben. Damit wollen sich aber auch einige Löwenfans in der Oberpfalz nicht abfinden. Der Mann aus dem Morgenland ist für die "Blauen" ein rotes Tuch. Und so ist auch in Windischeschenbach der Schlagabtausch alsbald eröffnet. Es geht tatsächlich rund.

Immer rückwärtsgewandt

"Wir müssen ihn rausekeln", schreit ein Fan in Windischeschenbach. Und der Anhänger ledert los, was der Jordanier alles kaputt gemacht habe. Die Führung der Arge und mit ihr viele Fans sehen das anders. "Wir mögen den Ismaik zwar nicht", wird immer wieder gemurmelt. "Aber er ist nun mal da." Und überhaupt: "Ohne ihn gäbe es uns doch gar nicht mehr." Und so stehen sich auch in der Oberpfalz die beiden Seiten unversöhnlich gegenüber. Das Bild bei der Versammlung ist dabei nur ein Abbild des ganzen Klubs. Diskutiert wird auch in Windischeschenbach meist nur rückwärtsgewandt. Was wurde falsch gemacht? Wer hat was falsch gemacht?

Einer versucht immer wieder, die Diskussion zu versachlichen. "Jeder darf seine Meinung sagen", ist der Standardsatz von Franz Hell. Seit kurzem sitzt er im Arge-Vorstand, offiziell als Beirat, aber in Windischeschenbach führt er das Wort. Hell ist der Typ charmanter Plauderer. In den vergangenen Jahren hat er kein Spiel der Sechziger verpasst. Davon erzählt er gern. Immer sucht er an diesem Abend den Ausgleich, den er mit seiner Einstellung aber nicht finden kann. Denn er gilt als Ismaik-Anhänger. Er sagt das nicht offen, aber da kommen dann Sätze wie: "Wir müssen den kleinsten gemeinsamen Nenner mit dem Mann finden." Und: "Wir müssen mit ihm leben." Hell ist für die extremen Ismaik-Ablehner das Feindbild. Kritik gibt es an der Arge auch, weil sie Vereinspolitik macht. "Was gibt euch das Recht dazu?", fragt ein Fan. Man vertrete eine Unmenge Fans und Vereinsmitglieder, entgegnet Hell. Das sei Auftrag genug. Der Dachverband solle sich auf seine Aufgaben konzentrieren, empfehlen einige Anhänger: Fanartikelverkauf, Tickets organisieren ...

Eine richtige Diskussion kommt nicht auf, oft wird es laut. Präsident Reisinger sitzt da und hört sich ruhig an, wie sich die Fans Anschuldigungen an den Kopf werfen. Irgendwann wirft er ein: "Zu 90 Prozent passt es, wie wir derzeit zusammenarbeiten." Mit den derzeitigen Ismaik-Vertretern sei das möglich. Aber auch bei ihm hat sich in den vergangenen Jahren der Frust über Ismaik aufgestaut: "Er hatte den Schlüssel für die dritte Liga. Er hat ihn nicht umgedreht."

Häme für Werner Lorant

Die Löwenfans in der Oberpfalz machen derweil weiter mit der Aufarbeitung der Traumata: Stichwort Allianz-Arena. "Wir haben schon vorher davor gewarnt", schreit einer, "aber wir wurden von Wildmoser abgebügelt." Und dass sich jetzt Alt-Löwen wie Werner Lorant und Karsten Wettberg mit schlauen Vorschlägen hervortäten, verleitete ihn zum hämischen Kommentar: "Die sind ja nicht in der Lage, ihre eigene wirtschaftliche Situation in Ordnung zu bringen." Die Fans aus Stadlern kündigen noch in Windischeschenbach ihren Austritt aus der Arge an: "Keine Angst, wir gehen." Irgendwann murmelt zwischendurch einer: "Wir sind doch alle im Herzen Löwenfans." Wenigstens das stimmt noch ...

"Löwen" wieder ins Olympiastadion?

Windischeschenbach. (mr) Keine Spinnereien, keine Drahtseilakte. "Die Verantwortlichen der KgaA haben konservativ die Lizenzunterlagen eingereicht", sagt Robert Reisinger. Allzu oft wurde in den vergangenen Jahren bei den Münchener "Löwen" mit Fantasie-Summen jongliert. Der Präsident von 1860 München hat zuletzt fristgerecht die Antragspapiere für die 3. Liga beim DFB eingereicht. Sollte 1860 München aufsteigen, würde der Etat in Liga drei etwa 8 Millionen Euro betragen. Vergangene Saison, als die "Löwen" nach dem sportlichen Abstieg aus der zweiten Liga, eine Klasse tiefer spielen wollten, war ein Etat von 18 Millionen Euro veranschlagt. Investor Hasan Ismaik verweigerte aber plötzlich die Zusagen für einige Millionen, 1860 musste in die Regionalliga. Reisinger: "In unserem geplanten Etat sind keine Darlehen von unserem Mitgesellschafter enthalten." Einem Sponsoring der KgaA durch Ismaik stehe nichts im Wege.

Auch in der dritten Liga würden die Sechziger im "Grünwalder" spielen. "Das Stadion ist drittligatauglich", erklärte Reisinger. Das Fassungsvermögen sollte schon zuletzt von 12 500 auf 15 000 Zuschauer erhöht werden. "Die Bauarbeiten konnten nicht fortgesetzt werden, weil der Winter so streng war." Der Präsident glaubt aber, dass bis zur Relegation Ende Mai die Stadt das Fassungsvermögen erhöht hat.

Die Fans träumen jetzt schon von einer schnellen Rückkehr in die zweite Bundesliga. Reisinger und seine Mannschaft machen bei den Träumereien nicht mit. "Erst wenn wir in der 3. Liga sind, würden wir uns Gedanken machen, was in der 2. Liga wäre." Sollte doch schnell die Rückkehr in Liga zwei gelingen, könnte sich Reisinger vorstellen, dass die "Löwen" vielleicht für ein Übergangsjahr im "Grünwalder" bleiben könnten. Als Alternative ist auch immer wieder das Olympiastadion, das renoviert werden soll, im Gespräch. "Möglich wäre auch eventuell das Olympiastadion. Die Stadt hätte uns gerne dort. Aber oberste Priorität sollte immer das Sechziger-Stadion haben."

Gefangen in der Grube

Angemerkt von Josef Maier

Die Gegner kommen nicht aus Schweinfurt, Nürnberg oder Memmingen, der Gegner kommt aus den eigenen Reihen. Einige Sechziger-Fans stimmen auch nicht Schmähgesänge gegen Burghausen Bayreuth oder Rosenheim an, sondern gegen Investor Hasan Ismaik.

Den 30. Mai 2011, den Tag, als der jordanische Geschäftsmann bei 1860 München einstieg, verfluchen viele Fans. Nicht alle, es gibt auch welche, die Ismaik eigentlich ganz gut finden.

Bei der Arge-Versammlung der Oberpfälzer Fanclubs wurde klar, wie zerstritten die Löwenfans deswegen mittlerweile sind. Genüsslich dürfte der jordanische Geschäftsmann registrieren, wie sich die Anhänger gegenseitig zerfleischen. Die Löwen sind in der eigenen Grube gefangen. Präsident Robert Reisinger versucht zwar einiges, um mit Ismaik und dessen Statthaltern einigermaßen auszukommen. Aber zwischen den Zeilen merkt man, dass auch er total genervt vom Gehabe des Jordaniers ist.
Dabei sind alle Bemühungen, neue Strukturen zu schaffen, völlig überflüssig. Ismaik hat nicht das geringste Interesse, den Klub zurück in die Seriosität zu führen. Seine Zusagen sind nichts wert. Der Mann aus dem Morgenland macht sich nur einen Spaß daraus, den Verein zu schikanieren. Nachdem er viel Geld verloren hat, nimmt er nun einfach süße Rache.

Es geht, und das sollten alle Löwenfans einsehen, nicht um die Frage, ob jemand Investoren im Fußball total ablehnt oder dafür ist. Im konkreten Fall „Ismaik“ gibt es einfach keine Lösung, wird es nie eine geben. Viele meinten ja, dieser Juni 2017 mit dem sportlichen Totalabsturz sei ein Ende mit Schrecken gewesen. Das war er nicht: Solange Ismaik da ist, wird der Schrecken kein Ende nehmen.

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