"Der Theatermacher" auf der Luisenburg
Bald letzter Vorhang für Michael Lerchenberg

Michael Lerchenberg und Carolin Waltsgott als Bruscon und seine Tochter Sarah. (Foto: Luisenburg-Festspiele/Florian Miedl)
Kultur
Wunsiedel
16.07.2017
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Bruscon (Michael Lerchenberg) gefällt sich selbst als Staatsschauspieler. Am Ende liegt er am Boden. (Foto: Luisenburg-Festspiele/Harald Dietz)

Einen Misthaufen mit 800 Fliegen, wie ihn sich der österreichische Bühnenautor Thomas Bernhard für die Uraufführung seiner Komödie "Der Theatermacher" gewünscht hatte, gab es auch in Wunsiedel nicht: Am Freitag schlüpfte Michael Lerchenberg in die Rolle des Staatsschauspielers Bruscon, und die schönste Naturbühne Deutschlands verwandelte sich in die Ortschaft Utzbach, in der Bruscon sein Lebenswerk "Das Rad der Geschichte" aufführen will. Aber ein Schweine-Pferch stand in dem 280-Seelen-Dorf, das sich Lerchenberg als Theatermacher für seinen Abschied von seinen Zuschauern ausgesucht hatte.

Wenn am 6. August um 22.30 Uhr der letzte Vorhang für das Stück fällt, in dessen Premiere der Luisenburg-Intendant wieder einmal alle Register seines schauspielerischen Könnens zog, geht eine Ära zu Ende: 56 Inszenierungen in 14 Jahren, davon 22 Erstaufführungen und 10 Uraufführungen von Auftragswerken. Zu Ende geht auch das, was den Intendanten mit den Menschen der Region verbunden hat: das Erlebnis von Theaterkunst auf einer Bühne, die in ihren Ausmaßen in Breite und Tiefe einmalig ist; die Zusammenarbeit mit Menschen, die in dem komplizierten Festspielbetrieb ihr Bestes gaben.

Lerchenberg wollte so gehen, wie er gekommen war - als Schauspieler. An der Seite von Cornelia Gloggert spielte er 1980, ein Jahr nach seinem Abschluss auf der renommierten Otto-Falckenberg-Schule, auf der Luisenburg den Anderl Ziechnaus in Alois Johannes Lippls "Holledauer Schimmel". Später folgte sein Auftritt als Friedl Gasteiger in Ludwig Ganghofers "Der Jäger von Fall". 2004 beerbte Lerchenberg Pavel Fieber als Luisenburg-Intendant.

Der Staatsschauspieler Bruscon, in dessen Kostüm und Befindlichkeit Lerchenberg schlüpfte, hat nicht das Glück des großen Erfolges, wenn er auch in seinen Selbstdarstellungstiraden gerne erwähnt, dass er einmal den Faust und den Mephisto gespielt hat. In Utzbach packt ihn der Unmut: Er beklagt sich beim Wirt über die Schwüle des dörflichen Tanzsaals, in dem sich "Das Rad der Geschichte" drehen soll. Der Wirt hatte auf den wenigen handschriftlichen Plakaten das Rad mit "t" geschrieben, was ohnehin zu Irrungen und Wirrungen führen muss.

Ein Familientyrann


Bruscon besteht darauf, dass am Schluss des Stückes das Notlicht für fünf Minuten gelöscht wird. Das verweigert der Feuerwehrkommandant, was Bruscon zu der Bemerkung veranlasst, was für Leute da und dort an der Macht sind. Schwierig wird es auch, als ihm der Wirt sagt, dass just am Premierentag der "Blutwursttag" gefeiert wird. Überhaupt: Bei den Proben des Stückes mit den beiden Kindern und der scheinbar erkälteten Frau ("Ihr ganzes Leben investiert eure Mutter in ihre gespielten Krankheiten") gebärdet sich Bruscon als Tyrann. Er macht die Familienmitglieder lächerlich, hebt sich selbst als großen Staatsschauspieler hervor. Dabei schwadroniert er in immer wiederkehrenden Phrasen über Kunst und Kultur, über Geschichte und Zeitgeschehen und - sein Lieblingsthema, nämlich die Dummheit der Menschen.

Sie kommen alle vor in seinem Stück, das die Elemente aller Komödien in sich haben soll. Auch die Nationalsozialisten fehlen nicht. Große Leute lässt er auftreten. Napoleon trifft sich beispielsweise mit Fürst Metternich auf Sansibar. Bruscons Tochter Sarah muss eine Lady Churchill mimen, und sein Sohn Ferrucio hat die größte Mühe, sich in die Dialogbeiträge des Herrn Metternich einzufinden.

Bruscon verwickelt sich bei seinen Ausflügen in das große Welttheater, das zu inszenieren er sich offenbar anschickt, in Widersprüche. Verschont bleibt die Familie von seinen Tiraden nur, wenn es Frittatensuppe gibt, seine Lieblingsspeise. Über der Aufführung des Stückes hängen unterdessen dunkle Wolken: Der Staatsschauspieler befürchtet, dass der Bühnenboden zusammenbricht. Die Kinder und die Ehefrau zeigen zunehmend Zeichen des Widerstandes. Hundert Zuschauer haben sich am Abend eingefunden, als das Donnern lauter wird und Blitze niedergehen. Und dann passiert es eben: Ein Blitz schlägt in den alten Pfarrhof ein, die Decke des Theatersaales wird zerstört. Es regnet durch das Dach. Die Zuschauer sind nach Hause gegangen. Wortlos und enttäuscht bricht Bruscon in den Armen seiner Tochter zusammen.

Eine Figur geht zugrunde


"Die Tragik ist", sagte Lerchenberg, "dass die Theaterkunst die vergänglichste Kunst ist." Man müsse immer von Neuem gut sein. Und das verzweifelte Bemühen darum sei in diesem Stück zu spüren. Den Zuschauern bleibt es überlassen, ob sie das, was sie gesehen und gehört haben, eine Komödie nennen. Denn immerhin: Hier geht eine Figur zugrunde.

Michael Lerchenberg hat wie so oft in den letzten 14 Jahren vor einem vollen Haus gespielt. Der Beifall des Publikums war stürmisch.
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