Gelungene Uraufführung des Familienmusicals Heidi bei Luisenburg-Festspielen
Schweizermädchen erobert Oberfranken

Keine Alm ohne Geißen: Fünf Kinder sind in diese Rollen geschlüpft und begeistern das Publikum.
Kultur
Wunsiedel
31.05.2017
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Im "Dörfli" geht es nicht immer friedlich zu. Die Bevölkerung ist für manche (tänzerische) Intrige gegen den Alm-Öhi zu haben. Die Musik stammt übrigens von Haindling. Bild: Luisenburg-Festspiele/Marcel Kohnen

Es gibt so Figuren, die schließt man gleich ins Herz. Dazu müssen sie gar nichts sagen. Sie sind einfach da, strahlen Sympathie aus, man kann sie nur gerne haben. Die Luisenburg-"Heidi" ist eine dieser Figuren. Am Mittwoch feiert das Familienmusical von Eva-Maria Lerchenberg-Thöny umjubelte Premiere bei den Festspielen.

Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von Heidi, je nachdem, ob er durch das Buch von Johanna Spyri, eine der zahlreichen Verfilmungen oder die Zeichentrickserie aus den 70er Jahren geprägt ist. Hier eine Variante zu finden, die alle gleichermaßen begeistert, ist kein leichtes Unterfangen. Eva-Maria Lerchenberg-Thöny gelingt dies - sie hat das Stück geschrieben, die Musik ausgesucht, führt Regie und leitet die Choreographie in der Inszenierung, die auf der Luisenburg uraufgeführt wird. Für die Bühne zeichnen Jörg Brombacher, für die Kostüme Eva Praxmarer verantwotlich.

Heidi, das kleine Waisenmädchen, wird von den Erwachsenen herumgeschoben. Es lebt bei der Tante Dete (Mira Huber) - doch dieser ist das Kind nur eine Last; eine neue Stelle in der großen Stadt Frankfurt nimmt Dete zum Anlass, das Mädchen zu dessen Großvater, dem vom Leben enttäuschten und verbitterten "Alm-Öhi" zu bringen. Anfangs widerwillig nimmt er "das Heidi" bei sich auf - doch mit ihrer Herzlichkeit und innerlichen Güte gelingt es dem unvoreingenommen Mädchen, dem verhärmten Alten so etwas wie Lebensfreude zu bringen.

Einfach alles passt

Der erste Teil des Stückes lebt vom grandiosen Zusammenspiel der "Heidi"-Darstellerin Maria Kempken und dem "Alm-Öhi" Paul Kaiser. Gesanglich, tänzerisch, die Gestik, die Mimik - da passt einfach alles. In ihren Rollen gehen die beiden Schauspieler so auf, als würden sie das Stück schon seit vielen Jahren spielen. Und der schon aus den Kinderschuhen herausgewachsenen Kempken nehmen die Zuschauer die kindliche Heidi genauso ab wie dem wahrlich nicht steinaltem Kaiser die Darstellung des Seniors. Schnell findet das aufgeschlossene Mädchen auch im "Geißenpeter" (Thomas Zigon) einen Freund. Doch den Dorfbewohnern ist der Alte ein Dorn im Auge. Mit Misstrauen nehmen sie die neue kleine Familie wahr - und beschließen zu handeln: Es kann nicht sein, dass Heidi nicht zur Schule geht! Sie intrigieren gegen Alm-Öhi. Doch Dete kommt ihrem Plan zuvor: Sie hat eine Gelegenheit gefunden, Heidi als Spielkameradin für ein krankes Mädchen in Frankfurt unterzubringen. Mit einer List entführt Dete das Kind, der Großvater und der Geißenpeter bleiben erschüttert zurück.

In Frankfurt schließt Heidi schnell Freundschaft mit der gelähmten Klara (sehr wandlungsfähig und beeindruckendste Gesangsstimme im Ensemble: Carolin Waltsgott). Doch das strenge Regime im großbürgerlichen Haushalt, verkörpert durch die Gouvernante Frl. Rottenmeier (mit furchteinflößendem militärischen Drill: Gudrun Schade), setzt dem an seine Freiheit gewöhnten "Schweizermädchen Adelheid" zu. Während einer Unterrichtsstunde kommt es zum Zusammenbruch.

Der Doktor diagnostiziert die lebensgefährliche Krankheit Heimweh - und die Therapie liegt auf der Hand: Heidi muss, begleitet von Klara und ihrer Großmutter, zurück auf die Alm. Dort wird sie von ihren Freunden willkommen geheißen. Die Dorfbewohner beginnen, ihren Irrtum einzusehen und es zeichnet sich sogar eine Heilung für Klara ab.

Zeitlose Inszenierung

Für ihre zeitlose Inszenierung nutzt Lerchenberg-Thöny die ganze Bühne: Das Schweizer Gebirge und die Alm lassen sich genauso gut darstellen wie das Grelle der Großstadt. Auf dem Schauplatz herrscht reges Leben. Die Tänze bringen Gefühle und Emotionen zum Ausdruck, die Lieder zu den Melodien von Haindling sind stimmig und in der richtigen Dosis arrangiert. Begeisterung bei den jungen Zuschauern lösen auch der Feuertänzer sowie die als Geißen verkleideten Kinder aus.
Service"Heidi" wird insgesamt noch 23 Mal gespielt. Die einzige Abendvorstellung geht am Mittwoch, 2. August um 20.30 Uhr über die Bühne. Weitere Informationen im Internet unter www.luisenburg-aktuell.de.

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0

Neben einfach nur schönen und kurzweiligen eineinhalb Stunden Theaterspaß - denn der kommt wahrlich nicht zu kurz - werden auch die Botschaften des Stückes deutlich. Die Welt in schwarz und weiß einzuteilen, so wie es der Alm-Öhi und auch die Dorfbewohner tun, greift zu kurz. Der Öhi hat zwar recht, wenn er Heidi darüber aufklärt, "dass leider die Bösen immer am lautesten schreien" und sich die Guten selten den Mund aufzumachen trauen. Dass das Übereinanderreden viel weniger bringt als das Miteinanderreden, dass gegenseitiges Verständnis zu Frieden führt, dass Mobbing, Lügen und Intrigen die falschen Wege sind - diese Erkenntnisse kann man Heidi auf die Fahne schreiben. In der Tat Herkulesaufgaben für ein kleines Mädchen - und doch wohltuend und überzeugend präsentiert. Langer Applaus für eine Inszenierung und eine Ensembleleistung, die selbst auf der Luisenburg neue Maßstäbe setzen.
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