08.03.2018 - 16:06 Uhr
Wunsiedel

Interview mit Musiker und Schauspieler Jan Josef Liefers "Suche immer nach Gemeinsamkeiten"

Er ist Schauspieler, Buchautor, Regisseur und vieles mehr. Aber am liebsten ist Jan Josef Liefers Musiker. Ein Gespräch über die versöhnliche Kraft des neuen Albums und über das Texten in schwierigen Zeiten.

Jan Josef Liefers.
von Externer BeitragProfil

Von Andrea Herdegen

Herr Liefers, im Sprichwort heißt es: "Jedes Ding hat zwei Seiten." Ihre neue Platte heißt jetzt "2 Seiten". Was steckt dahinter?

Jan Josef Liefers: Das hat ein bisschen mit der Zeit zu tun, in der wir neue Songs schreiben wollten. Es kam eine Welle Flüchtlinge ins Land, und es entstand eine ziemlich wütende Gegenbewegung. Man hatte das Gefühl, das Land zerfällt in zwei Lager. Hinzu kamen die terroristischen Anschläge in Frankreich, Belgien, England. Der öffentliche Ton wurde sehr rau und unangenehm, respektlos, unfreundlich, provokant. Und es schien so, als würden alle dieses Sprichwort vergessen haben, das Sie eben zitiert haben. In so einem Klima eine unterhaltsame Pop-Platte zu schreiben, schien mir unmöglich.

Aber Sie haben es dennoch getan.

Wir sind Künstler, keine Politiker, keine Ideologe, keine Einpeitscher und auch keine Prediger. Wenn ich wo hinkomme, dann suche ich bei den Menschen - egal wie fremd sie mir sind - instinktiv nach Gemeinsamkeiten, nach Dingen, die mir vertraut sind, wo ich anknüpfen kann. Musik ist dafür ein ideales Parkett. Ich suche auch bei einem Menschen nicht zuerst das "Etikett". Als ich damals mit ein paar Unterstützern und einem Laster mit Babynahrung in Aleppo in Syrien war, sah ich die Menschen dort nicht als "Rebellen" oder "von den USA gesteuerte Regime-Umstürzler", sondern ich sah Familien, die ihre Kinder verloren haben in dem Bombenhagel, den ihr eigener Präsident bis heute über sie heruntergehen lässt. Väter, Mütter, Alte, Junge und Babies, deren Leben sich in ein Fegefeuer verwandelte.

Und ich sah, was Krieg aus Menschen macht. Andere teilen meinen Blick nicht, sie sehen böse Kämpfer und Feinde, sehen Interessen der Großmächte und nicht die einzelnen Schicksale. Und schon sind wir wieder bei den zwei Seiten.

Sie singen und schreiben. Fast alle Texte und manchmal auch die Musik. Woher kommt die Inspiration?

Die Texte bleiben eher bei mir, während die Musik auch von der Band kommt. Und ich habe Partner beim Schreiben, das ist mir wichtig. Tja, wo kommt die Themen her? Aus meinem Kopf und aus meinen Gefühlen. Das lässt sich nicht immer so genau sagen. Ich versuche, auszubuchstabieren, was schwer in Worte zu fassen ist, weil es oft diffus durch mein Fühlen und Denken rieselt. Denkanstöße kommen aus meinem Leben und aus allem, was ich beobachte.

In "Nie egal" singen Sie gemeinsam mit Reinhard Mey.

Wir kennen uns schon ziemlich lange. Ich ihn noch viel länger als er mich. Als Kind in Dresden, noch zu DDR-Zeiten, hat mir meine Oma ein Songbook von ihm mitgebracht, weil ich gerade Gitarre spielen lernte. "Über den Wolken" war eines der ersten Lieder, das ich mir damit selbst beibringen konnte. Viel später saßen wir dann mal im Flieger nebeneinander. Reiner Zufall. Er kannte mich da schon von ein paar Filmen. Es hat sich ein Gespräch ergeben, und dabei hat sich herausgestellt, dass er einer der liebenswertesten, freundlichsten, klügsten und nachdenklichsten Menschen ist, die mir je begegnet sind. Der Song hat ihm gefallen und er hat zugestimmt, ihn mit mir zu singen. Ich bin ziemlich stolz darauf.

Er hat eben auch einen sehr guten Text. Der Song packt einen ja zunächst mal über die Musik. Und dann, erst im zweiten Moment, fragt man sich: Was singt der da eigentlich?

Was Sie jetzt gerade gesagt haben, hätte original von mir kommen können! Genau so ist meine Annäherung an den Song auch. Mein erster Eindruck ist die Musikalität, der Rhythmus. Ich finde das irgendwie gut, höre gerne zu. Und erst danach höre ich richtig darauf, worum es eigentlich geht. Ganz genau so ist es.

Man sollte also bei "Radio Doria" stets gut zuhören, vielleicht sogar die Texte mitlesen?

Erst mal sollte man Spaß mit uns haben. Ich will niemandem was vorschreiben. Vielleicht findet einer den Song auch einfach so gut. Aber nehmen wir mal an, jemand würde sich auch für das interessieren, was das wirklich verhandelt, dann sollte die Reise nicht zu Ende sein. Dann sollte sich das zweite und dritte Hören auch lohnen. Das ist mein Ehrgeiz.

In "Jeder meiner Fehler" geht es um Selbsteinsicht, ums Verzeihen. Fällt Ihnen das schwer?

Nein. Ich kann wirklich gut verzeihen. Aber: Mir ist nicht immer gut verziehen worden. Ich denke so: Was ist so kompliziert daran, sich mal zu entschuldigen. Und: Diese Entschuldigung auch anzunehmen. Ich bin kein religiöser Mensch, aber das ist doch die Kernidee auch im christlichen Glauben: die Vergebung.

Tut Ihnen das gut, auf der Bühne mal einfach nur Jan Josef Liefers sein zu können?

Ich bin nicht so fasziniert von Jan Josef Liefers, dass ich denke, alle Leute müssten mich jetzt hören oder sehen. Ich mache halt gerne Filme und Musik und natürlich unterhalte ich auch gerne Menschen gut.

Können Sie als Sänger und Musiker Geschichten erzählen, die Sie als Schauspieler nicht erzählen können?

Ja. Vor allem auf eine Art, die ich als Schauspieler nicht zur Verfügung habe. Als Schauspieler bin ich jemand, der Texte spricht, die ein Drehbuchautor geschrieben hat. Ich schlüpfe in fremde Figuren, in eine fremde Haut. Als Musiker tue ich das nicht. Ich kann meine eigenen Geschichten erzählen, mit meinen eigenen Worten und meinem eigenen Aussehen. Ich muss mich da nicht verkleiden.

Zu Ihren Konzerten kommen viele Neugierige, die Sie nur aus Ihren Filmen kennen. Wie versuchen Sie, diese Besucher mit Ihrem Musiker-Ich bekannt zu machen?

Einfach: Peng auf die Zwölf! Da wird nicht lange rumgefackelt. Letztlich ist es doch egal, weshalb jemand ins Konzert kommt. Ich brauche keine große Einlaufkurve. Wir haben ja eine gute Show. Also ich sage Show, aber denken Sie jetzt nicht an Helene Fischer. Wir machen das anders.

Ihre Frau Anna Loos ist, wie Sie, Schauspielerin und Sängerin. Sie ist bei "Silly" sehr erfolgreich. Gedreht haben Sie schon gemeinsam. Wird es nicht Zeit für ein gemeinsames Musik-Projekt?

Jeder Marketing-Experte würde jetzt in die Hände klatschen und sagen: "Ja! Ja! Ja!" Aber: Man muss nicht immer alles zusammen machen. Ich halte alles für möglich, Anna auch. Doch im Moment geht jeder seinen eigenen Weg, was das Musikmachen angeht.

Sie haben gerade monatelang im Fichtelgebirge gedreht. Was nehmen Sie aus unserer Region mit nach Berlin?

Jede Menge Bier! Selbst gemachte Leberwurst, davon habe ich bestimmt zwölf Gläser hier. Hirsch-Salami. Und natürlich viele, viele Eindrücke von freundlichen Menschen, von sehr viel Gastfreundschaft. Und den Wunsch, dass sich diese Ecke unseres Landes bald wieder erholt. Die ist ja ein bisschen den Bach runtergegangen: kaum noch Industrie, viel Leerstand. Dafür gibt es wunderschöne Natur. Ich bin gut erholt wieder in Berlin gelandet.

"Radio Doria" live: Montag, 12. März, Nürnberg (Meistersingerhalle); Montag, 30. Juli, Wunsiedel (Luisenburg).

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter % 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0

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