28.07.2017 - 14:22 Uhr
WunsiedelOberpfalz

Unterwegs mit Michael Lerchenberg im Fichtelgebirge "Auf den Bergen wohnt die Freiheit!"

Ein überheblicher Künstler, ein zynischer Familientyrann, ein arroganter Besserwisser. Kurzum: ein Kotzbrocken wie aus dem Bilderbuch. Aktuell spielt Michael Lerchenberg bei den Luisenburg-Festspielen Thomas Bernhards Theatermacher Bruscon. Mit dieser Rolle verabschiedet er sich als Schauspieler von seinem Publikum.

von Holger Stiegler (STG)Profil

Von Holger Stiegler

Auch die Zeit als Intendant geht in diesem Herbst nach 14 Spielzeiten zu Ende. "Ich bin schon stolz auf diese Zeit", erzählt ein absolut entspannter Michael Lerchenberg, der so gar nichts mit seiner aktuellen Bühnenrolle zu tun hat, an diesem sommerlichen Juli-Tag. Vom Parkplatz am Silberhaus führt ein kurzer Spaziergang zum Lieblingsort des Wahl-Oberfranken - nämlich zu den Prinzenfelsen. Dort geht es über steile Stufen hinauf auf den Prinz-Ludwig-Felsen, belohnt wird man mit einem herrlichen Ausblick ins Fichtelgebirge. "Meine Frau und ich haben diese Felsformation vor 14 Jahren für uns entdeckt, immer wieder sind wir hierher gewandert", berichtet Lerchenberg.

Das Fichtelgebirge hat er intensiv kennengelernt in den vergangenen 14 Jahren - wobei es die ersten Berührungspunkte schon vor über 45 Jahren gegeben hat. "Das hängt damit zusammen, dass ich schon immer ziemlich bergaffin war", erzählt der gebürtige Dachauer. Und deswegen ist er bereits 1970 mit dem Alpenverein München ins Fichtelgebirge aufgebrochen. "Mit dem Pkw waren wir damals fünfeinhalb Stunden unterwegs - einfache Strecke wohlgemerkt", erinnert sich Lerchenberg. Erstmals ist er damals durchs Felsenlabyrinth gelaufen und zum ersten Mal hat er auch einen Blick auf die Luisenburg-Bühne geworfen: "Da konnte noch keiner ahnen, wie mich die Bühne prägt", sagt er.

Wenn Lerchenberg über das Fichtelgebirge redet, kommt er ins Schwärmen: "Die Region hat etwas absolut Liebenswertes!" Besonders die Natur hat es ihm angetan, stundenlang könne man hier wandern, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Auch das Felsenlabyrinth, in dessen unmittelbarer Nähe er die vergangenen 14 Jahre arbeiten durfte, sei noch heute hoch faszinierend. "Ich staune jedes Mal wieder, was ich dort entdecke. Das ist ein echtes Naturwunder", weiß er. Und dass die Berge nicht so hoch sind wie beispielsweise die Alpen, sei nicht weiter schlimm: "Es kommt ja nicht auf die Höhe an."

140 000 Zuschauer

Und doch war Lerchenberg verantwortlich für Höhen, auf die es dann doch ankommt - vor allem bei einem Theater wie der Luisenburg, die im Vergleich zu einem Staatstheater oder anderen Festspielen mit relativ wenig Subventionen auskommt. Wer im Schnitt etwa 140 000 Zuschauer pro Spielzeit nach Wunsiedel lockt, der hat höchst erfolgreich und effizient gearbeitet. Der Intendant, der die Luisenburg als Schauspieler seit 1980 kannte, hat von Beginn an angepackt, er hat die Festspiele in den vergangenen regelrecht revolutioniert.

Das ging bereits mit dem für die Besucher offensichtlichsten los - nämlich dem Spielplan. Plötzlich war 2004 darauf mit "Anatevka" ein Musical zu finden, das alle Erwartungen sprengte und eine Spielzeit später gleich die Wiederaufnahme erlebte. Diese Art des Musiktheaters ist aus der Felsenwelt von Wunsiedel heute nicht mehr wegzudenken, in den Spielzeiten 2016 und 2017 machten und machen sich Musicalfans aus ganz Deutschland auf zur Luisenburg, um "Cats" zu erleben. "Ich war von jedem Spielplan überzeugt und habe mir die Entscheidung nie leicht gemacht", betont Lerchenberg.

Gewiss, auf manches hat er auch verzichten müssen, wie er einräumt. Das war aber eben auch der Art der Finanzierung der Festspiele geschuldet. "Wer keine großen Subventionen hat, kann als Theater auch weniger experimentieren", erklärt der Intendant. Das müsse man sich auch leisten können. Gerade im Bereich der Klassiker - also Schiller, Goethe oder auch Shakespeare - hätte Lerchenberg in den vergangenen Jahren gerne noch etwas mehr gewagt. "Macbeth wäre schon noch so ein Traum gewesen - und da hätte es bei jeder Vorstellung herunterschütten müssen", malt er sich dies mit einem Lächeln aus. Gleichzeitig müsse man aber auch feststellen, dass die "Klassiker-Akzeptanz" immer mehr abnehme in einer Zeit, die von Optik geprägt sei.

"Theater ist analog, weder digital noch virtuell", sagt der Schauspieler. Nicht die alleinige, aber eine Teilschuld für diese Entwicklung liege auch in der von der Schule vermittelten Sprach- und Bildungskompetenz. Selbstkritik ist Lerchenberg nicht fremd und deswegen weiß er auch, wo er rückblickend "vielleicht einen Fehler" gemacht hat - dass er nämlich den von Beginn an eingeschlagenen Weg beim Thema "ernstes Volksstück" nicht geradliniger weitergegangen ist.

Das ändert aber nichts daran, dass Lerchenberg als großer Theater-Revolutionär in die Luisenburg-Geschichte eingehen wird - seine Anstöße umfassten auch die Modernisierung der Ton- und Lichttechnik, die Einführung der Theaterpädagogik, die Wiedereinführung der Schülervorstellungen, die Uraufführungen von Kinder- und Familienstücken und noch ganz viel mehr. Und natürlich fiel in Lerchenbergs Zeit auch der millionenschwere Umbau des Betriebsgebäudes, der professionelle Arbeitsbedingungen ermöglicht.

Ehefrau als große Stütze

Mit der Lerchenberg'schen Revolution wurde für die Festspiele das Bestmögliche erreicht - wer etwas Ahnung vom Theaterbetrieb hat, wird dem nicht widersprechen. Und der Intendant, der am 3. August seinen 64. Geburtstag feiert, ist dabei keinen Konflikten und Widerständen aus dem Weg gegangen. "Ich denke, ich kann von mir behaupten, dass ich mich nicht habe verbiegen lassen", sagt er selbst.

Große Stütze, Ratgeberin und auch Kritikerin in den vergangenen Jahren war Ehefrau Eva-Maria. Man kann sich gut vorstellen, dass der Intendanten-Job gelegentlich auch einsam mache. "Und wer sagt einem Intendanten schon die Wahrheit?", stellt Lerchenberg vorwurfsfrei fest. Das hierarchische System an einem Theater bedinge dies nun einmal, da dürfe man sich keinen falschen Illusionen hingeben. Umso wichtiger und wertvoller sei es dann, wenn Freundschaften und "gute Partnerschaften" mit Kollegen entstehen. "Und wenn mir dann von Schauspielern oder Regisseuren gesagt wird, dass sie sich auf der Luisenburg gut aufgehoben fühlen, dann bin ich sehr zufrieden", ergänzt Lerchenberg.

Theater erzeugt Emotionen bei den Zuschauern - man lacht, man weint, man kommt ins Grübeln. "Die lachende und die weinende Maske hängen immer nebeneinander", sagt Michael Lerchenberg. Das gilt aber auch für die Akteure auf und hinter der Bühne. Es berührt den Intendanten immer noch und er gerät ins Stocken, wenn er von der Festspiel-Saison 2016 spricht, wenn er davon erzählt, wie das ganze Ensemble die letzte Vorstellung des "Verkauften Großvaters" Michael Altmann erlebt hat - wissend, dass er nicht nur von der Luisenburg-Bühne, sondern auch von der Lebens-Bühne Abschied nimmt. Auch die Eltern des Intendanten sind in den vergangenen 14 Jahren verstorben. "Ich bin zweimal mit dem Gefühl ins Fichtelgebirge gefahren, einen geliebten Menschen nicht mehr zu sehen", erinnert er sich - und so ist es dann auch eingetreten.

"Auf den Bergen wohnt die Freiheit!" - das alte Jennerwein-Lied fällt Michael Lerchenberg ein, wenn er von den Prinzenfelsen aus über die Höhen des Fichtelgebirges schaut. Auch er selber hat sich im Spätsommer 2016 eine Freiheit genommen - nämlich zu sagen, dass er seine Intendanten-Zeit ein Jahr früher beendet als ursprünglich geplant. "Es ist gut wie es jetzt ist", betont er. Mit öffentlichen Ratschlägen an die künftige Künstlerische Leiterin der Festspiele hält er sich zurück. Eines ist ihm aber wichtig: "Der Weg einer Entprofessionalisierung auf Kosten der Qualität wäre der größte Fehler, den man machen könnte."

Dem Oberbayern Michael Lerchenberg ist es in den vergangenen Jahren gelungen, sich mit der Luisenburg von anderen Theatern abzuheben, eine Qualität in der vermeintlichen Provinz auf die Bühne zu bringen, die die großen Metropolen vergessen lässt. Ein neues "Luisenburg-Gefühl" ist entstanden, ein Gefühl, das auch in der Zeit nach Michael Lerchenberg anhalten wird.

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