18.02.2018 - 07:53 Uhr

Industriedenkmal von Walter Gropius solll mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit Glaskathedrale im rechten Licht

100 Jahre Bauhaus, wenn das mal kein Anlass zum Feiern ist. Dieses Jubiläum spielt auch in Amberg eine Rolle. Walter Gropius ist das Stichwort dafür. Dem Architekten verdankt die Stadt ein wunderbares Industriedenkmal: die Glaskathedrale.

Mit der Glaskathedrale in Amberg setzte Walter Gropius einst industriearchitektonische Maßstäbe, auch wenn er deren Fertigstellung nicht mehr erlebte. Das Kulturreferat will den in Fachkreisen höchstgelobten Bau mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken und an seinen Erbauer erinnern - exakt 50 Jahre nach dessen Tod. Bild: Steinbacher
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Die Gründung von Bauhaus durch Architekt Walter Gropius als Kunstschule in Weimar erfolgte 1919. Somit wird das 100-Jährige erst nächstes Jahr gefeiert. Doch ab Herbst 2018 will die Stadt auf den Architekten und die Verbindung zu Amberg aufmerksam machen. Vielleicht, um dem vorzubeugen, was sich teilweise im Jubiläumsjahr der Reformation vollzog: "Im März konnten viele das Thema Luther schon gar nicht mehr hören", erinnert sich Kulturreferent Wolfgang Dersch.

Drei Projekte rund um den 100. Bauhaus-Geburtstag sind in Amberg am Laufen. Zum einen ist ab November eine Ausstellung im Stadtmuseum geplant. Ihr Thema: Gropius, Rosenthal und Bauhaus-Geschichte. Zudem soll eine Dokumentation über die Glaskathedrale erscheinen. Dazu waren vor zwei Jahren Wolfgang Dersch und Baureferent Markus Kühne nach Boston gereist. Dort lebte nicht nur Walter Gropius, der 1934 vor den Nazis über England nach Amerika emigrierte, bis zu seinen Tod im Jahre 1969. Dort wohnt heute noch Gropius' einstiger Assistent: Alexander Cvijanovic, inzwischen 94 Jahre alt. Dersch erklärt, dass die Boston-Reise für all das, was rund um Gropius, Rosenthal und Glaskathedrale geplant ist, die Grundlage war. "Ohne diese Reise wären wir nicht da, wo wir heute sind." Dersch und Kühne bekamen Einblicke in die Zusammenarbeit von Cvijanovic, damals um die 40, und dem doppelt so alten Walter Gropius.

Als eine wahre Fundgrube entpuppte sich das Massachusetts Institute of Technology (MIT). In dessen Archiv schlummert eine Reihe von Plänen. Darüber war sogar Professorin Karin Wilhelm, eine Expertin in Sachen Industrie-Architektur von Walter Gropius, sehr überrascht. Sie dachte bislang, diese Entwürfe seien bei der renommierten Harvard-Universität. Schließlich hatte Gropius dort unterrichtet. Als in den 1990er-Jahren Gropius' Büro ausgeräumt wurde, wurde alles in Kisten verpackt und in einer Turnhalle gelagert. Spekuliert wurde, die Unterlagen höchstbietend verkaufen zu können. Doch haben wollte sie niemand. Schließlich meldete sich der Leiter des MIT-Archivs, er war bereit, den Büro-Nachlass zu übernehmen, allerdings ohne etwas dafür zu bezahlen. Die Kisten schlummerten fortan im Dornröschenschlaf, wurden erst ein Jahr vor der Boston-Reise der Amberger Referenten geöffnet. Längst hat sich auch das Bauhaus-Archiv in Berlin bei den Amerikanern gemeldet und möchte die Originale haben. "Und wir profitieren davon", freut sich Dersch.

Für die Dokumentation hat der Kulturreferent bereits die Zusage von Karin Wilhelm, dass sie einen Beitrag für das Buch verfassen würde. Sie nämlich misst der Glaskathedrale in Amberg eine hohe architektonische Bedeutung bei. Angefragt und ebenfalls um einen Beitrag gebeten wurde Annemarie Jaeggi, Direktorin des Bauhaus-Archivs in Berlin. "Das sind namhafte Experten für Gropius und Bauhaus", so Dersch.

Die Glaskathedrale in Amberg wurde 1970 fertiggestellt. Walter Gropius erlebte dies nicht mehr, er war 1969 gestorben. Weltweit war Amberg damals in der Presse, denn die Glaskathedrale war etwas Spektakuläres und Sensationelles. "Gropius hat Revolutionäres geschaffen", sagt Dersch. Glashütten waren zur damaligen Zeit finstere Höhlen; Orte, an denen Arbeiter in größter Hitze malochen mussten. Und dann kam Gropius mit seinem lichtdurchfluteten Bau, der nicht nur architektonisch für Aufsehen sorgte, sondern auch über eine spezielle Belüftungsanlage verfügte, der den Arbeitern die Hitze erträglicher machte. Glas wird am Bergsteig immer noch produziert, allerdings nicht mehr von Rosenthal. Die Glaskathedrale ist längst im Besitz der österreichischen Riedel Glas. din in der Kristall-Glasfabrik Amberg, wie das Werk offiziell heißt, maschinell Trinkgläser produziert - 19 Millionen Stück pro Jahr. Wolfgang Dersch ist bei seinen Erzählungen in der Gegenwart angekommen. Und damit beim dritten Projekt, das auf die Beine gestellt werden soll. "Wir bekommen in der Glaskathedrale einen Raum, den wir gestalten dürfen. Sozusagen als Außenstelle des Stadtmuseums." Geplant ist, spezielle Führungen anzubieten, damit Interessierte einen Einblick in die industrielle Glasproduktion bekommen.

"Bei all dem ist uns wichtig, dass wir die Produktionsabläufe so wenig wie möglich stören." Deshalb soll es nur einen kleinen Pool von Stadtführern für die Glaskathedrale geben, die Rundgänge selbst werden auf maximal 25 Leute beschränkt sein. Dersch ist froh, dass Maximilian Riedel, Junior-Chef von Riedel Glas, grünes Licht dafür gegeben hat. Und dankbar, dass Armin Reichelt, Geschäftsführer der Werke Amberg und Weiden, ihn beim Vorhaben, die Glaskathedrale ein bisschen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, enorm unterstützten.

Gropius & Amberg

Getrost darf man sagen, dass Walter Gropius die moderne Architektur geprägt hat. Experten sprechen von einer radikalen Formensprache. Walter Gropius hatte Anfang des 20. Jahrhunderts die Vision, eine völlig neue Baukunst zu erschaffen - er nannte sie Bauhaus. Bereits sein erster großer Auftrag, das 1911 in Alfeld an der Leine errichtete Fagus-Werk, sorgte für Aufsehen. Das weltweit als Ursprungsbau der Moderne geltende Gebäude ist seit sieben Jahren Weltkulturerbe der Unesco.

Die Glaskathedrale in Amberg war nicht die erste Arbeit, die Gropius für die Rosenthal AG erledigte. Bereits drei Jahre vor der Fertigstellung der Produktionshalle in Amberg hatte Gropius für die Rosenthal AG deren neues Porzellanwerk in Selb geplant. Einer, der sich noch gut an die Anfänge der Glaskathedrale in Amberg erinnern kann, ist Xaver Hofmeister. Der Glas-Spezialist war damals tief beeindruckt von der Konstruktion aus Stahl und Glas, die viel Licht in das Innere der Glasmanufaktur ließ, wie er Kulturreferent Wolfgang Dersch erzählte.

Auch für einen berühmten New Yorker Wolkenkratzer an der Park Avenue in Manhattan lieferte Walter Gropius einst den Entwurf: das MetLife Building (bis 1993 Pan Am Building). (san)

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