Interview mit Christa Standecker, Geschäftsführerin der Metropolregion Nürnberg
Weltneugier und starke Werte

Christa Standecker leitet die Geschäftsstelle der Metropolregion Nürnberg. Die gebürtige Hahnbacherin ist Ansprechpartnerin für 44 kreisfreie Städte und Landkreise in Franken und der Oberpfalz. Bild: Jürgen Haas

Die Metropolregion Nürnberg zeigt Gesicht - mit der neuen Imagekampagne, aber auch mit ihrer Geschäftsführerin. Bei dem Zusammenschluss von 44 Städten und Landkreisen hält Christa Standecker die Fäden in der Hand, eine gebürtige Hahnbacherin.

-Sulzbach. Christa Standecker ist die Frau, die im Hintergrund alles dafür tut, damit die Metropolregion Nürnberg in der Erfolgsspur bleibt. Anfangs vor allem von den Oberpfälzern skeptisch beäugt, hat sich der Verbund der Landkreise und kreisfreien Städte rund um den Großraum Nürnberg mittlerweile etabliert. Wir haben mit der gebürtigen Hahnbacherin gesprochen, wie es dazu kam.

Oberpfälzer und die Franken pflegen ja bisweilen eine Hass-Liebe. Wirkt sich das hinderlich auf Ihre Arbeit aus?

Standecker: Nein, sie ist nicht hinderlich, sondern eher förderlich! Die Oberpfälzer sind das Salz in der Suppe der Metropolregion Nürnberg. Durch ihre barocke Feste-Kultur, ihren prägnanten Dialekt und nicht zuletzt den Zoigl und die Bauernseufzer bereichern sie die Oberpfälzer die Metropolregion kulturell.

Sie stammen ja aus Hahnbach. Wie lange waren Sie hier, was haben Sie mitgenommen in die fränkische Metropole?

Ich habe meine Kindheit und Jugend in der Oberpfalz verbracht. Erst nach meinem Abitur mit knapp 18 Jahren ging es hinaus in die Welt. Die Oberpfälzer Lebensweise und Kultur haben mich stark geprägt. Dazu gehören das "Geradeheraus" und die Verlässlichkeit. Mitgenommen habe ich eine bodenständige Weltneugier und eine starke Werteorientierung. Sie hilft, in all dem Wandel eine gute Richtung zu finden und zu halten.

Welche Pluspunkte haben Amberg und Amberg-Sulzbach eingebracht in die Metropolregion?

Das Thema Hochschule und Wissenschaft wird seit Anfang gespielt. Schon 2009 fand einer der ersten Wissenschaftstage der Metropolregion in Amberg statt. 2019 soll der 13. in Weiden stattfinden. Zudem macht das Siemens-Werk in Amberg Stadt und Landkreis bekannt. Im vergangenen Jahr waren wir mit gut 50 Unternehmerinnen und Unternehmern dort. Dann ist die hohe Lebensqualität ein Pluspunkt. Die Regionalinitiative "Original Regional aus dem Amberg-Sulzbacher Land" ist vor kurzem gestartet. Mehr als 60 Betriebe gibt es, die ihre landwirtschaftlich erzeugten Produkte direkt ab Hof oder auf Bauernmärkten verkaufen.

Viele Amberg-Sulzbacher arbeiten ja auch im Großraum Nürnberg...

Wie wirtschaftlich eng verflochten der Landkreis und die Stadt mit dem Ballungsraum sind, zeigen die Pendlerverflechtungen. Täglich pendeln aus Amberg und Amberg-Sulzbach gut 2000 Personen in die Stadt Nürnberg und nach ganz Mittelfranken knapp 4900.

Die Metropolregion erstreckt sich mittlerweile bis nach Mähring an der tschechischen Grenze. Wie kann sich ein Oberpfälzer Grenzlandbewohner mit Nürnberg identifizieren?

Als 2008 der Paneuropa-Radweg von Paris über Nürnberg nach Prag mit einem Metropolregions-Fest in Nürnberg eröffnet wurde, reiste zu unserer Überraschung ein ganzer Bus mit begeistertem Bürgermeister und Bürgerschaft aus Eslarn an. Der damalige Landrat Simon Wittmann hatte seinen Bocklradweg als Teil der großen Europäischen Verkehrsachse Paris Nürnberg Prag verstanden und deshalb in die Metropolregion eingebracht. Für die Nürnberger, Erlanger und Fürther ist Eslarn freilich weit weg. Aber der Paneuropa-Radweg zeigt, um was es in der Metropolregion geht: wir sind gemeinsam angebunden an großräumige europäische Verkehrsachsen und haben deshalb gemeinsame Interessen. Wenn wir uns zusammentun, erreichen wir mehr. Der Erfolg des Paneuropa-Radwegs belegt das.

Die Identifikation mit der Metropolregion müsste den Amberg-Sulzbachern leichter fallen. Allein wegen des fränkischen Einschlags im Hirschbacher Dialekt. Gibt's auch umgekehrte Einflüsse?

Kennen Sie den Spruch: "Jeder echte Nürnberger hat eine Oberpfälzer Großmutter"? Es ist tatsächlich so, dass die Oberpfälzer geschichtlich die wichtigste Gruppe der Zuwanderer sind, Stichwort Industrialisierung. Nicht nur das: In meiner Kindheit haben Busse von Quelle, Grundig und anderen Großunternehmen Oberpfälzer eingesammelt, zur Arbeit und wieder nach Hause gebracht. Der Einfluss war so stark, dass der Nürnberger heute nicht mehr zu den fränkischen Dialekten gezählt wird, sondern eine Ausnahmestellung hat.

Die Metropolregion Nürnberg scheint mitunter eher ländlich geprägt zu sein, stimmt das?

Die 57 Oberbürgermeister, Bürgermeister und Landräte in der Metropolregion vertreten in der Tat ganz unterschiedlich strukturierte Teilräume mit insgesamt 3,5 Millionen Einwohnern. Wir sind durch und durch polyzentral, das heißt "vielgestaltig". Da gibt es den hochverdichteten Ballungsraum Nürnberg-Fürth-Erlangen-Schwabach mit anliegenden Landkreisen und rund 1,5 Millionen Einwohnern. Die verbleibenden zwei Millionen Einwohner teilen sich auf mittelgroße Städte wie Amberg, Bamberg, Coburg mit Einwohnern zwischen 40 000 und 80 000 Einwohnern auf, sowie auf kleine Städte und Gemeinden.

Ist das im Wettbewerb der Metropolregionen ein Nach- oder ein Vorteil?

Da sind sich alle einig: es ist ein Vorteil. Der gute Stadt-Land-Mix ist in die Zukunft gedacht nachhaltiger als eine durch eine dominante Großstadt geprägte Metropolregion. Wir wollen die bestehende polyzentrale Struktur mit Städten und Kommunen unterschiedlicher Größe und mit ländlichen Räumen stärken. "Ein Netz mit vielen starken Knoten" ist unser Bild für die Metropolregion in der Zukunft. Deshalb wurden wir beispielsweise für die OECD-Studie "Rural-Urban Partnerships" ausgewählt, die weltweit Regionen mit Stadt-Land-Kooperationen untersucht hat.

Alle vernetzen sich scheinbar. Sogar Amberg und seine Umlandgemeinden haben einen gemeinsamen Wirtschaftsraum gegründet. Man hat den Eindruck, vor lauter Bündnissen kennt sich keiner mehr aus. Besteht die Gefahr, sich zu verzetteln?

Der Drang zu Kooperationen hat einen guten Grund: die administrativen Grenzen der Landkreise und Städte sind zur Erfüllung von speziellen Aufgaben und Herausforderungen nicht ausreichend. Ursachen dafür sind veränderte Lebensgewohnheiten, Wirtschaftswachstum und technologischer Fortschritt. Nehmen Sie zum Beispiel das Thema Mobilität: Wir bewegen uns im Alltag in immer größeren Räumen. Um diese Mobilität für ihre Bürger sicherzustellen, sind Amberg und der Landkreis Amberg-Sulzbach seit vielen Jahren Teil des Verkehrsverbundes Großraum Nürnberg (VGN).

Auch bei Flächen- und Erweiterungsfragen von Unternehmen muss und wird über Stadt- und Gemeindegrenzen hinausgedacht. Hier greift der angesprochene gemeinsame Wirtschaftsraum Amberg plus Umlandgemeinden. Sie sehen: Kirchturmpolitik ist nicht mehr mit unserer heutigen Zeit vereinbar. Kooperation heißt die Erfolgsformel. Die Zukunft gehört den Netzwerkern und denen, die zusammenarbeiten.

Ein Teil des Landkreises ist auch Richtung Regensburg orientiert. Was ist eigentlich mit unserer Bezirkshauptstadt? Liegt die Stadt noch im Interessensgebiet der Metropolregion?

Regensburg ist als Wirtschaftsraum unter anderem stark nach Oberbayern und Tschechien verflochten. Verflechtungen in die Metropolregion gibt es; sie sind aber offensichtlich nicht so bedeutsam, als dass die Stadt eine Kooperation anstrebt.

Es ist tatsächlich so, dass die Oberpfälzer geschichtlich die wichtigste Gruppe der Zuwanderer sind, Stichwort Industrialisierung.Christa Standecker über Nürnberg und die Einflüsse der Nachbarregionen


Kirchturmpolitik ist nicht mehr mit unserer heutigen Zeit vereinbar. Kooperation heißt die Erfolgsformel.Christa Standecker über die Fülle von Bündnissen und Netzwerken
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