20.02.2021 - 00:35 Uhr
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Corona-Leben im offenen Wohnraum: Wir brauchen wieder Wände

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Modernes Wohnen kennt keine Wände. Aber der offene Grundriss hat im Lockdown mit Home-Office und Homeschooling gravierende Nachteile: Es gibt kaum Rückzugsorte. Was nun?

Zum Zurückziehen: Sofas und andere Sitzelemente wie das Baukastensystem S5000 Retreat von Thonet mit hohen Rücken- und Seitenwänden bilden einen Raum im Raum. In diesem Fall sind Ergänzungen wie Tische und Steckdosen möglich, um aus den Sitzecken auch Arbeitsplätze zu machen.
von Agentur DPAProfil

In nahezu jedem Neubau und in vielen sanierten Altbauten sind die Grundrisse inzwischen offen. Die Küche geht fließend ins Esszimmer über, dieses wiederum ins Wohnzimmer. Büro, Spielzimmer und im Extremfall sogar die Schlafzimmer sind Teil eines großen, fast Zwischenwand-losen Wohnraums. Für viele ein Traum.

Doch dann kamen Corona und die Beschränkungen für den Alltag, Home-Office und Homeschooling - und die ganze Familie sitzt ständig zu Hause aufeinander. Viel länger und intensiver als früher. Ohne Wände und ohne Türen, die sich verschließen lassen.

Überlebensexperiment

Die Trendforscherin Oona Horx-Strathern vom Zukunftsinstitut beschreibt das Arbeiten von zu Hause in dieser Situation gar als "eine brutale, darwinistische Lektion in Anpassungsfähigkeit, Kreativität und Geduld". Weiter heißt es in ihrem Homereport 2021: "Trendige, offene Wohnräume oder ,Wohnküchen' schienen plötzlich weniger ein cooler Hub für soziale Interaktionen zu sein, sondern eher ein Überlebensexperiment des Stärkeren (und Schnellsten).

Die Top-Arbeitsplätze fanden sich in der Nähe von Routern oder in ruhigen Ecken; Schreibtische wurden besetzt oder entwendet, Privatsphäre wurde händeringend gesucht."

"Der offene Wohnraum ist aktuell nicht praktikabel", sagt Gabriela Kaiser, Wohn- und Trendanalystin aus Landsberg am Lech. Es fehlen einfach ruhige Plätze zum Telefonieren und Arbeiten und vor allem echte Rückzugsorte zum Luftholen und einfach mal Alleinsein. Sie plädiert daher dafür, den offenen Wohnraum mit flexiblen Trennwänden auszustatten. Oder mit Möbeln, die ebenfalls trennen können.

Paravents sind die einfachste und schnellste Lösung, um eine Ecke des Raums abzutrennen. Etwa die Arbeitsecke im Schlafzimmer, die man vom Bett aus nach Feierabend nicht sehen möchte. Oder von der aus die Kunden bei einem Videocall das Bett nicht sehen sollen. Paravents können außerdem eine Rückzugsinsel abgrenzen. Solche Trennwände sind dann ein Zeichen an die Mitbewohner, sagt Kaiser: Wenn ich dahinter bin, brauche ich mal einen Moment ohne Störung.

Außerdem können manche Modelle für eine Verbesserung der Akustik sorgen. Mit Stoff bespannte Paneele etwa dämpfen Geräusche. Eine nicht zu unterschätzende Eigenschaft, wenn man zu dritt oder zu viert in einem Raum arbeiten will.

Inseln optisch abtrennen

Experten wie Kaiser haben vor Corona noch davon gesprochen, dass es im großen offenen Wohnraum sinnvoll sei, zumindest optisch Inseln voneinander abzutrennen, um der großen Fläche Struktur zu geben. Man hat also bestimmten Bereichen bestimmte Funktionen zugewiesen - etwa zum Essen, Fernsehgucken und Arbeiten. Nun wird eine Art Rolle rückwärts vollzogen und zumindest zeitweise wieder abgetrennte Räume innerhalb des offenen Grundrisses geschaffen. Für beides - die Schaffung einer optischen Insel oder eine echte Abtrennung - eignen sich große Bücherregale, die mitten im Raum stehen. Sie können locker bestückt sein oder, wenn man eine Bücher-Wand braucht, natürlich vollgestellt werden. Kommoden-Systeme und Schrankelemente ergänzen die typischen Regaloptiken. Wer genügend Platz hat, kann sich so einen ganzen Arbeitsraum abtrennen. Viele Hersteller bieten sogar im Regal integrierte Schreibtische an.

Der Schreibtisch oder gar das Heimbüro fielen in den vergangenen Jahren zunehmend der technischen Entwicklung zum Opfer. Am kleinen Notebook oder Tablet konnte sogar von der Couch aus hin und wieder gearbeitet werden. Vor allem aber am großen Esstisch im Wohnraum. Er wurde zum Mittelpunkt des Familienlebens, zur Kommandozentrale des Alltags. Hier wurde gegessen, gespielt, diskutiert. Und: Hier schlugen viele eben auch ihr Home-Office auf, wenn sie nach Feierabend doch noch ein paar Aufgaben zu Hause erledigen mussten.

Klassenzimmer am Esstisch

Das alles hat sich nun intensiviert: Der Esstisch ersetzt das Büro, er ist sogar das Klassenzimmer geworden - und übernimmt trotzdem noch alle anderen Aufgaben aus der Zeit vor der Pandemie. Doch das System funktioniert bei den meisten nicht mehr. Die Lösung kann das Auflösen der Kommandozentrale sein - etwa, indem wieder echte Arbeitsecken oder -räume geschaffen werden.

Viele Hersteller konzentrieren sich in der Entwicklung derzeit auf Schreibtische, die besonders platzsparend sind - etwa in Form von Platten zum Ausklappen am Wandregal. Manche Sitzmöbelhersteller erschaffen zudem Sofas und Essecken mit besonders hohen Rücken- und Seitenwänden, so dass ein zu drei Seiten geschlossener Kubus entsteht. Kleine Beistell- oder integrierte Tische machen daraus nicht nur einen gemütlichen Rückzugsort, sondern auch eine Art kleines Arbeitszimmer.

Radikaler Gedankenwechsel

Und wie geht es mit der Idee des offenen Wohnraums nach Corona weiter? Kaiser ist skeptisch: "Früher hieß es immer, man muss alles auflösen und in einem großen Wohnraum verschmelzen lassen. Die Wände wurden auf ein Minimum zurückgezogen. Ich glaube, dass es jetzt einen radikalen Gedankenwechsel geben wird. Denn wir alle merken. Es ist schön, Rückzugsräume zu haben." Eine langfristige Lösung könnte zum Beispiel sein, dass je nach Wohnsituation Schiebewände eingebaut werden, die bei Bedarf ein echtes Home-Office für die Arbeitsstunden abtrennen. Oder Trennwände aus dem Bürobedarf für Großraumbüros finden einen Platz im Wohnraum. Die neuen Produkte sehen längst nicht mehr so steril aus, wie man das vielleicht noch aus der eigenen Firma kennt.

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