12.02.2021 - 19:33 Uhr
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Fettleibigkeit: Operation als letzter Ausweg

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„Ich habe alles versucht, abzunehmen“: Stark übergewichtige Patienten haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, bevor sie eine magenverkleinernde Operation in Erwägung ziehen. Experten erklären, für wen eine OP infrage kommt.

Vier Wochen, nachdem ihm die Chirurgen einen „Schlauchmagen“ geformt haben, wird ein Patient untersucht. Dabei zeugen kleine Narben auf dem Bauch des Patienten von der Operation.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Ab wann gilt man als fettleibig?

Fettleibigkeit (Adipositas) ist eine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit mit starkem Übergewicht und häufig krankhaften Auswirkungen, sagt Dr. Benjamin Stäbler, Oberarzt an der Klinik für Chirurgie am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg. Eine Adipositas ersten Grades liegt nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO ab einem Körpermasseindex (BMI) von 30 vor. Das entspricht einem Mann, der 1,80 Meter groß und 100 Kilogramm schwer ist. Ab einem BMI von 35 spricht man von Adipositas Grad zwei, ab einem BMI von 40 von Grad drei. Ein Hinweis ist auch der Umfang der Taille: Ein erhöhtes Risiko besteht für Frauen mit einem Bauchumfang ab 88 Zentimeter, für Männer ab 102 Zentimeter.

Dr. Benjamin Stäbler, Oberarzt am Caritas-Krankenhaus St. Josef.

Was sind die Ursachen?

Vor allem eine hochkalorische Ernährung und eine Abnahme körperlicher Aktivität gehören zu den Ursachen. Auch genetische Risikofaktoren können eine Rolle spielen. Dazu kommen psychische Faktoren wie beim „Frustessen“, sagt Dr. Stäbler. Weitere Gründe können Essstörungen, Schlafmangel, Stress, eine Rauchentwöhnung, die Einnahme bestimmter Medikamente oder auch frühere Schwangerschaften sein. Auch hormonelle Ursachen gibt es, wie eine Schilddrüsenunterfunktion. „Und häufig bestehen zwischen all diesen Ursachen Zusammenhänge, die für den Einzelnen erst mal nicht ersichtlich sind“, sagt Beate Birnbaum, Ernährungsberaterin im Adipositas-Zentrum am Caritas-Krankenhaus St. Josef. Sie verweist auch auf den veränderten Lebenswandel der Menschen. Der Körper habe sich seit der Steinzeit nicht wirklich verändert – doch damals hatte der Mensch viel mehr Bewegung und oft weniger und andere Lebensmittel.

Welche Gefahren bringt Fettleibigkeit mit sich?

Neben einer Beeinflussung der Lebensqualität erhöht Adipositas das Risiko für eine Vielzahl an Krankheiten. Dazu gehören laut Dr. Stäbler Altersdiabetes, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Reicht eine Diät nicht, um die überschüssigen Pfunde loszuwerden?

Eine Diät ist bei Adipositas nicht die alleinige Lösung, sagt Ernährungsberaterin Birnbaum. Vielmehr führe sie oft zu einem Jojo-Effekt, sobald man beginnt, wieder „normal“ zu essen. Wenn alte Ernährungsgewohnheiten wieder aufgenommen werden, habe das wegen des nunmehr geringeren Grundumsatzes des Körpers meist eine stark beschleunigte Gewichtszunahme zur Folge.

Welche Therapie ist die richtige?

Vorgesehen ist ein eskalierender Therapiepfad, erklärt Dr. Stäbler. In der Regel wird sechs bis zwölf Monate versucht, die Krankheit konservativ zu behandeln – mit einer Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Falls sich der erwünschte Erfolg dabei nicht einstellt, sollte ein chirurgischer Eingriff erwogen werden. In der Ernährungstherapie geht es auch im Vorfeld schon ganz konkret um die richtige Nahrungsaufnahme nach einer OP, sagt Birnbaum.

In welchen Fällen kommt eine Operation infrage?

Nach aktuellen Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften kommt eine OP infrage, wenn der BMI eines Patienten höher als 40 ist oder der BMI zwischen 35 und 40 liegt und zusätzlich andere Erkrankungen bestehen. Außerdem muss die konservative Therapie ausgeschöpft sein, erklärt Dr. Stäbler. Diese Voraussetzungen müssen auch vorliegen, damit die Krankenkasse die Kosten für die Operation übernimmt.

Ernährungsberaterin Beate Birnbaum.

Welche OP-Möglichkeiten gibt es?

Operiert wird minimalinvasiv per Schlüsselloch-OP. Bis 2010 wurden vor allem Magenbänder eingesetzt, sagt Dr. Stäbler. Doch diese hätten in der Folgezeit teils zu Komplikationen geführt. Auch die Ergebnisse seien nicht immer zufriedenstellend gewesen. Im Schnitt verloren die Patienten mit dieser Methode 50 Prozent ihres Übergewichts. Eine bessere Erfolgsquote hätten die heutigen Standardverfahren, die Schlauchmagenbildung und der Magenbypass, bei denen im Schnitt 60 bis 70 Prozent des Übergewichts schmelzen.

Wie geht es nach der OP weiter?

Die Verkleinerung des Magens ist ein wichtiger Schritt, sagt Ernährungsberaterin Birnbaum. Doch die eigentliche Arbeit beginnt danach. „Denn nur, weil jemand einen kleinen Magen hat, nimmt er nicht automatisch ab. Auch da passen Nuss-Nougat-Creme, süße Limo oder fetter Käse rein.“ In einer Ernährungsberatung lernen die Patienten, regelmäßig, langsam, gesund und in kleineren Portionen zu essen und zu trinken. Belohnt werden die Mühen mit einem positiven Effekt auf die Lebensqualität und -erwartung, sagt Dr. Stäbler. Schmerzen, körperliche Beeinträchtigungen oder auch psychische Probleme können sich deutlich mildern oder ganz verschwinden.

Schlauchmagen-Operation:

Daniel Lech verliert über 75 Kilo

Daniel Lech, 36, hat sich Anfang vergangenen Jahres einer Schlauchmagen-Operation am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg unterzogen. Zuvor wog er 175 Kilogramm, sein Blutdruck war viel zu hoch, auch arbeiten konnte er nicht mehr. „Für mich stand fest: Ich muss etwas ändern. Nicht nur für mich, sondern vor allem meiner Frau und meiner Tochter zuliebe“, sagt Lech. Heute ist sein Gewicht zweistellig und er ist Vorsitzender der Selbsthilfegruppe Adipositas am Caritas-Krankenhaus St. Josef.

Mit einem BMI über 50 hatte Lech die strengen Kriterien für eine Adipositas-Operation überdeutlich erfüllt. Dennoch ging es auch für ihn vor der OP mehrere Monate zur Ernährungs- und Bewegungstherapie. Dort lernte er unter anderem, wie er genügend Mineral- und Nährstoffe zu sich nehmen kann, wenn nach der OP nur noch rund 100 Milliliter in seinen Magen passen. In einem minimalinvasiven Eingriff wurden ihm dann rund 90 Prozent des Magens entfernt, übrig blieb nur ein schlauchförmiger Rest. Nach vier Tagen im Krankenhaus durfte Lech wieder zurück nach Hause zu seiner Familie.

Schnell merkte er, dass er kaum noch Hunger hatte und nur noch wenig zu sich nehmen konnte. „Meistens esse ich um 8, um 12 und um 18 Uhr, dazwischen gibt es vielleicht mal ein bisschen Obst – oder auch eine kleine Hand voll Linsenchips, wenn ich mir was gönnen mag“, erzählt Lech. Und so purzelte Kilo um Kilo. Seine nächtlichen Atemaussetzer sind weg, die Schmerzen in Knien und Sprunggelenk deutlich besser und sein Blutdruck ist auf ein gesundes Niveau gesunken. Auch beruflich und privat läuft es gut: „Ich arbeite seit einigen Monaten bei der Müllbeseitigung, allein da mache ich schon 12 000 Schritte.“

Sein altes Hemd passt Daniel Lech längst nicht mehr. Nach einer Schlauchmagen-OP hat er 75 Kilogramm abgenommen.

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