22.05.2018 - 17:44 Uhr
Deutschland & Welt

Gewerkschaft beklagt Mindestlohn-Betrug in Hotels und Gaststätten Schlecht eingeschenkt

"Die Hotel- und Gaststättenbranche leidet unter ihrem katastrophalen Ruf", sagt Jan Körper, Gewerkschaftssekretär in Bayreuth. Die Oberfranken stellen auch in der nördlichen Oberpfalz ein erhebliches Maß an Mindestlohn-Betrug fest - Bedienungen und Köchen wird schlecht eingeschenkt.

Nicht nur die Maß auf der Wies'n ist oft halbleer: Auch die Beschäftigten in der Gastronomie gehen oft leer aus. Bild: Felix Hörhager/dpa
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Bayreuth/Amberg. Das Hauptzollamt in Regensburg leitete im vergangenen Jahr 138 Ermittlungsverfahren gegen Arbeitgeber ein, die gegen das Mindestlohngesetz verstoßen haben: "Die Dunkelziffer ist aber weit höher", ist sich Jan Körper von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sicher. Einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge hätten 2016 rund 1,8 Millionen Beschäftigte weniger als den Mindestlohn bekommen. "Im Hotel- und Gaststättengewerbe", sagt der NGG-Vertreter, "bekommen 38 Prozent einen Lohn unter dem gesetzlichen Minimum, wie eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung zeigt."

Die Diskrepanz zwischen der niedrigen Zahl an Anzeigen und der tatsächlichen Verstöße führt die Gewerkschaft auf die schlechte personelle Ausstattung beim Zoll zurück. Allein im Landkreis Tirschenreuth gebe es 133 Hotels und Gaststätten. "Dagegen wurden 2017 im gesamten Bereich des Regensburger Zolls nur 191 Betriebe geprüft", sagt Körper. "Der Zoll kann am wenigsten dafür, man muss da kräftig aufstocken."

Verstöße könnten vielfältig sein: "Da ist die Reinigungskraft die einfach zwei Zimmer mehr in der selben Zeit putzen soll, und wenn sie es nicht schafft, muss sie es eben in unbezahlten Überstunden tun", erklärt der Gewerkschafter. Generell hält er den Vorwurf der Arbeitgeber, das Mindestlohngesetz sei ein Bürokratiemonster für maßlos überzogen: "Es muss doch möglich sein, die Arbeitszeit und damit auch die Überstunden zu erfassen." Körper rät den Beschäftigten, ihre Arbeitszeit selbst zu dokumentieren: "Die Arbeitsgerichte gehen gerade in unserer Branche wohlwollend damit um."

Verwunderlich findet der NGG-Mann dass die Branche trotz Personalmangels nicht versucht, die Arbeitsbedingungen zu verbessern: "Der Verband übt immer nur Druck auf den Gesetzgeber aus, die Regeln zu lockern." Darunter würden auch Musterbetriebe leiden. Körper sieht allerdings auch die Notwendigkeit zu differenzieren: "Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich ein Dorfwirtshaus oder die Filiale einer Kette in der Großstadt habe - wir haben bei den Brauern einen Tarifvertrag für den Mittelstand und einen für Konzerne." Der Arbeitsmarkt sei leer gefegt: "Das merken sie besonders bei Azubis, die sich das nicht antun."

Gut gehegtes Personal

Josef Forster, Pächter des Brauwirtshauses zum Bruckmüller in Amberg und Vorstandsmitglied beim Hotel- und Gaststättenverband, Kreis Amberg-Sulzbach, kann die hohe Zahl an Verstößen kaum glauben: "Man findet doch heute kaum noch Leute, die unter dem Minimum arbeiten - mit Ausnahme von Küchenhilfen vielleicht." Bei nicht gerade familienfreundlichen Arbeitszeiten eines Kochs oder einer Bedienung brauche er mit dem Mindestlohn nicht anzufangen. Gutes Personal hege und pflege man: "Toi, toi, toi, wir haben unser Stammpersonal seit Jahren." Anders sieht's bei Azubis aus: "Ich hatte einen unbegleiteten Jugendlichen aus Afghanistan als Praktikanten", erzählt Forster, "er wollte Koch werden - ich hab' noch nie einen solch fleißigen und überdurchschnittlich begabten Jungen erlebt." Das Ende vom Lied: "Nach zehn Tagen wollte ich ihm einen Lehrvertrag geben, der wurde von der Regierung nicht akzeptiert." Auch eine Stellungnahme des Verbands, die dem Jungen hohen Integrationswillen bescheinigte, nützte nichts.

Auch für Konstantin Schatz, Juniorchef im Amberger Hotel Brunner und Dehoga-Kreisvorstand, ist der Mindestlohn kein Thema: "Wir zahlen über Tarif, kommen nicht mal in dessen Nähe." Schatz setzt Fachkräfte im Hotel- und Gastronomiebereich ein: "Momentan ist eine Azubi-Stelle ausgeschrieben", sagt der Arbeitgeber, "bisher hat sich keiner gemeldet." Man gehe auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter ein, aber die Schicht müsse halt abgedeckt sein: "Der Gast hat immer Recht."

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